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Interview

Was die Kritiker des geplanten Geothermie-Kraftwerks in Graben-Neudorf sagen

Das in Graben-Neudorf geplante Geothermie-Kraftwerk sorgt für Unruhe bei Bürgern in der Hardt-Region. Gegenüber den BNN hatte die Deutsche Erdwärme Transparenz und Dialogbereitschaft mit den Kritikern des Projektes angekündigt. Zu diesen zählt unter anderem die Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe.

So ähnlich könnte es aussehen: Die Deutsche Erdwärme plant in Graben-Neudorf ein Geothermie-Kraftwerk. Die Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe sieht das Vorhaben kritisch. Foto: Uwe Anspach/dpa

Das in Graben-Neudorf geplante Geothermie-Kraftwerk sorgt für Unruhe bei Bürgern in der Hardt-Region. Gegenüber den BNN hatte die Deutsche Erdwärme Transparenz und Dialogbereitschaft mit den Kritikern des Projektes angekündigt. Zu diesen zählt unter anderem die Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe. Unser Redaktionsmitglied Thilo Kampf sprach mit Jens Linowski von der IG Tiefengeothermie.

Sie haben vor knapp drei Wochen einen Fragenkatalog an die Deutsche Erdwärme geschickt. Gab es bis dato bereits eine Reaktion?

Jens Linowski:

Die Deutsche Erdwärme hat darauf Ende Januar reagiert, aber diese Mail genügte in keiner Weise den formalen Ansprüchen an einen offiziellen Schriftverkehr. Inhaltlich lässt sich aus dem Schreiben lediglich ein Bezug zu Frage 46 herstellen, die die Deutsche Erdwärme mit den Ankündigungen für „Informationsstände“, „eine Bürgerinformationsveranstaltung“, die „neue Internetseite“ und „persönliche Gespräche“ als ausreichend beantwortet erachtet. Auf die übrigen 45 Fragen erhielt die IG keine Antwort.

Am 7. Februar haben wir darauf geantwortet und nachdrücklich darauf verwiesen, dass wir Floskeln und pauschalisierte Phrasen nicht als wertschätzende Antwort auf einen sorgfältig recherchierten Fragenkatalog akzeptieren. Das Regierungspräsidium in Freiburg veröffentlich zum Thema ebenfalls die Aussage, dass ihnen als Genehmigungsbehörde „eine frühzeitige Information der Öffentlichkeit über die Durchführung und Auswirkungen der Vorhaben ein wichtiges Anliegen“ sei. Über entsprechende Aktionen des dort benannten Ansprechpartners Rupert Thienel liegen der IG keine Informationen vor.

Wie setzt sich die IG zusammen? Wie viele Bürger unterstützen Ihre Initiative konkret? Gab und gibt es persönliche Treffen oder kommunizieren Sie über andere Kanäle, etwa soziale Medien?

Linowski:

Seit Dezember 2019 gab es drei Treffen, bei denen jeweils zwischen zehn und 15 Unterstützer anwesend waren. Zu Beginn vernetzte sich die IG mit anderen, bereits schon lange aktiven Initiativen. Auch Treffen fanden statt, um von den dort bereits vorliegenden Informationen zu profitieren und Wissen zur Thematik zu generieren. Nachfolgend wurden Themen abgesprochen, die daraufhin von kleineren Teams weiterbearbeitet werden.

Aber auch zwischen den einzelnen Treffen finden Abstimmungen zwischen den Unterstützern statt und es werden weitere Aktionen geplant. Die IG ist untereinander multimedial vernetzt. Unsere Beiträge auf Facebook erreichen inzwischen bis zu 3.300 Personen – wobei über 1.150 Interaktionen erfolgen. Über das entstehende Netzwerk mit anderen Bürgerinitiativen können Informationen und Erfahrungen ausgetauscht werden, was große Vorteile bei der Arbeit für die Bürger mit sich bringt. Die IG sieht die große Gefahr genau in dem Punkt, dass die Projekte der Deutschen Erdwärme medial nicht präsent sind.

Laut Herbert Pohl von der Deutschen Erdwärme habe diese in Waghäusel Info-Gespräche geführt und auch im Gemeinderat Rede und Antwort gestanden. Welche Eindrücke haben Sie selbst oder Mitglieder der IG dabei gesammelt?

Linowski:

Von etwa 21.600 Einwohner der Stadt Waghäusel haben maximal 0,27 Prozent der Bevölkerung mit ihrem Erscheinen ein Interesse an der Tiefengeothermie zum Ausdruck gebracht. Wie der Gemeinderat in Waghäusel bisher zum Thema informiert wurde, ist der IG nicht bekannt.

Leider finden sich auch keinerlei Dokumente im Informationssystem des Gemeinderates aus 2015, als die Fläche für Geothermie im „Flächennutzungsplan 2025“ festgelegt wurde.

Pohl kündigte auch Bürgerinfoabende und Gespräche auf dem Frühlingsmarkt in Graben-Neudorf an. Werden Sie diese nutzen, oder verlassen Sie sich lieber auf direkte schriftliche Antworten auf Ihren Fragenkatalog?

Linowski:

Eine Informationsveranstaltung zu dem Thema „Tiefengeothermie“ im Kontext eines Frühlingsfestes fügt sich nahtlos in dieses Szenario ein. Stellen Sie sich einen Familienvater vor, der mit einem Glas Weinschorle in der einen und einem Kleinkind an der anderen Hand, untermalt von fröhlicher Volksmusik und begleitet vom Jauchzen der Kinder auf den Karussells die sicherheitstechnische Ausstattung einer Geothermie-Anlage für den Fall eines Terroranschlages diskutiert. Dieses Bild trägt fast groteske Züge.

Die IG fragt sich, aus welchem Grund die Deutsche Erdwärme zögert, eine sachliche öffentliche Diskussion in einem inhaltlich angemessenen Rahmen anzubieten.

Auch der Bürgermeister von Graben-Neudorf unterstützt inzwischen die Forderung nach Transparenz und fordert die Deutsche Erdwärme und das Landesamt für Geologie zum Dialog auf. Gibt es vonseiten der Kommunal- oder Regionalpolitik weitere Unterstützer oder hält man sich eher bedeckt?

Linowski:

Die Öffentlichkeitsarbeit erstreckt sich auf einen Infostand auf dem Herbstmarkt und eine Infoveranstaltung. „Informationen“ beinhalten in der Informationstheorie grundsätzlich einen Absender und einen Empfänger, zwischen denen ein Wissen über Informationskanäle ausgetauscht wird. Dieser Austausch soll zu einem Wissenszuwachs aufseiten des Empfängers führen.

Die IG fordert die Deutsche Erdwärme auf, ihrer Rolle als „Absender von Informationen“ gerecht zu werden. Dafür sollte sie den Bürgern transparent machen können, wie die Realisierung einer tiefengeothermischen Energieversorgung einerseits technischen sowie ökologischen Kriterien genügt und andererseits auch soziale und ethische Kriterien erfüllt, um als nachhaltig und generationenübergreifend verteilungsgerecht gelten zu können. Bürger, die ihre Ersparnisse in Immobilien investiert haben, um ihren Traum einer Familie im Eigenheim zu realisieren, fordern Antworten auf die Fragen nach Deckungssummen, Lärmemissionen oder Störfallverordnungen. Ein Luftballon mit dem Aufdruck der Deutschen Erdwärme und ein paar Kugelschreiber sind kein ausreichender Informationskanal.

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