Walther Zimmermann war ab 1917 Apotheker in der Illenau. | Foto: Stadtarchiv Achern

„Völkische Degeneration“

Abkehr vom „Geist der Illenau“

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Als Direktionsgehilfen hatte Christian Roller einst seinen Bruder Robert Roller in die Heil- und Pflegeanstalt Illenau geholt. 1866 hatte dieser mit einer Statistik aus etwa 4 000 Illenauer Krankenakten zu belegen versucht, dass nur bei einem Drittel der Patienten erbliche Anlage alleinige oder Mitursache der geistigen Störung sei. Dieses Ergebnis entsprach dem hinsichtlich der Heilungsmöglichkeiten seelisch Kranker von Grund auf optimistischen Verständnis des Illenaugründers, wie auch der Acherner Historiker Gerhard Lötsch aufzeigt. Schon Heinrich Schüle hatte ein anderes Bild der Erblichkeit.

„Wie ein böser Fluch“

Schüle entwickelte auch Vorschläge zur Begrenzung des Heiratens. „Das unüberlegte, wahllose Ineinanderheiraten schwer Belasteter oder Degenerierter wird immer ernstlicher überwacht und mit der Zeit bekämpft werden müssen, wenn nicht der Krankheitskeim fortwirkend wie ein böser Fluch sich vom Einzelnen auf ganze Generationen übertragen soll“, ist in der Denkschrift zu lesen, die Schüle zusammen mit Alfons Haardt (Emmendingen) und Max Fischer (später Leiter in Wiesloch) 1902 für die badische Regierung verfasste.

„Ballastexistenzen“

Die mit dem Ersten Weltkrieg verstärkte Frage nach dem Umgang mit den von dem Freiburger Psychiater Alfred Hoche nach dem Krieg als „Ballastexistenzen“ bezeichneten seelisch chronisch Kranken zeigt auch die große Angst in der deutschen Psychiatrie vor „völkischer Degeneration“.

Wertewandel durch Kriegsnot

Heinrich Schüle hatte 1905 „Degeneration“ als „Minderwertigkeit oder Perversität auf intellektuellem und oder ethisch-affektivem Gebiet“ benannt. Zu Regelungen der Eheschließungen hatte Schüle die Mitwirkung des Staats für notwendig gehalten, jedoch verlangt, jeden Zwang auszuschließen. Gleichwohl kann hier auch der Beginn einer Abkehr vom „Geist der Illenau“ gesehen werden, ein „Wertewandel“, der sich parallel zu den durch Kriegsnot oder Pragmatismus heraufbeschworenen Veränderungen „ergeben“ hat.

Tiefe Einschnitte durch den Krieg

Der Erste Weltkrieg brachte mehrfach tiefe Einschnitte und Belastungen für die Illenau. Im August 1914 wird berichtet, dass neben den Ärzten Schultes, Roemer und Pfund und dem Apotheker Held drei Verwaltungsbeamte, ein Wirtschaftsbeamter, 39 Pfleger und 15 Angestellte eingezogen seien. Am 15. September 1914 „war das Männerlandhaus … als Lazarett bereitgestellt worden.“ Die Leitung des Lazaretts hatte Arthur Schreck. Jener war 1913 in die Illenau eingetreten und wurde 1924 Oberarzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird er von den Zeugen seines Prozesses in Freiburg für die ersten Jahre in der Illenau als „gütiger Arzt und väterlicher Helfer“ beschrieben. Wegen Schwerhörigkeit wurde Schreck nicht zum Militär einberufen.

Ernst Thoma, hier mit seiner Gattin leitete die Illenau von 1917 bis 1928 | Foto: Stadtarchiv Achern

Oberarzt Ernst Thoma hielt 1916 im Illenauer Tagebuch fest, dass die „schlechten Ernährungsverhältnisse“ zu einer „erhöhten Zahl von Todesfällen“ geführt hätten. Im April 1916 wurde das Reservelazarett „in welches schon seit einiger Zeit mehr Nerven- und Geisteskranke“ gekommen waren, in ein Reservelazarett für Geisteskranke umgewandelt“, ist im Illenauer Tagebuch belegt.

Seelische Krankheiten durch den Krieg

Dieser erste „moderne Massenvernichtungskrieg“, wie Christopher Clarke ihn bezeichnet, führte zu zahlreichen seelischen Krankheiten und Störungen. „Es wurden von da an ausschließlich Geisteskranke aufgenommen, von denen zahlreiche auf den unruhigen Abteilungen untergebracht werden mussten“, zitiert Gerhard Lötsch das Illenauer Tagebuch. „Die Ideale des Landhauses sind nun dahin, das kann noch lange so bleiben, auch nach Friedensschluss“, schreibt der Patient Rudolf Eberlin am 30. Juli 1916 an einen Pfleger und meint wohl die dort gewährten Freiheiten.

Für eine „Erneuerung der Gesinnung“

Auf Heinrich Schüle folgte 1917 Ernst Thoma als Leiter der Illenau. Er war 1893 als Arzt in die Illenau gekommen. 1905 war Thoma von Illenau aus auch erster Leiter der von Heinrich Schüle gegründeten Trinkerheilstätte Renchen. Im November 1917 schloss Ernst Thoma den Dienstvertrag mit dem Apotheker Walther Zimmermann, der zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 60 wissenschaftliche Publikationen als Pharmazeut und Botaniker aufweisen konnte, wie Autor Wolfgang Winter 2016 darstellte. Walther Zimmermanns Appell für eine „Erneuerung der Gesinnung“ aus dem Jahr 1921 habe sich laut Wolfgang Winter auf die ökonomische Ausrichtung bezogen. In den Acherner Jahren, so Winter, sei Zimmermann auch als Förderer der Jugend, etwa im Skiclub Achern, bei der Bergwacht, im Historischen Verein, den Zimmermann 1921 gründete, sowie im Schwarzwaldverein aktiv gewesen.

Schreckliches Ende für Rollers Vermächtnis

Nach wechselhaften Jahren der Illenau während der Weimarer Republik brachte der Nationalsozialismus ein schreckliches Ende für Christian Rollers Verständnis und Vermächtnis. Walther Zimmermann war ein begeisterter Nationalsozialist. Hans Roemer, Illenau-Leiter seit 1929, trat ebenso wie weitere Illenau-Ärzte im März 1933 in die NSDAP ein. In der Illenau formulierte Hans Roemer am 1. Mai 1933: „…soll unsere Anstalt ..im Volksganzen unseren gemeinsamen Beitrag zu der nationalen Arbeit für die Zukunft unseres neu erstehenden Volkes leisten.“ „Zwei Züge der SA und SS hatten dabei im Hofe Aufstellung genommen“, steht im Jahresbericht der Illenau für 1933.