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Landwirtschaft in Wiesental

Selbstversuch bei der Ernte: Als blutiger Anfänger auf dem Spargelfeld

Bevor Spargel auf dem Teller serviert wird, bedeutet die Ernte harte Arbeit. Auf dem Spargelfeld von Jörg Schreiber in Wiesental arbeiten momentan 70 routinierte Saisonkräfte. Für blutige Anfänger ist die Arbeit auf dem Spargelacker aber auch eine große Herausforderung.

Spargelernte unter Aufsicht: Iacob Iorgovan (rechts) hat ein genaues Auge auf meine Arbeit. Wenn der Spargel über mehrere Meter geerntet wurde, muss die spezielle Folie zur Abdeckung wieder auf den Damm kommen. Ansonsten verfärbt sich das Gemüse wegen der UV-Strahlung violett, was zu einem Wertverlust führt. Foto: Heintzen

Die Spargelernte gleicht einer Schatzsuche mit Hilfestellung. Einzelne Köpfe, die aus der Erde emporragen, geben den entscheidenden Tipp. Dann heißt es graben – nicht mit der Schaufel, sondern behutsam mit den Fingern. Schließlich sollen keine danebenliegenden Triebe verletzt werden. Schnitt. Mit einem Stecheisen wird der Spargel sauber abgetrennt.

Das ist die Theorie. Bei mir gleicht das Ganze eher einem Stochern. Fünfmal daneben. Sechsmal daneben. Aber dann passt es. Schließlich ist es auch meine erste Reihe. Danach verteile ich die herumliegende Erde mit einer Art Maurerkelle. Der Spargel kommt in eine Kiste. Und weiter geht es.

Iacob Iorgovan prüft meine bisherigen Fähigkeiten und gräbt so manchen Schatz aus, den ich übersehen habe. Spargel, der noch in den Tiefen des 45 Zentimeter hohen Damms schlummert. Iorgovan gehört zu den 70 Erntehelfern aus Rumänien, die auf dem Spargel- und Beerenhof Schreiber in Wiesental arbeiten.

Erntehelfer aus dem Ausland werden medizinisch untersucht

Die ersten Saisonkräfte sind seit zwei Wochen in Deutschland. Wegen der Corona-Pandemie stellt Jörg Schreiber, der Inhaber des Spargelhofs, zudem etwa zehn Freiwillige aus der Umgebung ein. Diese stammen hauptsächlich aus dem Gastronomie- oder Kurzarbeitsbereich, ein paar Studenten sind auch dabei.

Am Montag erwartet er weitere 20 Erntehelfer aus Rumänien. Diese müssen nach der Landung am Flughafen Baden-Baden/Karlsruhe erst medizinisch untersucht werden. Danach arbeiten sie dann zwei Wochen getrennt von den anderen, um eine mögliche Ansteckung zu verhindern.

Das ist harte körperliche Arbeit.
Jörg Schreiber, Inhaber des Spargel- und Beerenhof Schreiber

Die Unterhaltung mit Schreiber zwischen den langen Reihen der Spargeldämme gibt mir Gelegenheit zum Durchschnaufen. „Das ist harte körperliche Arbeit“, betont er. Früher habe man sogar zweimal am Tag Spargel gestochen – früh morgens und abends.

Dadurch sollte vermieden werden, dass das Gemüse durch UV-Strahlung violett verfärbt wird und an Wert verliert. Mittlerweile verhindern spezielle Folien, dass UV-Licht auf die Pflanzen kommt.

Deshalb geht ein normaler Arbeitstag für die Helfer ungefähr von 7 Uhr bis 15 Uhr. Schreiber zeigt mir zum Beispiel auch eine Handy-App, mit der er die Temperatur im Boden überwachen kann.

Hierbei kommt eine schwarz-weiße Folie auf dem Spargeldamm zum Einsatz. Wenn die weiße Seite nach oben zeigt, wird das Licht reflektiert und der Spargel erwärmt sich weniger. Schwarz bewirkt das Gegenteil.

Der Blick hinter die Kulissen macht mir klar, was alles geschehen muss, bevor ich Spargel mit Sauce Hollandaise und Kartoffeln genießen kann. Bei dem Gedanken bekomme ich Hunger. Vor mir liegt aber die nächste Spargelreihe.

Kontrastprogramm zum Homeoffice

Mit Gummistiefeln, dem spitzen Stecheisen und der Maurerkelle geht es inzwischen deutlich schneller voran. Folie weg. Graben. Stechen. Erde verteilen. Folie zu. Und wieder von vorne. Ich muss zugeben, dass Iorgovan mir meistens bei der Folie hilft und auch die fast volle Spargelkiste trägt.

Es macht Spaß, nach längerer Zeit im Homeoffice draußen in der Sonne zu arbeiten. Mir kommt in den Sinn, dass Sonnencreme vielleicht nicht schlecht wäre. Die liegt aber – wo denn auch sonst – in irgendeinem Schrank zu Hause.

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Der Rücken macht sich bemerkbar

Nach einiger Zeit macht sich schließlich mein Rücken bemerkbar. Das Bücken und erneute Aufrichten ist eine ungewohnte Bewegung. Trotzdem versuche ich, das Tempo zu halten.

Doch ein Blick auf einen Erntehelfer einige Meter vor mir holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Er ist etwa dreimal so schnell wie ich und scherzt dabei noch mit seinen Kollegen.

Costi Maruntelu erklärt mir kurze Zeit später, dass der weiße Spargel nach Stückzahl und der grüne Spargel nach Stunden bezahlt wird. Grundlegend gelte aber immer der Mindestlohn, auch wenn die Erntemenge nicht ausreicht.

Inzwischen hat mich Cipi Oprescu, der mir anfangs alles gezeigt und meine Ausrüstung zusammengestellt hat, zum Grünspargel gefahren.

Grünspargel wächst oberirdisch

Dieser wächst oberirdisch und muss eine bestimmte Länge erreichen, bevor er abgetrennt wird. Mit Maruntelu rede ich auf Englisch. Er ist ebenfalls 23 Jahre alt und hilft schon zum dritten Mal bei der Ernte in Wiesental. „Ich esse Spargel, aber es schmeckt mir nicht wirklich. Fleisch ist mir eindeutig lieber“, sagt Maruntelu und grinst.

Er studiert in Rumänien und arbeitet die nächsten zwei Monate beim Spargelhof Schreiber – genauso wie seine Freundin. Für ihn bedeutet die Erntehilfe gutes Geld. Dass er in einem Container auf dem Gelände wohnt, macht ihm nichts aus.

Schließlich ist Mittagspause. Eine rumänische Frau hat leckere Gerichte gekocht, gegessen wird in einem Zelt. Nachmittags schaue ich mir noch das Waschen und Sortieren des Spargels an – der Schongang nach der Arbeit im Feld. Ein Muskelkater wird mir trotzdem nicht erspart bleiben.

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