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Kaum Kräfte aus Osteuropa

Taugen Deutsche als Erntehelfer? Bauern im Kraichgau sind in Sorge wegen Coronavirus

Spargel- und Erdbeerbauern sind in Not. Wegen der Corona-Krise fehlen die Erntehelfer aus Osteuropa. Obst und Gemüse drohen vielerorts auf den Feldern zu verfaulen. Einige Landwirte könnte die Situation in existenzielle Nöte bringen.

Der Spargel sprießt, doch es fehlen vielerorts die Helfer aus Osteuropa, die wegen Corona nicht nach Deutschland kommen wollen oder dürfen. Foto: Heintzen

Spargel- und Erdbeerbauern sind in großer Sorge. Wegen der Corona-Krise fehlen die Erntehelfer aus Osteuropa. Obst und Gemüse drohen vielerorts auf den Feldern zu verfaulen. Einige Landwirte könnte die so noch nie dagewesene Situation in existenzielle Nöte bringen.

Im Kraichgau hat die Frühlingssonne die Natur geweckt, auf den Feldern blüht es, der Spargel sprießt. Doch Gudrun Heitlinger kann die Sonnenstrahlen nicht genießen. Die Landwirtin, die mit ihrer Familie den Metterlinghof zwischen den Kraichtaler Stadtteilen Menzingen und Landshausen bewirtschaftet, macht sich große Sorgen. Und zwar darum, um die Früchte ihrer Arbeit gebracht zu werden.

Denn um die Ernte einzufahren, fehlen Heitlinger die Helfer. Die Corona-Krise hat die Landwirtschaft schwer getroffen. Viele polnische Arbeitskräfte sind in ihre Heimat zurückgekehrt, andere machen sich erst gar nicht auf den Weg nach Deutschland, wo sie für ihre gute Arbeit geschätzt werden.

„Vier Helfer sind aktuell da – und die wollen eher wieder gehen“, sagt Heitlinger. Ab Mitte April, wenn die Ernte des grünen Spargels ansteht, braucht sie aber 15 Arbeiter, die auch über die gesamte Erdbeer-Saison bis in den Juli bleiben. Anderenfalls drohen die Früchte auf den Feldern zu verfaulen.

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„Ich bin jetzt seit 40 Jahren im Geschäft, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt die Kraichtaler Landwirtin, der die Situation sehr zu schaffen macht. Der Hof hat mehrere Generationen überdauert, die aktuelle Krise ist existenziell.

Wenn wir die Helfer nicht bekommen, müssen wir es mit Freunden versuchen
Gudrun Heitlinger vom Metterlinghof

Das Zeltcafé, das sich die Familie neben der Landwirtschaft als zweites Standbein aufgebaut hat, ist bis auf Weiteres geschlossen, umso wichtiger ist die diesjährige Ernte, um das Überleben zu sichern.

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In dieser Woche tagte der Familienrat – und kam zu dem Ergebnis, in dieser so noch nie dagewesenen Krise noch enger zusammenstehen zu müssen. „Wenn wir die Helfer nicht bekommen, müssen wir es mit Freunden versuchen“, sagt Heitlinger.

Bei den Erdbeeren, von denen der Hof hauptsächlich lebt, müsse man auf Selbstpflücker setzen. „Im Moment ist bei uns Weltuntergangsstimmung“, beklagt die Kraichtalerin.

Erdbeeren für Selbstpflücker sind eine Möglichkeit, dem Mangel an Erntehelfern zu begegnen. Foto: dpa

Nicht ganz so schlimm ist die Situation bei Otmar Böser auf seinem Spargelhof in Forst. „Ein Teil der benötigten Erntehelfer ist schon da“, berichtet er. Weil Polen in diesem Jahr schwer zu bekommen sind, setzt er auch auf Rumänen und Kroaten. So kann es kommende Woche mit dem Stechen losgehen.

Überrascht und auch gefreut hat Böser auch die Spontaneität aus der deutschen Bevölkerung. Er habe viele Angebote für Unterstützung bekommen, von Leuten, die wegen der Corona-Krise ihrer eigentlichen Arbeit nicht nachgehen können.

Gerne will er auf diese Angebote zurückgreifen, wenn es beispielsweise um das Sortieren und Verpacken geht. „Ich bin guter Dinge, dass wir den Saisonstart einigermaßen gut hinbekommen“, sagt Böser.

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Mit dem Vorschlag, Deutsche auf den Feldern einzusetzen, haben die Landwirte bislang keine allzu guten Erfahrungen gemacht. „Viele Leute wissen nicht, wie hart die Arbeit in der Landwirtschaft ist“, stellt Heitlinger fest. In der Vergangenheit seien viele nach dem ersten Tag nicht mehr gekommen.

Hans Lehar von der Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft (OGA) in Bruchsal findet die Idee dennoch nicht grundsätzlich schlecht. „Es kann funktionieren“, findet er. Es sei allemal besser, als Spargel und Erdbeeren auf den Feldern verrotten zu lassen.

Zwischen einzelnen Betrieben stellt Lehar große Unterschiede fest, was die Vorbereitung auf die anstehende Ernte angeht. Das zeigen auch die Beispiele von Böser und Heitlinger. Während der Forster verhalten optimistisch auf die Saison blickt, geht in Kraichtal die Existenzangst um. Das gilt für viele kleinere Höfe in der Region.

„Ich wünsche mir, dass die Politik uns Bauern nicht wieder vergisst, wenn das alles vorbei ist“, sagt Heitlinger, die sich aber doch ein wenig Mut macht: „Wir haben so manche Krise überstanden, ich glaube, dass wir es auch diesmal schaffen.“

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