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Endlich ein entspanntes Weihnachten

Wie Frauen in einer Schutzeinrichtung in Bruchsal das Fest feiern

Weihnachten im Bruchsaler Frauen-Haus: Wie feiert man dort? Und welche Möglichkeiten gibt es für die Frauen, ihre Familien zu treffen?

Führen zum ersten Mal ein selbstbestimmtes Leben: Charlotte (links) und Anoud (rechts). Geholfen haben dabei (stehend v.l.) Aselefech Demissie und Joyce Saint-Denis. Foto: Irmgard Duttenhofer

Ganz gleich, welche Probleme der neue Corona-Shutdown auch bringen mag: Für Charlotte und Anoud ist Weihnachten 2020 etwas ganz Besonderes. Sie haben die schlimmste Krise ihres Lebens gemeistert und können zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Anoud feiert Weihnachten im Frauenhaus, Charlotte in ihrer ersten eigenen Wohnung, die sie unlängst, nach dem Auszug aus den geschützten Räumen des Frauenhauses, bezogen hat. Beide Frauen wirken entspannt, lachen, scherzen. Nur wenn sie über ihr Schicksal berichten, werden sie ernst und traurig.

Anoud ist 33 Jahre alt und stammt, wie ihr Noch-Ehemann, aus Syrien. Vor fünf Jahren kam die Familie nach Deutschland. Hier kümmerte sie sich um den Haushalt und ihre vier Kinder, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Die Landessprache zu lernen hatte ihr der Ehemann, ein gewalttätiger Alkoholiker, verboten. Es gab immer wieder Streit und Schläge. Der Ehemann wurde verurteilt, musste die gemeinsame Wohnung verlassen, hat aber das Annäherungsverbot nie eingehalten.

Als die Situation erneut eskalierte, Anoud geschlagen und gewürgt wurde und um ihr Leben fürchtete, hat sie die Polizei gerufen und den Beamten einen Zettel in die Hand gedrückt. Darauf standen die Kontaktdaten von SopHie, der Schutzeinrichtung, die vor 13 Jahren von allen sechs Wohlfahrtsverbänden des Landkreises Karlsruhe gegründet wurde.

SopHie bietet sozialpädagogische Hilfe auf drei Ebenen: der ambulanten Jugendhilfe, bei häuslicher Gewalt („Libelle“) und in den Schutzhäuser im Landkreis Karlsruhe („SopHie“).

Es ist eine schwierige Situation.
Aselefech Demissie, SopHie-Familienhelferin

Die Polizisten kennen die Schutzeinrichtung und brachten Anoud in Sicherheit. Jetzt ist Anouds sehnlichster Weihnachtswunsch: Wieder mit ihren Kindern zusammen zu sein, die nach ihrer Flucht ins Frauenhaus in Obhut genommen wurden. „Es ist eine schwierige Situation“, bestätigt Aselefech Demissie, die als SopHie-Familienhelferin die junge Frau seit der ersten Stunde begleitet. Anoud hat inzwischen gelernt, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Sie wirkt selbstbewusst. Am 1. Januar kann auch sie in eine eigene Wohnung umziehen. Damit ist die wichtigste Hürde genommen, die sie von ihren Kindern trennt.

Weihnachten im Frauenhaus heißt Kaffee, Kuchen, gesponserte Sachgeschenke, Weihnachtsgeschichten und -bräuche, die die Frauen aus ihrem jeweiligen Kulturkreisen einbringen, so Joyce Saint-Denis, die pädagogische Leiterin von SopHie. „Anoud und die anderen Frauen haben bereits weihnachtlich dekoriert, sie kochen, backen gemeinsam Weihnachtsplätzchen“, berichtet die Diplom-Psychologin.

Charlotte freut sich sichtlich auf ihr erstes Weihnachtsfest „in Freiheit“. 30 Jahre lang hat sie die Schikanen ihres Ehemannes ertragen. Neun Monate im Frauenhaus haben ihr die Augen geöffnet. Sie sagt: „Wer einmal schlägt, schlägt immer wieder. Erstattet Anzeige!“

Die 65-Jährige weiß, wovon sie spricht. Ihr Ehemann war ein Kontrollfreak, hat darüber bestimmt, wie viel Butter, Marmelade und Wurst sie nehmen darf und an den Händen geschnüffelt, ob sie heimlich geraucht hat. Sie hatte nie eigenes Geld und musste nach jedem Einkauf den Kassenbeleg vorlegen und das Wechselgeld abliefern. Kontoauszüge bekam sie nie zu Gesicht, die PIN wurde ihr verschwiegen. Sie sei ohnehin zu dumm, um Geld abzuheben, entschied ihr Ehemann, der immer häufiger grundlos gewalttätig wurde.

Seit Charlotte in Freiheit lebt, gönnt sie sich jeden Sonntag ein Stück Bienenstich. Das sind ihre ganz persönlichen Momente, ihr kleiner Triumph über die körperliche Gewalt und alle Erniedrigungen. Hinter ihr liegt kein leichter Weg. Charlotte hat die eheliche Wohnung verlassen – ohne Geld, Papiere, persönliche Dinge und Perspektiven. Damals zählte für sie nur das nackte Überleben.

Häusliche Gewalt hat viele Gesichter, bestätigt Diplom-Psychologin Saint-Denis. Es gibt körperliche, seelische, sexualisierte oder finanzielle Gewalt, denen die Betroffenen ausgeliefert sind. Übergriffe gibt es in allen Kulturkreisen und Gesellschaftsschichten.

Die Pädagogische Leiterin berichtet von Frauen, die mit heißem Öl übergossen, mit der Axt bedroht oder stundenlang mit einem Staubsaugerrohr geschlagen wurden. Theoretisch könnten auch Männer von häuslicher Gewalt betroffen sein. Dennoch leben meist Frauen in den geschützten Räumen, weiß Aselefech Demissie.

Kontakt

SophHie-Geschäftsstelle, Prinz-Wilhelm-Straße 3, Bruchsal, Telefon (07251) 7130321.

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