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„Moralische Verpflichtung“

Zu nah am jüdischen Friedhof: Philippsburg lehnt den Bau eines Krematoriums ab

In Philippsburg wird kein Krematorium gebaut. An der Huttenheimer Landstraße (L602) sollte es den Antragstellern nach gebaut werden. Der Gemeinderat stellte sich einstimmig gegen das Vorhaben.

Diesen Bereich hatten die Antragssteller im Blick. Er liegt am Ende der Stichstraße, abgehend von der Landesstraße 602. Die Pläne sind nun vom Tisch. Foto: Werner Schmidhuber

Einstimmig hat der Gemeinderat von Philippsburg den Bau eines Krematoriums auf städtischer Gemarkung abgelehnt. Selten zeigten sich die vier Fraktionen plus Bürgermeister so einig wie in diesem Fall. An der Huttenheimer Landstraße (L602), am Ende einer Stichstraße, hinter einem dort ansässigen Unternehmen sollte ein Krematorium gebaut werden.

Die Verwaltungsvorlage empfahl das „gemeindliche Einvernehmen zum Bauvorbescheid aus bauplanungsrechtlicher Sicht“. Darauf wies auch Bürgermeister Stefan Martus (Uli) hin. Es gehe zunächst einmal um die reine baurechtliche Beurteilung.

Die planungsrechtliche Sicht sei die eine Seite der Medaille. Der politische Aspekt und die moralische Verpflichtung die andere Betrachtungsweise, so CDU-Fraktionsvorsitzender Hans Gerd Coenen.

In seiner Ablehnungsbegründung fuhr er das schwerste Geschütz auf: Einem „Hochofen“ in der Nähe des jüdischen Friedhofs könne und dürfe der Gemeinderat nicht zustimmen. Im Judentum und auch im Islam ist die Verbrennung des toten Körpers, also die Feuerbestattung, grundsätzlich verboten.

Gesucht wird ein geeigneter Standort

Hintergrund für die Diskussion war eine Anfrage eines Bestattungsunternehmens aus einer Nachbargemeinde. Gesucht wird von ihm ein geeignetes Grundstück für ein Krematorium: also eine Anlage zum Verbrennen von Leichen anstelle etwa einer Erdbestattung.

Wie Nachfragen ergaben, dauert die Einäscherung einer Leiche etwa 70 Minuten. Dazu wird der Ofen des Krematoriums auf 850 Grad erhitzt.

Wir gehen von einem heftigen Widerstand in der Bevölkerung aus.
Axel Goppelsröder, Uli-Fraktion

Eigentlich ging es nur um einen „Antrag auf Bauvorbescheid zum Neubau eines Krematoriums“. Der Antragsteller wollte durch den eingereichten Bauvorbescheid klären lassen, ob die Errichtung und der Betrieb eines Krematoriums auf diesem Grundstück genehmigungsfähig sind, hieß es erläuternd in den Sitzungsunterlagen.

Das vorgesehene Areal liegt im Geltungsbereich des qualifizierten Bebauungsplans „Areal Hebel“. Im Bauvorbescheid ist keine Grundflächenberechnung angegeben. Ein Problem jedoch bestehe darin, dass die Erschließung nicht gesichert sei, so die Verwaltungsvorlage. Somit müsste eine Zufahrtsstraße geschaffen werden. Die Kosten der Erschließung lägen bei einer Million Euro.

Gemeinderat Philippsburg stimmt einstimmig gegen Antrag

Zum gesamten Vorhaben sagt der Gemeinderat Nein. Coenen wies auch auf die entstehende Verkehrsproblematik hin, wenn Bestattungsfahrzeuge hin und her unterwegs seien. Auch die Uli-Fraktion lehnte ab. Im Umkreis gebe es bereits sieben Krematorien, so Axel Goppelsröder, der bekannte: „Wir gehen von einem heftigen Widerstand in der Bevölkerung aus.“

Auf den nahegelegenen See und die Naturschutzfläche wiesen Peter Kremer (FW) und Jasmine Kirschner (SPD) hin. Wenn das Projekt überhaupt in Frage käme, müssten die Erschließungskosten vom Investor und Vorhabensträger übernommen werden, betonte Kremer.

Ergebnis der Beratungen: Solange die Erschließung nicht gesichert ist, müsse der Gemeinderat jetzt schon eine Ablehnung vornehmen. So lautete der einvernehmliche Beschluss: „Das gemeindliche Einvernehmen wird nicht erteilt.“

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