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Ära ist zu Ende gegangen

Die Philippsburger Kühltürme sind seit 14. Mai Geschichte

Sie fehlen, die beiden markanten Landmarken von Philippsburg. So langsam gewöhnen sich die Menschen an den Anblick. Der Fall der Kühltürme des Atomkraftwerks war trotz Corona ein Spektakel. Wo sie standen, entsteht nun etwas Neues.

In Trümmern: Die Überreste der beiden Kühltürme beim Atomkraftwerk Philippsburg. Auf dem Gelände wird mittlerweile gebaut. Dort entsteht ein großer Konverter. Er soll künftig dabei helfen, Strom aus dem Norden in Süddeutschland zu verteilen. Foto: Peter Sandbiller

Manchmal erwischt sich Albert Reichenecker doch noch selbst: Dann schaut er rüber nach Philippsburg und stellt einmal mehr fest: Nein, die beiden Türme des Atomkraftwerks sind nicht mehr da. „Das ist so. Die Ära ist abgeschlossen. Über Sinn- oder Unsinn braucht man nicht mehr zu diskutieren“, sagt der 78-jährige Huttenheimer.

20 Jahre lang hat er Besuchern das Atomkraftwerk von Innen gezeigt. Tausende Male ist er mit ihnen in die Türme gegangen. „Rein optisch war das sicher ein Höhepunkt der Führungen“, erinnert er sich.

Da standen sie noch, die beiden Kühltürme: Albert Reichenecker hat 20 Jahre lang Besucher durch das Gelände des Atomkraftwerks Philippsburg geführt. Die Sprenung am 14. Mai hat er sich nicht entgehen lassen. Foto: Rake Hora

Seit 14. Mai sind die Türme Geschichte. „Wie eine Coladose, die man zusammendrückt“, so beschreibt er die beeindruckenden Bilder, die damals entstanden sind, morgens früh bei Sonnenaufgang am 14. Mai um 6.05 Uhr. Unter strengster Geheimhaltung sollten sie fallen, die 152 Meter hohen Kolosse.

Corona hatte ein öffentliches Spektakel nicht erlaubt. Kilometerweit hatte die Polizei das Gelände abgeriegelt. Irgendwie sickerte der Zeitpunkt dann doch durch, und mit Reichenecker hatten sich einige Hundert Menschen früh morgens in gebührendem Abstand versammelt, um dem Schauspiel beizuwohnen. „So was erlebt man nur einmal“, hat sich Reichenecker gesagt und war früh aufgestanden.

Die handwerkliche Leistung der Sprengmeister war fantastisch.
Albert Reichenecker aus Huttenheim

Von seinem Zuhause in Huttenheim sah er oft die Dampfschwaden, vor allem bei blauem Himmel. „Die hatte ich 20 Jahre lang vor Augen.“ Als Block 2 vor genau einem Jahr vom Netz ging, war damit Schluss. Die Sprengung der imposanten Kühltürme war nur der sichtbare Vollzug des Endes einer Ära in Philippsburg. „Die handwerkliche Leistung der Sprengmeister war fantastisch“, kommt Reichenecker noch heute ins Schwärmen.

„Ich hatte ja immer bei den Führungen darauf hingewiesen, wie dünn die Wände der Türme sind, ein Zehntel so dick im Vergleich zu einer Eierschale. „Für die Besucher war die Besichtigung eines Turmes immer ein Aha-Erlebnis.“

Ein Riesen-Hallo gab es, wenn man die großen Platten zum Aufschieben der Kanäle fallen ließ, berichtet Reichenecker weiter. „Das war, wie wenn man ein Geschütz abfeuert. Der Schall fing sich im Turm und erzeugte ein mehrfaches Echo an den Wänden. „Das war beeindruckend.“ Aus mehreren Kilometern Entfernung klang die Sprengung der Kolossen binnen Sekunden dagegen fast schon leise. Planmäßig stürzten sie in sich zusammen. Die vielen Fotografen, die vor Ort waren, mussten sich beeilen.

In Trümmern: Die Überreste der beiden Kühltürme beim Atomkraftwerk Philippsburg. Auf dem Gelände wird mittlerweile gebaut. Dort entsteht ein großer Konverter. Er soll künftig dabei helfen, Strom aus dem Norden in Süddeutschland zu verteilen. Foto: Peter Sandbiller

Reichenecker war vor wenigen Wochen wieder draußen. Draußen heißt: Auf der Rheinschanzinsel, wo das Philippsburger Atomkraftwerk die nächsten Jahre zurückgebaut wird und wo noch jahrzehntelang Atommüll eingelagert sein wird. „Es ist alles planiert“, berichtet er. Luftbilder wenige Stunden nach der Sprengung zeigten, wie wenig Schutt angefallen war. Die Fläche sah fast besenrein aus. „Und unser Infozentrum, nur 50 Meter von den Türmen entfernt, hat nichts abbekommen“, wundert sich der Huttenheimer noch heute ob der großen Präzision der Sprengung.

600 Menschen sicherten sich ein Andenken

Bei der Entsorgung des Bauschutts halfen 600 Menschen. Sie hatten sich zuvor online registriert, um einen Bruchstein der Türme als Andenken zu ergattern. „Das bin ich dem Atomkraftwerk schuldig“, erklärte eine junge Frau aus Sulzfeld, als sie sich einen Stein abholte. Viele Menschen hatten ein regelrecht emotionales Verhältnis zu den beiden Landmarken. Auch Geschäftsführer Jörg Michels von der EnBW war nicht überrascht.

„Für viele sind die Kühltürme ein Stück Heimat. Wer sie von Weitem sieht, erkennt: Ich komme nach Hause.” Klar, hat sich auch Reichenecker zwei Beton-Stein gesichert, sichern lassen aber viel mehr. Eine Bekannte hatte ihn gefragt: „Willsch en Brocke?“ Jetzt liegen sie bei ihm zuhause, so richtig weiß er nicht, wohin damit. „Aber ich habe auch noch einen Brocken von der Berliner Mauer“, erklärt er lachend.

Konverter ist eine Art große Mehrfachsteckdose

Aus dem Atomkraftwerk Philippsburg kommt nun seit genau einem Jahr kein Strom mehr. Aber das wird sich ändern. Auf dem Gelände entsteht bereits ein Konverter, eine Art große Mehrfach-Steckdose, die ab 2024, so zumindest der Plan, Strom aus dem Norden Deutschland im Süden verteilt. Er wandelt Gleichstrom in Wechselstrom um.

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