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Bernd Doll stellt Buch vor

Von der Friedenszigarre, die nie geraucht wurde: Ehemaliger Oberbürgermeister von Bruchsal erinnert sich

Für seine Heimatstadt Bruchsal wirkte Bernd Doll 40 Jahre lang im Rathaus. 23 Jahre lang war er Oberbürgermeister und prägte die Stadt bis heute. Nun hat der 74-Jährige seine Erinnerungen geschrieben. Mal trocken-sachlich, mal mit Einblicken in harte Kämpfe.

Hat seine Erinnerungen geschrieben: Bernd Doll, der Jahrzehnte für deine Heimatstadt Bruchsal im Rathaus wirkte und 2009 als Oberbürgermeister ins Pension ging. Foto: Martin Heintzen

Beim Lesen meint man, Bernd Doll sprechen zu hören. Wie er geduldig, fast pädagogisch erklärt, um was es geht, bei Verwaltungsstrukturen, Industrieansiedlungen oder der Entwicklung der Sparkasse. Das hat einen sympathischen Zug, weil kein Ghostwriter den Berichtston gestrafft hat. Andererseits sollte ein Erinnerungsbuch mehr Einblicke geben können, als es eine Haushaltsrede ermöglicht. Und das schafft der frühere Oberbürgermeister dann doch immer wieder in seinem Lebensrückblick namens „Gedankenlese“.

Er wurde 1946 in Untergrombach als Sohn eines Schreiners und einer Hausfrau geboren, ging aufs Justus-Knecht-Gymnasium und im mit dem „Einjährigen“ ab, einem vorzeitigen Abschluss, machte eine Verwaltungsausbildung und erfuhr bei seinem Amtsantritt als Referent im Bruchsaler Rathaus: „Mehr als Oberinspektor können Sie bei mir nicht werden.“ Das hörte Bernd Doll, als er sich 1970 beim damaligen Oberbürgermeister (OB) Adolf Bieringer vorstellte. Es kam anders. Noch unter jenem OB wurde Christdemokrat Doll Hauptamtsleiter (1974) sowie Bürgermeister.

Blaues Auge und harte Kämpfe

Er folgte seinem Chef 1986 auf dem OB-Sessel nach. In drei Amtsperioden bis 2009 war Doll der mächtige und prägende Mann in seiner Heimatstadt. In seine Zeit fielen ein wirtschaftlicher Aufschwung Bruchsals und entscheidende Veränderungen im Stadtbild. Doll wirkte zudem als Präsident des baden-württembergischen Städtetags. Nun zeichnet der 74-jährige Ehrenbürger in 42 Buchkapiteln die jüngere Stadtgeschichte nach: Von der Gemeindereform über Stadtsanierungen bis hin zu Kultur- und Verkehrsprojekten. Er erinnert an jüdische Familien und Flüchtlinge aus Prag („Nie erlebte ich mehr Dankbarkeit“), den Redaktionsleiter der Rundschau, Bertold Moos, und politische Weggefährten.

Es ist es gut, dass Doll an vielen Stellen, mal mit Jahresangabe, mal ohne, etwas mehr aus den Kämpfen seiner Zeit preisgibt. Er holte sich, wie er schreibt, ein „blaues Auge“, als er zusammen mit Ministerpräsident Lothar Späth einen abgelehnten Beirat für SEW-Eurodrive vorschlug. Und auch später mit dem für Bruchsal enorm wichtigen Unternehmen Kompromisse finden musste.

Einen Knoten zu lösen hatte der Oberbürgermeister bei der B35-Nordumgehung. Der Bauwille des Bundes mit einer Trasse mitten durch den Kraichgau und die Klage des Naturschutzverbandes Agnus blockierten sich in den 1980er Jahren vor Gericht. Doll erzählt, wie er seine sehr kreative Idee durchsetzen musste, die Planfeststellung zu teilen und nur den heutigen West-Ast bis zum Weingut Klumpp zu bauen.

Nur mit Hilfe einer Blaulichtfahrt der Polizei erwischte er noch einen Zug in Karlsruhe für ein Gespräch in Freiburg. Am Ende des Termins erhielt Doll vom „sachlichen“ Agnus-Aktivisten Dieter Hassler eine „Friedens-Zigarre“, die bis heute nie geraucht wurde. Andere Naturschützer bezeichnet Doll als „militant, feindselig und mitunter beleidigend“. Noch andere persönliche Angriffe erwähnt Doll in seinem Rückblick. Im ersten OB-Wahlkampf 1985 spürte er „Neid und sogar Hass, der mich während meine gesamten Amtszeit begleiten sollte. Rund um die Wiederwahl heißt es, „Kräfte in der SPD um den damaligen Stadtrat Jürgen Schmitt hatten alles darangesetzt, mich aus dem Amt des Oberbürgermeisters zu vertreiben“.

Bargeld für den FC Bayern

Sorge um die Abwahl und bittere persönliche Verletzungen sprechen daraus. Und wohl der tiefe Wunsch des Machers, dass die von ihm als klug und erfolgreich bewertete Politik selbst von der „Opposition“ gewürdigt wird. Wenn etwas nicht so ganz klappt, wie bei der International University oder dem Abgang der Firma Mölnlycke, spielen oft Störfeuer von Gruppen oder gar Einzelpersonen für Doll entscheidende Rollen. Immer als hilfreich erwies sich das politische Netzwerk in der CDU, das der Ex-OB bis nach Bonn und Berlin pflegte. Nur mit Landrat Bernhard Ditteney kam er nicht gut klar.

Dankbar erinnert er sich an die Zusammenarbeit mit Abgeordneten wie Klaus Bühler, an die mit Otto Ihle oder Werner Stark im Rathaus oder vielen weiteren Genannten aus seinem Arbeitsumfeld. Durch seine Erinnerungen erfährt nun nicht nur die Familie mit seiner Frau, zwei Kindern und Enkel Anton manche Geschichte am Rand eines unermüdlichen Lebens. Als junger Verwaltungswirt im Kreis Sinsheim hatte Doll die Kasse einer Gemeinde zu prüfen. Er trieb den Beamten bei der Getreideernte auf und die Geldkassette unter dessen Bett. Doll erlebte ein paar Jahre später, dass der Manager des FC Bayern München den fünfstelligen Betrag für ein Freundschaftsspiel in Bruchsal in bar erhielt. Aber keine Quittung herausgeben wollte. Zuvor hatte der Fußball-Tross keine Lust auf Erklärungen am Schloss. Die Spieler wollten lieber ein Eis. Also hielt der Bayern-Bus vor dem „Bertolini“. Das würde man heute am „Gran Caffe“ gern wieder erleben.

Service

Bernd Doll: Gedankenlese. Herausgegeben von der Agentur „Der kleine Markenladen“. Mit 30 Abbildungen, 274 Seiten, 19,80 Euro.



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