Der Griff zur Flasche wird während der Corona-Isolation häufiger. Es gibt aber Wege zurück. | Foto: Burgi

Hinweise der Suchtberatung

Alkohol und Corona-Isolation ergeben eine brisante Mischung

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Fensterputzen, den Keller einmal ausmisten, den Garten auf Vordermann bringen – viele vertreiben sich die Langeweile in Zeiten des Corona-Shutdowns mit eher harmlosen Beschäftigungen. Andere nicht: Wer ohnehin dem Alkohol zugeneigt ist, der hat in diesen Tagen womöglich ein Problem. Er greift zur Flasche.

Noch hat die Suchtberatung beim Baden-württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation keine explodierenden Fallzahlen zu vermelden – doch die Zahl der Menschen, die Hilfe suchen, steigt. „Wir rechnen damit, dass sich der verstärkte Alkoholkonsum bei uns mit Zeitverzögerung zeigt“, sagt die Leiterin der Einrichtung in Offenburg, Martha Ohnemus-Wolf.

Der Job als Regulativ

Das werde sich in den kommenden Monaten weisen. Grund zur Sorge sieht die erfahrene Beraterin allemal: „Unter der Woche wird oft nicht getrunken wegen der Arbeitsstelle. Man möchte dort vollkommen nüchtern erscheinen“. Ein Regulativ, das in Zeiten von Kurzarbeit und häuslicher Isolierung weitgehend entfällt. Und: Alkohol ist leicht zu bekommen.

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Während beispielsweise die Nachschubwege für illegale Drogen teilweise abgeschnitten sind, seit die Polizei die Grenze nach Frankreich dicht gemacht hat, gibt es Bier, Schnaps und Wein noch immer. Garantiert coronasicher und frei Haus per Lieferdienst, der in diesen Tagen intensiv genutzt wird.

Martha Ohnemus-Wolf leitet die Suchtberatung in Offenburg. | Foto: Löhnig

Mehr noch als der Alkohol aber sei derzeit eine ganz andere Sucht im Kommen: Das online-Glücksspiel. „Das wird derzeit sicher massiv befördert, weil sich viele damit die Langeweile vertreiben“, sagt Ohnemus-Wolf.

Beratungen am Telefon

Corona ist auch Thema für die Einrichtungen des baden-württembergischen Landesverbands bwlv mit Sitz in Renchen – die Beratungen finden am Telefon statt, das persönliche Gespräch fällt ebenso aus wie die wöchentlichen Runden Betroffener, die gemeinsam den Weg aus der Sucht suchen. „Die Gruppen werden schmerzlich vermisst“, sagt Ohnemus-Wolf, man denke derzeit über Optionen nach, die Treffen wieder möglich zu machen. Doch viele Optionen gibt es derzeit wohl nicht.

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Anders bei der persönlichen Beratung: Dass die am Telefon stattfindet, so haben die Mitarbeiter des Verbands in den letzten Tagen und Wochen gemerkt, ist oft gar nicht so schlecht. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für manche Klienten leichter ist, am Telefon den ersten Schritt zu gehen“, sagt Ohnemus-Wolf.

Vielzahl von Ängsten

Für viele Menschen sei es wichtig, ihre Ängste thematisieren zu können, gerade zu Corona-Zeiten: Die Sorge um den Arbeitsplatz, die Angst vor Ansteckung, die Besorgnis beispielsweise um Eltern oder schlichte Existenzangst wie bei vielen Unternehmern. „Wichtig ist, dann die soziale Isolation zu überwinden“, eben auch am Telefon: „Unsere Gespräche sind derzeit sehr viel höher frequentiert“.

Mehr Klienten erwartet

Gleichwohl rechnet die Suchtberatung mit mehr Klienten und mehr Arbeit in den kommenden Monaten. Der großen Mehrheit der Menschen werde es zwar voraussichtlich wieder gelingen, den Alkoholkonsum auf ein normales Maß zu reduzieren, sobald sie wieder regelmäßig arbeiten gehen. Aber bei denen, die sich bereits vorher in einer Suchtentwicklung befunden haben, „da wird es schwierig. Das ist ein schleichender Prozess“.

Der Baden-württembergische Landesverband für Prävention und Rehabilitation (bwlv) bietet Suchtberatungsstellen in der gesamten Region an, unter anderem in den großen Städten der Ortenau. Die Kontaktaufnahme sollte telefonisch oder per Mail erfolgen, ein Wegweiser findet sich unter www.bw-lv.de.