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Nikolaus erzählt von seiner Arbeit

Mit dem Nikolaus unterwegs in Bruchsal: Der Mann mit dem Rauschebart vergisst nichts

Seit vielen Jahren ist Gerhard Pisar als Nikolaus im Bruchsaler Stadtteil Heidelsheim unterwegs, hat schon an hunderten Haustüren geklingelt und Kinder über deren gute und schlechten Taten belehrt. Wir haben ihn begleitet.

Bescherung an der Tür von Fam. Müller. Mara und ihr Bruder bekommen Geschenke von Gerhard Pisar Foto: David Heger

Wenn Gerhard Pisar in den roten Mantel mit weißem Saum schlüpft und das goldene Buch in die Hand nimmt, dann wird der 66-Jährige selbst wieder ein bisschen zum Kind: „Ich bin jedes Mal auf’s Neue aufgeregt“, gesteht er, während er den weißen Rauschebart zurecht zupft.

Gerhard Pisar ist Heidelsheims dienstältester Nikolaus, der in seiner vorweihnachtlichen Mission am 6. Dezember schon an hunderten Haustüren in und um Heidelsheim geklingelt hat – aber bis heute keinen Besuch vergessen hat. Seine Gedankenstütze: Das goldene Buch, in dem jede Begegnung im roten Gewand dokumentiert ist.

Doch ganz so leicht wie früher hat es der Nikolaus heutzutage nicht. Corona ist angesagt – und so beginnt der Abend für Gerhard Pisar und Nachwuchs-Nikolaus Lukas Steibli, der zum zweiten Mal in den roten Mantel schlüpft, mit einem Corona-Test im Keller des Heimatvereins Bürgerwehr Heydolfesheim, der die Nikolaus-Besuche ausrichtet.

Elf Familien sollen an diesem Abend Besuch vom kostümierten Heiligen bekommen, abgestimmt werden müssen jetzt noch die letzten Feinheiten. „Man weiß nie, was einen an der Tür erwartet“, erklärt Pisar und gibt einen Einblick ins kleine Einmaleins des Beschenkens: „Auf den Nikolaus warten sie alle gern“, lässt er wissen. „Doch auf keinen Fall darf ich vor der vereinbarten Zeit kommen“ – zu groß die Gefahr, dass statt der Eltern mit den für ihn vorbereiteten Geschenken die Kinder vorschnell die Türe öffnen. Was für den erfahrenen Geschenke-Überbringer das Größte ist? „Wenn dir die Kleinen die Hand geben, hast du es geschafft“, schmunzelt er.

Als Nikolaus geht auch Gerhard Pisar mit der Zeit: War er an vor rund 30 Jahren noch mit Pferd und Kutsche als Knecht Ruprecht in Heidelsheims Straßen unterwegs, so schlüpft heute niemand mehr in die Verkleidung des rauen Gesellen. Stattdessen zieht inzwischen ausschließlich der liebenswerte, freundliche Nikolaus von Haus zu Haus – und das im Auto.

Am Steuer sitzt Tochter Sophia, die ihren Vater auf vorweihnachtlicher Mission unterstützt: „Ich finde es toll, wenn Traditionen fortgeführt werden“, sagt sie. Dass Vater und Tochter heute gemeinsam die Geschenke bringen, war trotz des Nikolaus in der Familie keine Selbstverständlichkeit: „Als kleines Kind hatte ich immer Angst vor dem Nikolaus“, gesteht sie.

Die muss heutzutage niemand mehr haben. Geblieben aus den alten Zeiten ist zwar die Rute, die ebenfalls wie das Buch der guten Taten mit den von allen Familien vorbereiteten Texten zur Ausrüstung von Gerhard Pisar gehört. Doch die taugt allenfalls als Dekoration – denn im goldenen Buch ist für Tadel nur wenig Platz.

Nikolaus Pisar vor dem Weihnachtsbaum in der Heidelsheimer Ortsmitte Foto: David Heger

Und so gibt es an diesem Abend an der Haustür von Familie Müller für Grundschülerin Mara vom Nikolaus Lob für gute Noten und den Einsatz im Sportverein. Nur die Ordnung im Kinderzimmer müsse besser werden. „Versprochen!“, versichert Mara und setzt gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder zum Ständchen an. Freude bei Gerhard Pisar: „Dass mir gesungen wird, kommt auch nicht immer vor.“

Und dann kommt endlich der Moment, auf den hier alle gespannt warten: Aus dem übergroßen Jutesack zieht er die in buntem Papier eingewickelten Päckchen. Darüber, was sich unter dem Geschenkpapier verbirgt, kann heute auch der sonst allwissende Nikolaus nur mutmaßen. Für die Präsente sind die Familien zuständig. „Wir wollen in erster Linie Freude schenken“, sagt der 66-Jährige. Noch ein Foto mit dem Nikolaus, dann muss Gerhard Pisar auch schon weiter – die Besuche sind durchgetaktet. Ob das Nikolaus-Leben stressig ist? „Klar. Aber dafür muss ich nur einen Tag im Jahr arbeiten.“

Einige Straßen weiter lauschen Timo und Lea im Schein der Straßenlaterne ehrfürchtig seinem Vortrag. Dann die Vertrauensprobe: Der Mann in Rot streckt die Hand aus – und zögerlich greift erst Lea, dann Timo nach dem weißen Handschuh des Nikolaus. Gerhard Pisar hat es wieder einmal geschafft. Sein Grinsen kann selbst der dickte Bart kaum verbergen.

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