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Zeitzeugen aus Bruchsal

Vergleich zwischen Krieg und Corona: Isolation im Keller statt im Wohnzimmer

Angela Merkel sieht die Corona-Krise als die größte Herausforderung nach dem Zweiten Weltkrieg. Bruchsaler Zeitzeugen berichten von Parallelen zur jetzigen Zeit. Doch lassen sich die Folgen der globalen Bedrohung durch das Virus überhaupt mit der Kriegszeit vergleichen?

Bild der Zerstörung: Die Bruchsaler Innenstadt 1949. Am rechten Bildrand in der Mitte stehen die übrig gebliebenen Außenmauern der Mozartschule. Nach dem Krieg fiel der Unterricht aus anderen Gründen aus als in der Corona-Zeit. Foto: Stadtarchiv Bruchsal Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Es waren dramatische Worte, mit denen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Corona-Krise an die Nation gerichtet hat. Sie bezeichnete die Pandemie als die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Diese Meinung teilt sie mit vielen Politikern – nicht nur in Deutschland. Doch lassen sich die Folgen der globalen Bedrohung durch das Virus überhaupt mit der Kriegszeit vergleichen? So brandaktuell etwa die Ausgangsbeschränkungen auch erscheinen – sie sind keine Erfindung der Corona-Zeit.

Anneliese Bischoff (Jahrgang 1924) erinnert sich noch genau an jenen 1. März 1945, als Bruchsal bombardiert wurde. Ab 18 Uhr abends galt eine Ausgangssperre, die nicht mit Bußgeldern, sondern mit Jeeps und Schusswaffengebrauch kontrolliert wurde. In der Bruchsaler Talstraße nutzte Bischoff Leitern, um sich trotzdem in den anliegenden Gärten mit den Nachbarn zu treffen.

„Es gab kein Radio, keine Zeitung und wochenlang kein Strom und Wasser“, sagt sie. 75 Jahre später seien die Menschen von einem solchen Zustand – trotz der prekären Lage wegen des Coronavirus – noch relativ weit entfernt, betont der stellvertretende Archivleiter im Generallandesarchiv Karlsruhe, Jürgen Treffeisen.

Ein Zeitzeuge verbrachte ein viertel Jahr im Keller

Dekan Walter Schmidt (Jahrgang 1931) hat die Isolation in den eigenen vier Wänden auch schon im Krieg erlebt. Damals konnte er sich aber nicht im Wohnzimmer aufhalten. Als ständige Fliegeralarmgefahr herrschte und Jagdbomber die Rheintalstrecke zerstörten, verbrachte Schmidt mehr Zeit im Keller als oben. „Ein viertel Jahr lang haben wir praktisch im Keller gelebt – eingepfercht mit den anderen Familien des Hauses. Wir sind nur nach oben, wenn wir auf die Toilette oder ins Bad mussten. Sobald die Luft mal rein war, konnte man auch für kurze Zeit in den Hof“, sagt Schmidt.

Rationierte Lebensmittel statt Hamsterkäufe

Eine weitere Parallele zwischen Gegenwart und Vergangenheit sind die Hamsterkäufe, die es vor allem in der Nachkriegszeit gab. „Die Ernährungslage war teils noch relativ gut, brach zum Kriegsende hin aber immer mehr ein“, so Treffeisen, der auch stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Stadtgeschichte in Bruchsal ist.

In der Corona-Krise seien die Hamsterkäufe eine reine Vorsorge, damals habe es aber eine akute Unterversorgung gegeben. Anneliese Bischoff schildert die damalige Situation: „Lebensmittel waren mit Lebensmittelmarken rationiert. Ein eigener Garten zur Versorgung mit Obst und Gemüse war wichtig. Von Bruchsal konnte man nach Forst laufen und versuchen, bei Bauern etwas Butter oder Spargel gegen Wertsachen einzutauschen.“

Zerstörte Zuggleise verhinderten die Reise mit der Bahn

Auch das Reisen war von den Folgen des Krieges beeinflusst. Doch der Vergleich mit den Beschränkungen in der Corona-Krise hinkt, da die Hintergründe gänzlich unterschiedlich sind. In Bruchsal und der Umgebung waren die Zuggleise durch den Krieg weitgehend zerstört. Es habe zudem keine Autos gegeben, erklärt Bischoff. Und Fahrräder mussten abgeliefert werden.

Die Bruchsaler Schulen lagen in Schutt und Asche

Die beiden Zeitzeugen erinnern sich zudem an die großen Probleme in der Schulbildung. Momentan sind Bruchsaler Bildungseinrichtungen aufgrund der Pandemie geschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen lagen die meisten Bruchsaler Schulen in Schutt und Asche. „Sämtliche Einrichtungen mussten in den Räumen einer Schule unterrichten. Richtiger Unterricht war kaum möglich“, erläutert Schmidt.

Insgesamt könne man die Corona-Krise nicht mit dem Krieg vergleichen. Damals sei stets die Todesangst präsent gewesen, das Virus schaffe dagegen ganz andere Ängste. Trotzdem findet Schmidt die jetzige Situation äußerst schwierig.

Corona ist unsichtbar, es gibt keinen Ansprechpartner
Jürgen Treffeisen, stellvertretende Archivleiter im Generallandesarchiv Karlsruhe

Jürgen Treffeisen findet die Pandemie gravierender als den Mauerfall und rechnet mit einer Wirtschaftskrise, die schlimmer als 2008 werden könnte. „In der Kriegszeit gab es einen sichtbaren Feind. Als 1945 die amerikanischen Besatzer alle Lehrer in Bruchsal entließen, konnten die Menschen mit den Amerikanern eine Lösung aushandeln. Corona ist dagegen unsichtbar, es gibt keinen Ansprechpartner. Bei den Leuten herrscht vor allem die Angst vor einer unsichtbaren Kraft“, sagt Treffeisen.

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