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Zu Gast bei einer Online-Weinprobe

Im Weinland Kraichgau trinkt man jetzt online

Seit Corona geht man nicht mehr zur Weinprobe, die Weinprobe kommt zu einem nach Hause. Das kommt im Kraichgau gut an.

Virtuelle Weinverkostung: Während Nadine und Dominik Zorn in Neuenbürg vor der Kamera sitzen, trinken mehrere Hundert Menschen im ganzen Land mit. Foto: Martin Heintzen

Der Nachteil einer Online-Weinprobe ist ja, dass man am Ende die Tafel selbst aufheben muss, die Gläser spülen und die Kekskrümel aus den Sofaritzen saugen muss. Ansonsten scheinen die Vorteile zu überwiegen. Wie sonst ist zu erklären, dass das Thema im Kraichgau geradezu boomt.

Bei der Premiere des Neuenbürger Weinguts Niwenburg am Samstagabend hatten sich über 100 Menschen die Sechserkiste vorab bestellt.

Und David Klenert aus Münzesheim - man kann ihn fast als Pionier bezeichnen - macht dieser Tage schon die 20 voll. 20 Mal hat er seine Gäste via Bildschirm in die Wissenschaft des Weintrinkens eingeführt.

Nutzer loben die Online-Weinprobe im Chat

Dominik und Nadine Zorn vom Weingut Niwenburg stehen am Anfang: Ein Nutzer, der sich Pilates nennt, schreibt nach zwei Stunden im Chat: „War ein toller Abend.“ Steffen lobt das junge Winzerpaar: „Habt ihr gut gemacht.“

Sie kamen aus Spöck und aus Neibsheim, aus Stutensee und Würmersheim, aus Weiher und aus dem Elsass. Und auch Südfrankreich war zugeschaltet - alle von zuhause aus, während die Zorns in ihrer Vinothek einen um den anderen Wein aufmachten.

Der Chatverlauf neben dem Youtube-Film wird mit zunehmendem Konsum immer illustrer. Dass die Zorns auf drei „alkoholreiche Brüder“ zurückgehen, von dem einer die Brauerei Palmbräu in Eppingen gegründet hat, erheitert. Fast so sehr wie Dominik Zorns buntes Hemd, das zunächst weit mehr Aufmerksamkeit bekommt als seine Weine.

Ambitionierte Jungwinzer bringen Kraichgau nach vorne

Doch dann geht es in medias res, in vino veritas - mitten hinein in die Wahrheit des Weines. In Neuenbürg, in Südfrankreich und in Hambrücken wird der Secco geöffnet.

Und dann ist es fast wie bei einer normalen Weinprobe. Es geht um Kohlensäure und Sektsteuer, um Secco und Prosecco, um Wissenswertes und Anekdoten aus den Tiefen des Weinkellers. Dass der Drei-Euro-Sekt aus dem Supermarkt nicht so viel taugen kann, weil da allein ein Euro an Steuern abgeht etwa, und wie man richtig schlürft.

Nadine Zorn, die den Chat im Auge behält, rät: „Man muss nicht alle sechs Flaschen heute Abend gleich leer trinken.“ Die Zorns bewirtschaften 27 Hektar in Oberöwisheim, Neuenbürg und Münzesheim.

Wie Klenert und viele weitere gehören sie zu den gut ausgebildeten Jungwinzern, die das kleine Weinbaugebiet Kraichgau ambitioniert nach vorne gebracht haben. Der 33-jährige Zorn nennt sie „die nächste Generation“. Längst hat die Fachwelt die Anbauregion auf dem Schirm, verteilt hier Gütesiegel und Medaillen.

Das ist eingeschlagen wie eine Bombe.
Winzer David Klenert über die Online-Weinproben

Teilnehmerin Petra gerät beim Zornissimo ins Schwärmen: „Mein Lieblingswein“, schreibt sie. Frederick meint eine Note von Pfirsich zu erkennen. Zorn schiebt ein kleines Sensorikseminar dazwischen, berichtet von Muskataromen, Zitrusfrüchten oder Röstaromen. Auch Fehltöne wie faule Eier oder Klebstoff könnten erfahrene Weintrinker erschmecken.

„Meine erste Online-Weinprobe hatte ich bereits Ende März. Das ist eingeschlagen wie eine Bombe“, hatte David Klenert im Gespräch zuvor berichtet. Er schwört seither darauf. Etwas Wasser in den Wein gießt derweil der Weinprofessor Erik Schweickert aus Niefern.

Das Coronavirus hat die Winzer zum Umdenken gezwungen, das sei gut. Aber nicht alle 9.000 deutschen Weingüter könnten das stemmen. Er habe vor 20 Jahren an der ersten Weinprobe teilgenommen, danach passierte 20 Jahre lang nichts, bis Corona kam.

Um das Coronavirus geht es bei dieser Video-Weinprobe ausdrücklich nicht

Bei den Zorns und ihren geschätzt über 200 Mittrinkern geht es heute nicht um Corona. Es geht um die schweren Lössböden im Kraichgau, um Vor- und Nachteile von Korken und um die richtige Aussprache des Auxerrois - mit dem die Zorns Erfolge feiern. In Kraichtal nennt mancher die Sorte ganz einfach „Ochsenrohr.“

Beim fünften Wein ist man beim Ausbau angekommen, beim Vollernter, beim Barriquefass und bei Erdbeernoten. Der Blaufränkische zum Abschluss ist eigentlich ein Lemberger, lässt sich aber unter diesem Namen in Baden besser verkaufen, verrät der Winzer. Marvin erschmeckt in ihm Schokoladennoten.

Dann endet die Premiere. Der Vorteil: Keiner muss heimfahren, man kann sitzen bleiben. Und ob die sechs Flaschen bei allen noch an diesem Abend ausgetrunken wurden - das bleibt ein gut gehütetes Geheimnis.

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