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Barrierefreiheit macht Pause

Sanierung der Aufzüge im Bahnhof Bruchsal stellt Rollstuhlfahrer vor Probleme

Dass die Bahn die Aufzüge im Bruchsaler Bahnhof saniert, müsste Michael Berger doch freuen. Immerhin ist der Rollstuhlfahrer auf sie angewiesen. Doch der Umbau bringt nicht nur ihn in Schwierigkeiten.

Noch funktionieren die Aufzüge im Bruchsaler Bahnhof: Doch schon bald kann Michael Berger dort nicht mehr aussteigen. Der Bruchsaler soll mit seinem Rollstuhl dann eben in Ubstadt oder am Gewerblichen Bildungszentrum aussteigen, findet die Bahn. Foto: Martin Heintzen

Michael Berger ist wütend. „Das geht so nicht.” Die Deutsche Bahn wird demnächst sein Leben ziemlich auf den Kopf stellen. Der Bruchsaler sitzt im Rollstuhl und ist Bahnpendler. Seine Lebensgefährtin, ebenfalls Rollstuhlfahrerin, lebt in Würzburg. Man besucht sich oft gegenseitig - natürlich mit dem Zug.

Dass die Bahn in den kommenden Monaten ab 4. September die drei Aufzüge im Bruchsaler Bahnhof erneuern will, müsste Berger freuen. Könnte man meinen. Doch Berger steht vor allem vor einem Haufen neuer Probleme. „Klar, bin ich dankbar, dass die Aufzüge, die schon so oft ausgefallen sind, jetzt erneuert werden”, erklärt er im BNN-Gespräch. Sie seien nunmal in die Jahre gekommen.

Berger fordert die Gleisverlegung der Züge

Dass „mobilitätseingeschränkte” Menschen wie Berger in der Zeit des Umbaus nicht am eigentlich barrierefreien Bahnhof Bruchsal ein- und aussteigen sollen, sondern am Gewerblichen Bildungszentrum oder in Ubstadt, ärgert ihn. Erfahren hat er das aus der Zeitung. „Da muss doch mit Gleisverlegungen gearbeitet werden”, fordert Berger.

Statt die Behinderten irgendwo in der Pampa auszusetzen, wo sie schauen können, wie sie weiterkommen, sollen die Züge im Bruchsaler Bahnhof auf einem Gleis einfahren, wo gerade ein funktionierender Aufzug vorhanden ist. Die Aufzüge werden schließlich nach und nach erneuert. Da Berger seine Fahrten immer vorab anmeldet, weiß die Bahn genau, dass ein Rollstuhlfahrer an Bord ist und könnte so diesen Zug an einem anderen Gleis einfahren lassen. Das hat in der Vergangenheit schon oft gut funktioniert.

Für die Bahn sind die Auswirkungen auf andere Fahrgäste zu groß

Darauf will sich die Bahn aber in den nächsten Monaten, während die Aufzüge erneuert werden, nicht einlassen. „Dass die Züge an anderen Gleisen halten, scheint oft auf den ersten Blick eine einfache Lösung. Leider sind aber die Auswirkungen auf den Fahrplan und für die Reisenden anderer Züge in den meisten Fällen sehr hoch, sodass es aus betrieblichen Gründen meistens nicht möglich ist”, erklärt ein Bahnsprecher.

Das leuchtet zunächst ein. Der Bruchsaler Bahnhof ist stark frequentiert. Fährt ein Zug entgegen des Fahrplans auf einem anderen Gleis ein, sind oft Hunderte Fahrgäste betroffen. Das will man nicht mehrmals am Tag verantworten. Müsste man aber auch nicht, wie weitere Nachfragen ergeben.

Nur fünf bis zehn Mal pro Monat werde laut Bahn eine solche Fahrt von mobilitätseingeschränkten Personen überhaupt am Bahnhof angemeldet. Das heißt: Maximal zehn Züge pro Monat müssten auf einem anderen Gleis einfahren.

Treppen sind für manche unüberwindbar

Für Berger jedenfalls nur schwer nachvollziehbar. Seit 2003, als die Aufzüge in Bruchsal installiert wurden, nutzt er sie. Jede Fahrt zu seinem Arbeitsplatz in Germersheim muss er aber anmelden, damit ihm Bahnpersonal beim Ein- oder Aussteigen helfen kann. Dass eine angemeldete Hilfeleistung vom Bahn-Callcenter in Schwerin einen Tag vor der Abfahrt einfach abgesagt wird, kennt Berger ohnehin.

Ihm ist außerdem wichtig, dass die Bahn über die Sperrung der Aufzüge und den Zeitplan noch besser informiert. Wer in Unwissenheit in Bruchsal an einem Bahnsteig ohne funktionierenden Aufzug aussteigt, könnte vor unüberwindbaren Treppen stehen. Das Servicepersonal am Gleis sei hilfsbereit und ansprechbar. Das bestätigt Berger. Man kennt sich längst. Einen Rollstuhlfahrer die Treppe runtertragen allerdings dürfen die Bahner - aus versicherungstechnischen Gründen - nicht.

Immerhin: „Eine Person mit Kinderwagen oder ein gehbehinderter Reisender kann selbstverständlich auf die Hilfe unseres Service-Mitarbeiters zählen”, erklärt der Bahnsprecher.

Sie erzählen mir dort immer nur, was ich muss. Ich erzähle ihnen dann aber, was ich brauche.
Michael Berger, Rollstuhlfahrer über das Callcenter der Bahn

Auf die Frage, wie denn die Behinderten, die statt am Bahnhof Bruchsal künftig ein paar Kilometer weiter am GBZ oder in Ubstadt aussteigen müssen, von dort wegkommen sollen, antwortet der Bahnsprecher lapidar: „Wir gehen davon aus, dass diejenigen, die dorthin ausweichen, über die aktuelle Lage informiert sind. Für mobilitätseingeschränkte Reisende, die von dem Aufzugtausch in Bruchsal nichts wissen, stellen wir unseren Service-Mitarbeiter zur Unterstützung und als Hilfe zur Verfügung.”

Michael Berger ist stets über die aktuelle Lage informiert. Er wird dann wohl wieder seine Familie einspannen müssen oder ein Taxi organisieren. „Ich kann mich mit Schwerin köstlich streiten”, verliert er zumindest seinen Humor nicht, wenn er auf seine Kontakte mit dem Call-Center der Bahn anspielt. „Sie erzählen mir dort immer nur, was ich muss. Ich erzähle ihnen dann aber, was ich brauche.”

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