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Gemeinderat wird zum Wanderzirkus

Ausweichquartier in Corona-Zeiten: Gemeinderäte und Sportler konkurrieren um die Turnhalle

Wenn Gemeinderäte in Sitzungen um Entscheidungen ringen, dann passt es nicht, dass Sportler an die Decke stampfen. Deshalb müssen in Ubstadt-Weiher die Teakwondo-Kämpfer auf ihren Trainingsabend in der obereren Mehrzweckhalle verzichten, wenn in der unteren Halle der Gemeinderat tagt.

Halle anstatt Rathaus: Der Gemeinderat Forst tagt nun im Alex-Huber-Forum, teilweise vor vielen Zuschauern. In fast allen Gemeinden müssen die Kommunalpolitiker in neuer Umgebung um Entscheidungen ringen. Dafür müssen Sportler teilweise auf Training verzichten. Foto: Tanja Schmith

Wenn der Gemeinderat von Ubstadt-Weiher dienstags jetzt in der unteren Mehrzweckhalle Ubstadt mit Entscheidungen ringt, darf im Hallenteil darüber nicht auch noch gekämpft werden. Also muss der Teakwondo-Verein auf einen Trainingsabend im Monat verzichten. Oben Sporttraining, unten Konzentration auf Reden, während es an der Decke stampft – das geht nicht parallel.

Zugunsten von Gemeinderäten, Bürgermeister und Gemeindewohl, müssen die Selbstverteidiger regelmäßig verzichten. „Die Sportler haben dafür Verständnis gezeigt, weil die Zeiten einfach anders sind“, heißt es aus der Gemeindeverwaltung, „Ebenso wie der Musikverein, dessen Probe wegen einer Klausurtagung ausfällt“, sagt Dominik Zindel, der Hallenverwalter im Rathaus Ubstadt.

Rücksicht auf besondere Verhältnisse in diesen Corona-Monaten ist auf allen Seiten gefragt. Wenn die Ratssäle zu klein sind für Gemeinderäte mit genügend Abstand, braucht es kreative kommunalpolitische Lösungen. Ohne Vereine zu verärgern. Ubstadt-Weiher hat das Glück, die alte Mehrzweckhalle neben der Kultur- und Sporthalle für Veranstaltungen nutzen zu können. Man bleibt im Sitzungsort Ubstadt und hält dennoch den Sportraum frei.

Gemeindeverwaltung und Räte müssen über den Berg

Anderswo ist ein größerer Wanderzirkus nötig. In Östringen geht es für Verwaltung und Stadträte der Kernstadt nun über den Berg, den Schindelberg. Dafür ist die Anreise der Odenheimer und Eichelberger Bürgerverteter kürzer. Für die Gemeinderatssitzungen hat sich die Kreuzberghalle in Tiefenbach angeboten. Dort müsse keine Abteilung des SV Tiefenbach verdrängt werden, berichtet Östringens Hauptamtsleiter Wolfgang Braunecker. Dafür ist der zeitliche Aufwand bei der Vorbereitung größer und sorgt ein externer Dienstleister jedes Mal für den guten Ton mit seiner Anlage.

Philippsburgs Kommunalpolitiker haben es zunächst mit der Festhalle als naheliegendes Ausweichquartier probiert. Es blieb aus akustischen Grünen beim Versuch. Inzwischen tagt der Gemeinderat in den Stadtteilen. Entweder in der Bruhrainhalle Huttenheim oder aktuell im Sebastianusheim Rheinsheim.

In Kraichtal war es nicht so einfach, dem Gemeinderat eine neue vorläufige Heimat zu geben. Der Corona-Krisenstab im Rathaus beschloss, vorerst bis Dezember, für Sitzungen die Mehrzweckhalle Bahnbrücken „zu buchen“. Sie ist dann zwei Mal im Monat von Mittwochnachmittag bis Abend nicht für den Vereinssport des FSV Bahnbrücken nutzbar. Im neuen Jahr würden die Gemeinderäte voraussichtlich in Oberacker „gastieren“, um die Einschränkungen zu verteilen.

Erhöhte Hygieneanforderungen sorgen für viel Aufwand

In der Flächenstadt Kraichtal ist generell der Aufwand hoch, die Sporthallen in jedem neun Stadtteile in Corona-Zeiten fit und sauber zu halten zwischen Schul- und Vereinsport. Wo morgens Kinder unterrichtet werden, können abends zuvor die Umkleidekabinen nicht von den Vereinen benutzt werden. „Nur in Menzingen gibt es je zwei Umkleideräume für Schule und Vereine“, berichtet Nadja Burkhard vom Liegenschaftsamt Kraichtal. Die erhöhten Hygieneanforderungen wirken sich auf das Schwimmbad in Münzesheim aus. Es ist für den Sportunterricht offen, aber nicht fürs allgemeine Publikum.

In allen Sporthallen von Ubstadt-Weiher lautet die Vorgabe: Maximal fünf Personen dürfen sich beim Vereinssport in einer Kabine aufhalten und nur je eine Person darf die Dusche benutzen. Damit sich die verschiedenen Nutzergruppen möglichst aus dem Weg gehen, müssen alle Trainings- oder Übungsstunden 15 Minuten früher beendet werden.

Der Forster Gemeinderat hat nun im Alex-Huber-Forum Quartier bezogen. Was ganz praktisch war für die vielen Zuhörer. Als es um die Krematoriumspläne ging, musste sogar das Foyer hin zum Sitzungssaal geöffnet werden, damit alle Besucher einen Platz fanden. Jede Gemeinde geht ihren eigenen Weg, um den richtigen Sitzplatz für Gemeinderäte zu finden.

Neues Raumklima für viele Gemeinderäte: Wie hier im Forster Alex-Huber-Forum müssen Kommunalpolitiker und Verwaltung sich mit neuen Sitzungssälen auf Dauer anfreunden. Statt im Rathaus kommt man in den Sporthallen zusammen. Aber Vereine sollen möglichst nicht verdrängt werden. Foto: Tanja Schmith

Die stärksten emotionalen Ausschläge bei dieser Art von Krisenbewältigung gab es wie berichtet in Bad Schönborn. Wegweisend war er nicht, der Weg von den Hallen zurück in den vom runden Tisch befreiten Ratssaal hin zur Michael-Ende-Schule.

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