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Traumatische Situation

Einsames Sterben in Bruchsal nach 40 Ehejahren: Corona verändert das Trauern

Die Corona-Zeit ist unbarmherzig. Fast hunderttausend Menschen sind in Deutschland gestorben, hunderttausende Angehörige blieben zurück. Der Abschied ist eingeschränkt – wie bei einer Ärztin, die ihren Mann nach 40 Ehejahren in Bruchsal nahezu allein sterben lassen musste.

„Corona erschwert den Trauerprozess auf jeden Fall, jede fehlende soziale Unterstützung kann zu pathologisierender Trauer führen“, sagt die Karlsruher Trauerbegleiterin Marei Rascher-Held. Foto: Annette Riedl/dpa

Die Trauer hat sie krank gemacht. Die 80-jährige Ärztin kann ihre Erinnerungen an den Tod ihres im April vergangenen Jahres verstorbenen Mannes gar nicht erst abrufen, so kummervoll sind die Bilder, die sich ihr aufdrängen.

Der Abtransport des 69-Jährigen nach Bruchsal durch in Schutzkleidung verschanzte Sanitäter. Die zwölf Tage des Wartens, wegen Corona ohne die Möglichkeit des Kontakts mit dem intubierten Mann.

Erst am Morgen des Todes die Chance ihn zu sehen. Nach 40 Jahren inniger Ehe war sie die entscheidende Zeit nicht da.

Corona erschwert laut Karlsruher Expertin den Trauerprozess

Trauer ist eigentlich normal, das weiß sie ja. Aber unter diesen Umständen habe sich die Trauer in eine Wunde verwandelt, die nicht heilen will. So wie ihr geht es vielen, die während der Pandemie Verluste zu verkraften hatten.

„Corona erschwert den Trauerprozess auf jeden Fall, jede fehlende soziale Unterstützung kann zu pathologisierender Trauer führen“, sagt die Karlsruher Trauerbegleiterin Marei Rascher-Held.

Corona hat eine traumatische Situation geschaffen für Trauernde.
Klaus Baumann, Universität Freiburg

Auch Wissenschaftler nehmen sich des Phänomens inzwischen an: „Corona hat eine traumatische Situation geschaffen für Trauernde“, sagt etwa der Theologe und Psychotherapeut Klaus Baumann von der Universität Freiburg. Gemeinsam mit seinem Kollegen Arndt Büssing, der an der Universität Witten/Herdecke lehrt, hat er Anfang Juli die Studie „Verlust und Trauer während der Coronapandemie“ initiiert.

Auch wenn die Studie nicht repräsentativ sein wird, so erhoffen sich die Forscher davon doch Erkenntnisse über die seelischen und gesellschaftlichen Folgen für Hinterbliebene, die nicht nur einen Menschen verloren haben, sondern auch noch unter Corona-Bedingungen trauern mussten.

Gefahr der „tertiären Trauer“

„Wenn Trauer in normalen Zeiten schon ein anspruchsvolles Beziehungsgeschehen ist, dann wurde sie unter Corona-Bedingungen einfach noch schwerer“, sagt auch der Moraltheologe Rupert Scheule, der an der Universität Regensburg den Studiengang „Perimortale Wissenschaften“ betreut. „Das kann eine zusätzliche eigene Trauerdynamik, die sogenannte „tertiäre Trauer“ auslösen.“

Die Isolation von Sterbenden habe bei den Angehörigen unter anderem zu Schuldgefühlen und einem „Horror-Kopfkino über die letzten Stunden“ geführt. „Das alles kommt zur Sehnsucht nach dem verstorbenen Menschen noch obendrauf.“

„Die Pandemie bedroht nicht nur Leben, sie bedroht auch Trauerprozesse“, warnte der Bundesverband Trauerbegleitung deshalb schon Anfang des Jahres und warb mit der Petition „Trauer ist systemrelevant“ um politische Aufmerksamkeit für dieses Problem.

Dass man sich nicht verabschieden konnte, ist ein Riesenthema und wird auch weiter ein Thema bleiben, noch lange nach der Pandemie.
Marei Rascher-Held, Trauerbegleiterin

Die Zahl der notwendigen Unterschriften wurde allerdings weit verfehlt – „Wir waren erstaunt wegen der Zurückhaltung“, bedauert Rascher-Held, die neben ihrer Selbstständigkeit als Trauerbegleiterin auch eine halbe Stelle beim Hauptfriedhof in Karlsruhe hat. Etwa 90 Menschen betreute sie dort im vergangenen Jahr.

Aus ihrer Sicht hat Corona die Trauerarbeit enorm erschwert. „Dass man sich nicht verabschieden konnte, ist ein Riesenthema und wird auch weiter ein Thema bleiben, noch lange nach der Pandemie“, glaubt sie. „Das ist nicht aufholbar.“

Noch gibt es – auch international – keine belastbaren Studien über seelische Folgen für Trauernde während Corona, berichtet die US-amerikanische Psychologin Mary-Frances O’Connor, die an der University of Arizona in Tuscon lehrt. Durch die coronabedingte soziale Vereinzelung seien die Betroffenen aber um wichtige Unterstützung beim Trauerprozess gebracht worden.

Dass der Bedarf an Hilfe groß ist, ist deutlich zu merken, erzählt auch Marianne Bevier vom Bundesverband Trauerbegleitung. Viel mehr direkte Anfragen kämen zu den Trauerbegleitern und Trauerbegleiterinnen und auch im Bereich der Klinikseelsorge würden sie vermehrt angefragt. „Wir denken immer, Trauer hat „nur“ was damit zu tun, dass wir jemanden verloren haben.“

Aber Trauer habe auch ganz viel mit Trauerreaktionen zu tun, die mangels Begegnungsmöglichkeiten nicht stattfinden konnten. Noch heute seien vielerorts Trauercafés geschlossen.

Ärztin nimmt an Trauer-Therapie im Enzkreis teil

Was tun? Therapieplätze sind rar und das Wissen darum, dass es Trauerbegleiter gibt, ist ebenfalls nicht besonders weit verbreitet, sagen Bevier und Rascher-Held unisono. Die 80-jährige Ärztin hat über frühere berufliche Kontakte einen Platz bei einem Therapeuten im Enzkreis bekommen.

Jeden Morgen fällt mir die Trauer wie ein Stein auf die Brust.
Hinterbliebene

Alle paar Wochen wird sie hingefahren, es wird besser, aber es ist noch lange nicht gut. Das Einschlafen ist schwer und das Aufstehen auch. „Jeden Morgen fällt mir die Trauer wie ein Stein auf die Brust.“

Das Thema bekomme nicht die Aufmerksamkeit, die es verdiene, glaubt O’Connor, die als eine der führenden Expertinnen zum Thema Trauer und Verlust gilt. „Ich höre keinen Politiker oder Bürgermeister Danke sagen zu den Überlebenden für ihr Opfer, wegen Corona nicht die letzten Tage mit einem geliebten Menschen verbracht zu haben.“

Vielleicht aber werde sich das mit der Zeit ändern. Und die Gemeinschaft ihre eigenen Wege entwickeln, daran zu erinnern.

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