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Pilotprojekt

Umstrittene „Berliner Kissen“ sollen Poser in der Bruchsaler Innenstadt ausbremsen

Poser und rasende Autofahrer bringen in Bruchsal Anwohner um den Schlaf und gefährden andere Verkehrsteilnehmer. Jetzt zieht der Gemeinderat die Reißleine. Das einjährige Pilotprojekt ist aber umstritten.

Fußgänger-Querung in der Prinz-Wilhelm-Straße beim Europaplatz
Rasende Autofahrer oder Poser gefährden in der Bahnhofsstraße und der Prinz-Wilhelm-Straße Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer. Foto: Martin Heintzen

Sie sind etwa sechs Zentimeter dick, zwei bis drei Meter lang und so breit, dass noch ein Rad mit Anhänger oder Lastenfahrrad vorbei kann. Busse und Lastwagen fahren wegen ihrer breiteren Achse einfach drüber. Alle anderen müssen langsamer fahren.

Sogenannte Berliner Kissen sollen in einem Pilotprojekt auf drei Straßen in der Innenstadt von Bruchsal die Raser ausbremsen.

„Für Raserei der Poser werden nun alle Bruchsaler Autofahrer in die Pflicht genommen“

Dem einjährigen Versuch stimmte der Bruchsaler Gemeinderat am Dienstagabend mehrheitlich zu, bei acht Gegenstimmen und einer Enthaltung. Und nach einer durchaus kontroversen Diskussion.

„Für die Raserei der Poser werden nun alle Autofahrer in die Pflicht genommen“, empörte sich beispielsweise CDU-Fraktionsvorsitzender Hans-Peter Kistenberger.

Nach Einschätzung von Hartmut Schönherr, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen/Neuen Köpfe, geht es denen nur darum, den Motor aufheulen zu lassen. Dagegen würden Schwellen nicht helfen. Einen grundsätzlichen Rückbau der Straßen befürwortete er aber.

Rettungswagen und Feuerwehr werden in Bruchsal auch ausgebremst

Nachteile für Rettungs- oder Feuerwehreinsatzfahrzeuge durch die Schwellen befürchtete Gabriele von Massow, Fraktionsvorsitzende der AfD/UBiB. Sie verwies auf andere Möglichkeiten der Geschwindigkeitsbremsen wie wechselnder Oberflächenbelag.

PS-begeisterte junge Autofahrer, sogenannte Poser, sind seit Jahren ein Problem für Anwohner und andere Verkehrsteilnehmer. Sie rasen immer wieder durch die Bruchsaler Bahnhofsstraße, legen an der Media-Markt-Kreuzung einen Kavaliersstart hin oder liefern sich auf zweispurigen Landstraßen Rennen. Beim Bruchsaler Burger King trifft sich die Szene mit den dicken Autos.

Wenn wir jetzt nicht handeln, handeln wir fahrlässig.
Roland Foos, Fraktionsvorsitzender Freie Wähler

„Wenn wir jetzt nicht handeln, handeln wir fahrlässig“, forderte Roland Foos, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler (FW). Einem Antrag der FW vom Januar 2022 liegen auch die jetzigen Planungen zugrunde. Immer wieder hatten sich Anwohner beschwert.

Das Pilotprojekt wurden von den Verkehrsplanern Berthold Hambsch und Xingping Zhu vom Stadtplanungsamt vorgestellt. Relativ schnell lassen sich die „Berliner Kissen“ in der John-Bopp-Straße realisieren. Sie werden kurz vor der Einmündung in die Friedrichstraße und hinter dem Rathaus einfach auf die Straße montiert.

Mit Vollgas in die Bruchsaler John-Bopp-Straße und vor dem Altenheim abbremsen

Das gleiche gilt für die Geschwindigkeitsbremsen in der Stadtgrabenstraße. Dort sollen die Schwellen vor dem Zebrastreifen und vor der Abzweigung in die Rathausstraße aufgebracht werden.

Beide Straßen sind Teil des Innenstadtrings. In der John-Bopp-Straße gilt ein Tempolimit von 20 Kilometern pro Stunde. Junge Autofahrer beschleunigen trotzdem beim dm-Markt, rasen am Kirchplatz und dem Supermarkt Rewe vorbei und bremsen vor dem Altenheim stark ab, berichtet Verkehrsplaner Zhu. Anschließend geht es wieder zurück.

Geschwindigkeitsbremsen in der Stadtgrabenstraße
Berliner Kissen: Die leicht zu montierenden Bodenschwellen sollen versuchsweise auch in der Stadtgrabenstraße installiert werden. Foto: Visualisierung Stadt Bruchsal

Seine jüngsten Beobachtungen von der „Rennstrecke“ in der Prinz-Wilhelm-Straße steuerte auch Gerhard Schlegel bei, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD: Danach überholte ein rasender Motorradfahrer andere Autos links von der Verkehrsinsel.

Bodenschwellen in Prinz-Wilhelm-Straße kommen mit Umgestaltung des Bahnhofsumfelds

Die Umsetzung in der Prinz-Wilhelm-Straße wird laut Berthold Hambsch erst 2023 im Zuge der Umgestaltung des Bahnhofsumfelds möglich. Dabei ist geplant, auf der östlichen Seite Richtung Innenstadt Parkmöglichkeiten zu streichen und dafür einen Radschutzstreifen auszuweisen.

Um potenzielle Raser auszubremsen, werden die „Berliner Kissen“ gegenüber dem Saalbachcenter in Höhe von Hausnummer 25 aufgebracht.

Kostengünstige Installation kann schnell wieder abgebaut werden

Etwa 30.000 bis 40.000 Euro kostet die probeweise Installation der Bodenschwellen in drei Straßen. Eine kostengünstige Investition, die Volker Ihle, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP/Bürgerliste für sinnvoll hält. Er verwies dabei auf positive Erfahrungen in Frankreich oder Heidelberg.

Pläne für die Bodenschwellen in der Wörthstraße wurden nach Beratungen im technischen Ausschuss kurzfristig abgesetzt. Dafür sei die Straße zu schmal.

Kein grünes Licht von den Gemeinderäten gab es auch für die Umwandlung in eine Fahrradstraße. Für den weiteren Ausbau der Nord-Süd-Fahrradachse wird nun eine andere Lösung gesucht.

Für Fahrradstraße in der Wörthstraße wird nach Alternative gesucht

Vor allem beim Übergang in die Friedrichstraße in Höhe des Restaurants Leonardo kommt es dort immer wieder zu brenzligen Situationen, wenn Poser plötzlich beschleunigen.

Kritisiert wurde vom Gemeinderat auch eine mögliche größere Sturzgefahr für Radfahrer. Durch das Bremsen und wieder Anfahren könnte zudem mehr Lärm entstehen.

Nach Angaben von Verkehrsplaner Hambsch wird das einjährige Pilotprojekt genau beobachtet. So misst das Ordnungsamt vor, während und nach dem Aufbau der „Berliner Kissen“ in den drei Straßen im mehrmonatigen Abstand die Geschwindigkeit.

Sollte der Versuch nicht erfolgreich sein, könnten die Bodenschwellen schnell auch wieder abgebaut werden.

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