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DIY für mehr Pflanzenvielfalt

Neue Saatgut-Bibliotheken: In Bruchsal, Forst und Östringen liegen die ersten Samen bereit

Die Hobbygärtner stehen in den Startlöchern. Ab 4. März bieten die Bibliotheken in Bruchsal, Forst und Östringen Saatgut zum Verleihen an. Damit soll die Pflanzenvielfalt gefördert werden. Wie funktioniert das Prinzip?

Saatgutbibliothek
Eingetütet: In der Bruchsaler Stadtbibliothek haben (von links) Petra Droll, Annika und Fenja Wienhoefer, Ilona Butterer, Ursula Häffner und Nina Wienhoefer beim Eintüten der Samen für die neue Saatgutbibliothek mitgeholfen. Foto: Martin Heintzen

Sie heißen Zitronentomate, Schweizer Riesen oder Julifreude und sollen in den nächsten Monaten das Herz jedes Hobbygärtners höher schlagen lassen. Und ganz nebenbei noch etwas für den Erhalt der Pflanzenvielfalt tun. Wie das geht?

Die Idee ist simpel: Bis zu vier Tütchen mit Pflanzensamen kann man ab Samstag, 4. März, in den Bibliotheken von Bruchsal, Forst und Östringen kostenlos ausleihen. Die Samen können dann im Garten oder auf dem Balkon ausgesät werden.

Man sollte sich überraschen lassen, was sich im Garten entwickelt.
Ursula Häffner, Staudengärtnerin

Nach der Blüte werden die Samen geerntet und getrocknet. Für die Rückgabe kommen sie in vorbereitete Tüten und werden gut gekennzeichnet neun Monate später zurück an die Saatgut-Bibliotheken gegeben. Damit sie im nächsten Frühjahr wieder ausgegeben werden können.

„Ein Garten ist etwas Lebendiges. Man sollte sich überraschen lassen, was sich dort entwickelt“, sagt Ursula Häffner. Sie ermutigt Hobbygärtner zum Experimentieren. Die Staudengärtnerin und Grünen-Stadträtin hat Ilona Butterer von der Stadtbibliothek Bruchsal geholfen, für die Saatgut-Bibliothek zusätzlich 15 verschiedene Blumensamen auszuwählen. Die Nachfrage ist da, wie erste Rückmeldungen in Bruchsal, Forst und Östringen zeigen.

Möglichst regional und traditionell sollten die Gemüsesorten für die Saatgut-Bibliotheken sein. Möglichst bienenfreundlich sind die einjährigen Blumen und mehrjährigen Stauden für das Bruchsaler Projekt. Die benötigten Samentütchen waren in Bruchsal von freiwilligen Helfern aus aussortierten Buchseiten gefaltet worden.

Durch Anbau passt sich Saatgut an verschiedene Orte und Klimawandel an

„Wir haben uns gefragt, was keimt leicht? Was blüht hübsch und möglichst lange und ist auch für Anfänger geeignet“, erläutert Gartenexpertin Häffner. Zur Auswahl gibt es beispielsweise Wiesenmargerite oder Muskatella-Salbei. Beide stehen auf dem Speisezettel von Hummeln ganz oben. Wilde Ringelblumenarten oder Vergissmeinnicht eignen sich auch für Balkonbesitzer.

Das Saatgut für Gemüse haben die Bibliotheken Bruchsal, Forst und Östringen vom Verein zur Erhaltung der Nutzungspflanzenvielfalt (VEN) aus dem hessischen Witzenhausen bezogen. „Viele Sorten Saatgut werden zwar in Genbanken als Notreserve aufbewahrt, aber dort ist es ,lebendig begraben’. Nur der regelmäßige Anbau lässt eine Sorte wirklich weiterleben und ermöglicht die Anpassung an viele verschiedene Orte und an den Klimawandel“, heißt es seitens des Vereins.

Idee zur Saatgut-Bibliothek stammt aus den USA

Die Idee einer Saatgut-Bibliothek findet immer mehr Anhänger. 2023 beteiligen sich bundesweit schon über 100 Bibliotheken an dem Projekt, dessen Idee ursprünglich aus den USA kommt, wie Jasmin Karp berichtet. Sie ist beim VEN für das Projekt verantwortlich.

Nach dem erfolgreichen Start einer mobilen Saatgut-Bibliothek 2021 in Schleswig-Holstein wird das Konzept seit 2022 bundesweit angeboten. Dieses Jahr übrigens auch in Oberderdingen und Sinsheim. Seit 2022 gibt es zudem ein studentisches Projekt in Karlsruhe.

Damit das funktioniert, begleitet der VEN die Teilnehmer der Saatgut-Bibliothek mit Hilfe von Newslettern durch das Gartenjahr. Dafür müssen die Ausleiher des Saatguts ihre E-Mailadresse angeben. Die Texte vermitteln wichtige Informationen, damit aus dem Samenkorn am Ende der Saison wieder Saatgut geerntet und zurückgegeben werden kann.

Gemüsemelde gilt bei vielen Hobbygärtnern als Unkraut

In Bruchsal, Östringen und Forst gibt es vier selbstbefruchtende Gemüsearten: Tomaten, Bohnen, Erbsen und Salat. Außerdem eine längst vergessene Art, die Gemüsemelde. Sie wurde bereits von den alten Römern kultiviert, im Mittelalter aber vom Spinat verdrängt. Heute gilt sie bei manchen Gartenbesitzern noch als Unkraut.

In Östringen werden diese Pflanzensamen deshalb nicht angeboten, wie die stellvertretende Büchereileiterin Simone Mack erzählt. Edina Bärwald, Leiterin der Gemeindebücherei Forst, hat dagegen schon eine interessierte Anfrage zur Gemüsemelde registriert. Von diesen fünf Arten will der VEN jeweils besonders schmackhafte, robuste und wüchsige Sorten anbieten. In den drei Saatgut-Bibliotheken werden jeweils ganz unterschiedliche Sorten erhältlich sein.

Dabei gilt es einiges zu beachten: Eine Aussaat in der freien Landschaft sei nicht sinnvoll. Von jeder Gemüseart sollte möglichst auch nur eine Sorte angepflanzt werden, damit es nicht zu Kreuzungen oder Verwechslungen kommt.

DIY - Selber gärtnern mit eigenen Samen liegt im Trend

Nach den bisherigen Erfahrungen beläuft sich der Rücklauf des Saatguts bundesweit auf 30 bis 50 Prozent. Um die Verwechslungsgefahr zu minimieren, empfiehlt der VEN nur korrekt beschriftete Saatgut-Tüten anzunehmen. Bibliotheksleiterin Droll ist zuversichtlich, bei Büchern funktioniere die Rückgabe auch.

Do it yourself (DIY), das Selbermachen, liegt im Trend. Für die steigende Nachfrage nach Saatgut-Bibliotheken macht Jasmin Karp auch den Klimawandel und die Besinnung auf die Natur verantwortlich. „Mit der Saatgut-Bibliothek können wir zeigen, was eine Bibliothek der Zukunft alles leisten kann“, sagt die Leiterin der Bruchsaler Bibliothek, Petra Droll, und freut sich über neue Nutzer, die nicht wegen der klassischen Buchausleihe nach Bruchsal kommen.

Simone Mack von der Stadtbibliothek Östringen sieht die Einrichtungen als Bewahrer von Kulturgütern – und dazu gehört nach ihrer Einschätzung auch der Erhalt der Pflanzenvielfalt. Edina Bärwald aus Forst findet den Leitgedanken des Teilens positiv: 2018 wurde bereits Saatgut für Kräutergärten geteilt.

Pflanzentausch-Börsen und Workshop zur Samenernte geplant

Um die Idee weiter zu fördern, sind in Bruchsal und Östringen Pflanzentausch-Börsen geplant. Bruchsal und Forst werden gemeinsam eine Pflanzaktion mit Kindern anbieten. In Bruchsal ist außerdem ein Workshop zur Samenernte angedacht.

Im Kontakt mit lokalen Kleingärtnern soll nach regionalen Gemüsesorten gesucht werden, erzählt Ursula Häffner. Auch die Volkshochschule hat schon signalisiert, entsprechende Angebote zu machen.

In Forst können Nutzer eigenes Saatgut zur Verfügung stellen. Angeboten werden Samen für Chili, Bärlauch, Grünkohl oder Lupinen. „Damit hoffen wir, dass Bewegung in die Sache kommt“, sagt Edina Bärwald.

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