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Leid der Zwangsarbeiter

Mit den Gedenktafeln auf dem Friedhof Gochsheim bekommen die Toten Namen und Würde zurück

Über das Schicksal der Zwangsarbeiter in ihrer Gemeinde schweigen die meisten Kommunen lieber. Kraichtal geht einen anderen Weg. Jetzt wurde auf dem Friedhof Gochsheim eine Gedenktafel installiert, die das Schicksal und die Namen der Opfer nennt.

Jörg Tauss (West-Ost-Gesellschaft Baden-Württemberg), Kraichtals Bürgermeister Tobias Borho und der russische Generalkonsul Iwan Khotulev würdigen auf dem Gochsheimer Friedhof die Opfer des Nationalsozialismus. Foto: Martin Heintzen

Sie wurden von den Nazis seit Kriegsbeginn aus vielen Ländern vor allem aus dem Osten als Beute ins Deutsche Reich verschleppt. Als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mussten sie unter oft erbärmlichen Bedingungen in Haushalten, in der Landwirtschaft und in Fabriken Frondienste leisten. Man schätzt ihre Zahl auf 20 Millionen.

Über das Schicksal der zur Zwangsarbeit Verdammten ist meist wenig bekannt. Und die Bemühungen der Städte und Gemeinden, diesen Opfern des Nationalsozialismus ein würdiges Gedenken zu gewähren, halten sich auch im Landkreis Karlsruhe in Grenzen.

Die Gemeinde Kraichtal bildet hier eine Ausnahme: Im Stadtteil Neuenbürg gibt es bereits seit zwei Jahren ein Erinnerungsmal. In Form eines aufgeklappten Buches erinnert es an die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die im Ort gelebt haben und gestorben sind, und listet deren Namen auf.

Jetzt wurde in Gochsheim ein weiterer Gedenkort mit drei Tafeln geschaffen. Sie erinnern namentlich an fünf Zwangsarbeiter, die in Gochsheim ihr Leben lassen mussten – drei Russen, ein Franzose und ein Italiener.

Russischer Generalkonsul zur Einweihung der Gedenkstätte in Gochsheim angereist

Zur Einweihung der Gedenkstätte war am Donnerstag der russische Generalkonsul Iwan Khotulev aus Frankfurt angereist. Vor 80 Jahren habe Nazi-Deutschland einen beispiellosen Vernichtungskrieg gegen die Völker der damaligen Sowjetunion begonnen und damit die größte Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts ausgelöst, erinnerte der russische Diplomat die rund 40 Teilnehmer, die zur Einweihung auf den Gochsheimer Friedhof gekommen waren.

Die heutige Aktion zeigt, dass die Toten nicht vergessen sind.
Iwan Khotulev, russischer Generalkonsul

Das Ausmaß des menschlichen Leids und der Zerstörung sei bis heute unvorstellbar, die Sowjetunion habe den größten Blutzoll bezahlt. „Die heutige Aktion zeigt, dass die Toten nicht vergessen sind. Sie erhalten ihre Namen zurück und damit einen Teil ihrer Würde, die ihnen von den Nazis geraubt wurde“, erklärte Khotulev und bedankte sich bei allen Beteiligten für die Aufarbeitung der Schicksale der Kriegstoten.

Gleichzeitig mahnte er, wachsam zu sein gegenüber Vertuschungs- und Revisionsversuchen und alles zu tun für ein friedliches Miteinander der Völker.

Fünf Gräber auf dem Friedhof in Gochsheim verschwunden

An keinem anderen NS-Verbrechen seien so viele Menschen als Opfer, als Täter oder als Zuschauer beteiligt gewesen wie beim Thema Zwangsarbeit, sagte der Vorsitzende der West-Ost-Gesellschaft Baden-Württemberg, Jörg Tauss, in der Gochsheimer Aussegnungshalle. Zwangsarbeit habe es nicht nur in fernen Industriebetrieben in Großstädten gegeben, sondern auch im Kraichgau, in Gochsheim und in den umliegenden Gemeinden.

Eine Gedenktafel mit den Namen von verstorbenen Zwangsarbeitern – wie hier in Gochsheim – gibt es im Landkreis kaum. Foto: Martin Heintzen

„Wir mussten vor zwei Jahren auf dem Gochsheimer Friedhof feststellen, dass fünf Gräber von ehemaligen Zwangsarbeitern unter Verstoß gegen das Gräbergesetz im Laufe der Jahrzehnte verschwunden waren“, erklärte Tauss. Eingesetzt waren die fünf Verstorbenen zuvor unter anderem bei der früheren Ziegelei Bott und im Sägewerk Kessler.

Gemeinsam mit dem Heimat- und Museumsverein Kraichtal und dem Verein „Jüdisches Leben Kraichgau“ habe man die Idee entwickelt, den unansehnlich gewordenen Obelisken, der an den Krieg 1870/71 erinnert, zu restaurieren und neben der Erinnerung an Zwangsarbeit die Mahnung „Nie wieder Krieg und Faschismus“ und eine Tafel zur Aussöhnung mit dem „Erbfeind“ Frankreich anzubringen.

„Dieser Idee schloss sich die Stadt Kraichtal an, sodass wir heute diese Gedenkstätte einweihen“, so der WOB-Vorsitzende.

Kranz mit Blumen in den russischen und französischen Nationalfarben

Gemeinsam mit dem russischen Generalkonsul legte Tauss am Gedenkort einen Kranz mit Blumen in den russischen und französischen Nationalfarben nieder. Kraichtals Bürgermeister Tobias Borho sprach die Hoffnung aus, dass diese Gedenktafel als Mahnung diene, die Vergangenheit nicht zu vergessen, und als Warnung, auch heute der Gefahr durch Faschismus, Rassismus und antidemokratischen Bewegungen gewahr zu sein.

Michael Staudte, der Vorsitzende des Heimat- und Museumsvereins Kraichtal, erinnerte daran, dass bei den Nazis hinter der Zwangsarbeit der Gedanke „Vernichtung durch Arbeit“ stand. Weil Zwangsarbeiter in so gut wie allen Bereichen eingesetzt waren, greife auch die Behauptung vieler nicht, man habe davon nichts gewusst.

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