Leere Wartezimmer: Weil viele Patienten sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus fürchten, vermeiden sie derzeit einen Arztbesuch oder zögern den Gang in die Notaufnahme der Krankenhäuser hinaus. Diese Haltung kann lebensgefährlich sein. | Foto: Karmann

Rückgang bei Untersuchungen

Ärzte der Region schlagen Alarm: Angst vor Ansteckung mit Coronavirus schreckt Patienten ab

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Die Angst vor eine Ansteckung mit dem Coronavirus ist groß – besonders in Praxen und Kliniken. Zumindest spüren das Ärzte aus der Region. Ein Doktor aus Achern schildert, dass die Zahl seiner Vorsorgeuntersuchungen zurück gehe. Die Mediziner schlagen nun Alarm und warnen vor den Folgen.

Thomas Kohler glaubt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Weckruf ist. Die Sorge um die Gesundheit vieler Menschen, die aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus derzeit Arztpraxen und Krankenhäuser meiden, treibt ihn seit Tagen um. Der Allgemeinarzt, der in Achern mit fünf anderen Medizinern eine Gemeinschaftspraxis betreibt, sagt: „Ich glaube, dass Leute gerade an anderen schweren Krankheiten erkranken und kein Arzt es mitbekommt.“

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Die Berichte von leeren Wartezimmern aus der ganzen Republik mehren sich. Seit Beginn der Corona-Krise erlebt Kohler wie viele seiner Kollegen einen besorgniserregenden Patienten-Rückgang. „Diabetiker erscheinen nur noch in Ausnahmefällen“, erzählt er. Im Normalbetrieb habe er pro Woche 15 Vorsorgeuntersuchungen für Darmkrebs – derzeit keinen einzigen, weil die Leute ihre Termine verschieben.

Geschätzt 50 Prozent weniger Patienten

Kohler schätzt, dass seit Beginn der Krise rund 50 Prozent der Menschen mit Krankheitssymptomen, die ihn in normalen Zeiten aufgesucht hätten, aktuell nicht kommen. So wie ihm gehe es vielen Ärzten, die er kenne, erzählt Kohler. Das Wort „Kollateralschaden“ nimmt der 62-Jährige nicht gerne in den Mund, aber er sagt dann trotzdem: „Wir werden wohl einige Kollateralschäden in dieser Corona-Krise haben.“

Thomas Kohler Arzt Achern
Thomas Kohler, Arzt aus Achern | Foto: PR

Arztpraxen und Krankenhäuser gelten als Orte mit hoher Ansteckungsgefahr. Auch Mitarbeiter in den Krankenhäusern haben sich im Verlauf der Krise mit dem Coronavirus infiziert. Die Angst vor Ansteckung ist deshalb groß und hält viele Leute von einem auch möglicherweise dringend notwendigen Gang in die Praxen und Kliniken ab.

Belastbare Zahlen gebe es zu diesem Thema noch nicht, sagt Swantje Middeldorff von der Pressestelle der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg (KVBW). Aber das Problem ist dort bekannt. „Am Anfang der Krise haben wir den Menschen gesagt, geht nicht zum Arzt, wenn ihr nicht unbedingt müsst, vielleicht rächt sich das jetzt ein bisschen“, so Middeldorff. Schnell hat sich ein Teufelskreis entwickelt, der nur schwer zu durchbrechen ist. Weil weniger Menschen die Haus- und Fachärzte konsultieren, können diese auch weniger an die Kliniken überweisen.

Strikte Trennung in den Krankenhäusern

Um auch bei einem starken Anstieg genügend Kapazitäten für Covid-19- Patienten zu haben, sagten Kliniken zu Beginn der Krise planbare ambulante und stationäre Operationen ab. Die Häuser nahmen eine strikte Trennung in einen Corona-Bereich und in einen Nicht-Corona-Bereich vor, verhängten ein Besuchsverbot und stellten das Einhalten aller Hygiene-Vorschriften sicher.

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Die ViDia Kliniken Karlsruhe testen ihre Mitarbeiter mittlerweile in kritischen Bereichen wie zum Beispiel der Onkologie, der Strahlentherapie oder der Geriatrie wöchentlich auf eine Infizierung mit dem Coronavirus. Die Angst der Menschen mit einer anderen Erkrankung vor einer Infizierung mit dem Coronavirus aber ist trotz der Sicherheitsmaßnahmen der Kliniken groß. Das bestätigt auch die Zahl an Rückgängen von Notfallpatienten in den Krankenhäusern. Dieser hat viele Gründe.

Krankenhausdirektor Dr. Ulrich Schulze vom Siloah St. Trudpert Klinikum in Pforzheim, der einen Rückgang der Patientenzahlen in allen Bereichen seines Hauses bemerkt, sagt: „Wir behandeln beispielsweise weniger Verletzte, weil aktuell mehr Menschen zu Hause bleiben, weniger unterwegs sind und etwa Sportveranstaltungen abgesagt worden sind.“

Krankenhaussprecher: Weniger Untersuchungen von Patienten mit Herzerkrankungen

Ein Sprecher der RKH Kliniken, die auch Häuser in Bruchsal und Bretten betreiben, konstatiert, dass die Zahl der Patienten mit akuten Herzerkrankungen – wie beispielsweise Untersuchungen und Behandlungen im Herzkatheterlabor im Hinblick auf einen Herzinfarktverdacht – zurückgegangen sei. Das Ortenau Klinikum registriert ein Viertel weniger Patienten in der ambulanten Notfallversorgung.

„Wir vermuten, dass viele Menschen aus Angst, sie könnten sich im Krankenhaus mit dem Coronavirus infizieren, die Notaufnahmen meiden“, bestätigt Chefarzt Bernhard Gorißen, Leiter der Zentralen Notaufnahme in Offenburg. Es gebe vereinzelt Hinweise darauf, dass Menschen auch mit Anzeichen auf schwere innere Erkrankungen wie beispielsweise Lungenembolie, Herzinfarkt oder Blutvergiftung aus Angst vor einer Corona-Infektion eine Vorstellung in der Notaufnahme verzögern. „Diese Haltung kann lebensgefährlich sein“, warnt der Notfallmediziner. Alle Krankenhäuser der Region versichern auf Nachfrage dieser Zeitung eine umfassende Versorgung auch von Patienten, die nicht vom Coronavirus infiziert sind.

Probleme nach Corona? Arzt warnt vor Aufarbeitung

Allgemeinmediziner Thomas Kohler aus Achern weist zudem auf ein Folgeproblem der Corona-Krise hin: „Ich will mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen, wie all das aufgearbeitet werden kann, was jetzt liegen bleibt.“ Dabei denkt er an künftige Terminprobleme bei abgesagten Operationen, Vorsorgeuntersuchungen und Rehabilitationsmaßnahmen. Die Kassenärztliche Vereinigung hat den Haus- und Fachärzten 90 Prozent ihrer Einnahmen auch in der Krise zugesichert. Kohler betont, dass sein Mahnen nicht seinem Geschäft geschuldet sei, der Betrieb mit 15 Angestellten laufe relativ normal weiter. Allerdings habe die Anzahl der Telefon- und Videogespräche mit Patienten zugenommen.

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In diesem Quartal können Ärzte und Psychotherapeuten telefonische Konsultationen mit „bekannten“ Patienten abrechnen. Doch von einer Ferndiagnose hält Kohler nicht viel, er sagt: „Ein Telefongespräch oder ein Videochat ersetzen niemals die persönliche in Augenscheinnahme und Abklärung.“ Der Allgemeinarzt hatte bisher acht Patienten mit einer Coronavirus-Infizierung in seiner Praxis, niemand aus der Belegschaft sei bislang infiziert worden.

Kohler sieht das Gesundheitssystem in Deutschland noch lange nicht an der Grenze des Machbaren – ganz im Gegenteil, er stellt klar: „Hausärzte stehen mit ihrer ganzen Arbeitskraft für alle zur Verfügung.“ Auch, und das betont er ausdrücklich, für Patienten, die nicht vom Coronavirus infiziert sind.