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Kirchenaustritte

Eine Entscheidung gegen den Trend: 31-Jähriger aus Kraichtal wird evangelischer Pfarrer

Während sich immer mehr junge Menschen von der Kirche abwenden, entscheidet sich Jan-Niklas Stock aktiv dafür. Der 31-Jährige aus Kraichtal hat evangelische Theologie studiert und trat im September sein Vikariat in Eberbach am Neckar an.

Jan-Niklas Stock  mit Pfarrer Gero Albert
Schüler und Mentor: Jan-Niklas Stock (links) bei seiner Einführung als Vikar in Eberbach mit Pfarrer Gero Albert. Foto: Martin Stock

Die beiden großen christlichen Kirchen stehen im Kreuzfeuer. Missbrauchsskandale, verkrustete Strukturen, Gleichberechtigung und Mitgliederschwund prägen die Diskussionen und die öffentliche Wahrnehmung. Nicht zuletzt gibt es Personalprobleme.

Einer, der sich für die Kirche entschieden hat, ist Jan-Niklas Stock. Der 31-Jährige aus Kraichtal-Münzesheim hat im Juni sein Studium der evangelischen Theologie abgeschlossen und im September sein Vikariat in Eberbach am Neckar angetreten.

Entscheidung für Theologie-Studium fiel spät

Dabei hatte Stock zunächst ganz andere Pläne und begann in Dortmund Sonderpädagogik zu studieren. Als Nebenfach wählte er Religion. „Dadurch habe ich bereits Einblicke in das Theologiestudium erhalten. Das hat mir super gut gefallen und war sehr interessant“, sagt Stock.

Bis zur Zwischenprüfung hielt die Konstellation. Dann merkte er, dass die Sonderpädagogik doch nicht so ganz das war, was er wollte. Er wechselte nach Bochum und begann, evangelische Theologie zu studieren.

Es gibt ja ganz unterschiedliche theologische Denker und Denkansätze.
Jan-Niklas Stock, Vikar

Die Auseinandersetzung mit Gott, dem Glauben und der Bibel hat ihn schon früh interessiert. „Ich bin christlich erzogen worden, war in Jugendgruppen aktiv, habe an Freizeiten teilgenommen“, erzählt Stock.

Im Studium lernte er dann verschiedene Ansichten über den Glauben kennen und war fasziniert. „Es gibt ja ganz unterschiedliche theologische Denker und Denkansätze. Das ist sehr spannend und auch herausfordernd, weil man dadurch den eigenen Glauben immer wieder hinterfragt“, so Stock.

Studienjahr in Jerusalem prägt

Ein besonderes Erlebnis war sein Aufenthalt in Jerusalem, wo er ein Jahr lang studierte. „Ich habe ein Stipendium bekommen. Die Gruppe bestand aus evangelischen und katholischen Studierenden. Schon das war interessant.“

Den Schmelztiegel dreier großer Weltreligionen so nah zu erfahren, sei etwas ganz anderes, als für ein paar Tage auf Urlaub dorthin zu kommen. Das Nebeneinander der Religionen und auch die tägliche Gewalt, „so viele Bewaffnete zu sehen, kennen wir bei uns nicht“, sind einige Erinnerungen an das Jahr in Jerusalem.

Wir haben viel Archäologie gemacht und in Seminaren mit muslimischen Studenten zusammengearbeitet.
Jan-Niklas Stock, Vikar

Dazu kommen die Einblicke in andere Kulturen und Sichtweisen, die man eben nur kennenlernt, wenn man länger an einem Ort verweilt. „Wir haben viel Archäologie gemacht und in Seminaren mit muslimischen Studenten zusammengearbeitet“, berichtet Stock.

Mit einer jüdischen Familie hat er Chanukka – das Lichterfest – gefeiert. „Dabei geht es um die Einweihung eines Tempels und das Öl für den Leuchter. Dementsprechend öllastig ist das Essen – es gab unter anderem Kartoffelpuffer“, erzählt Stock.

In Jerusalem hat Stock den Chorgesang für sich entdeckt. „Wir haben das Weihnachtsoratorium von Bach einstudiert und in der Christuskirche in Jerusalem und auch in Bethlehem aufgeführt. Das war schon sehr bewegend.“

Vikar hat noch einiges zu lernen

Zwei Jahre lang ist er nun Vikar in Eberbach. Sein Mentor ist Pfarrer Gero Albert, der früher die Pfarrstelle in Menzingen innehatte. Nach und nach wird er mit allen Tätigkeiten eines Pfarrers bekannt gemacht.

„Zuerst geht es in die Schule mit Unterrichtsbegleitung und dann werde ich auch selbstständig unterrichten. Die Vorbereitung und Durchführung von Gottesdiensten, Konfirmandenunterricht und die Seelsorge folgen. Und ich werde einiges über die Gemeindeleitung, also die Verwaltung und Organisation, lernen“, beschreibt Stock die vor ihm liegenden, umfangreichen Aufgaben.

So er dann noch Zeit hat, setzt er sich ans Klavier, singt, liest oder geht wandern. „Ich spiele auch gerne Brettspiele und ich liebe Age of Empire II.“

Auch Missbrauch in der Kirche kommt zur Sprache

Stock nimmt einen Strukturwandel in der Kirche wahr. Im Studium und auch jetzt in der Gruppe der Vikare sei das Verhältnis von Frauen und Männern in etwa ausgeglichen, berichtet er.

Allerdings dominieren an der Uni die Professoren und auch die Autorenauswahl sei männlich dominiert. „Die Studierenden fordern schon länger, dass dies geändert werden muss.“

Für manche Menschen sind Rituale wichtig, geben ihnen Halt
Jan-Niklas Stock, Vikar

Auch das Missbrauchsthema kommt im Studium zur Sprache. „Wir hatten Schulungen, haben gelernt, wie Missbrauch entsteht, wie man ihn erkennt und wie man damit umgeht.“

Neue Formate, um sich über Glaubensfragen auszutauschen, findet Stock wichtig. Den traditionellen Gottesdiensten kann er jedoch auch einiges abgewinnen: „Für manche Menschen sind Rituale wichtig, geben ihnen Halt“, sagt Stock.

Halt findet auch Jan-Niklas Stock im Glauben – und Hoffnung darauf, dass „die Mächte der Welt, also Krieg, Gewalt oder Geld, nicht das letzte Wort haben werden“.

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