Jürgen Pfetzer bei einer Neujahrsansprache in Ottersweier. | Foto: Lienhard

Bürgermeister Jürgen Pfetzer

Auch nach 20 Jahren viel Freude an der Arbeit

Anzeige

Jürgen Pfetzer ist seit 20 Jahren Bürgermeister in Ottersweier. Am 15. Juli 1999 hat er die Nachfolge von Werner Kunz angetreten, 2007 und 2015 wurde er im Amt bestätigt. Im ABB-Interview antwortet der 53-Jährige auf Fragen von Wilfried Lienhard.

Steht im Ottersweierer Rathaus ein guter Farbkopierer?

Pfetzer: Wie darf ich die Frage verstehen?

Sie hatten im Wahlkampf 1999 mit Blick auf die Finanzen gesagt, dass Sie im Falle eines Wahlsiegs keine Gelddruckmaschine im Rathauskeller installieren könnten. Ihr Vorgänger Werner Kunz empfahl darauf spaßhaft, wenigstens einen guten Farbkopierer mitzubringen. Wie wichtig wäre denn heute eine eigene Gelddruckmaschine für die Gemeinde? Anders gefragt: Wie bewerten Sie die Finanzsituation der Gemeinde?

Pfetzer: Privat und beruflich bin ich niemand, der jammert. Meine Maxime ist viel eher, aus den gegebenen rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen das Optimum herauszuholen. Ottersweier war schon immer eine Gemeinde, die nicht auf Rosen gebettet ist, sondern durch clevere Prioritätensetzung und Anzapfen von Fördertöpfen Projekt für Projekt abarbeiten muss. Diese Situation zwingt zum Ringen um die besten Alternativen im Gemeinderat und zum nachhaltigen Handeln. Wir müssen aber auch nicht unser Licht unter den Scheffel stellen. Wir haben verlässliche Einnahmequellen und passen unser Investitionsverhalten dem zur Verfügung stehenden Budget an. Sehnsucht nach einer Gelddruckmaschine haben wir jedenfalls nicht. Wir sind bescheiden und möchten auch nicht tauschen mit Kommunen, die im Geld förmlich schwimmen.

Die Gemeindeeinnahmen sind konjunkturellen Entwicklungen unterworfen, in mehreren Kommunen sind in den vergangenen Wochen Haushaltssperren verhängt worden. Was könnte getan werden, um die Gemeindefinanzen wetterfester zu machen?

Pfetzer: Die Gemeinden haben auf der untersten Ebene des Verwaltungsaufbaus in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer mehr Aufgaben von Bund und Land übertragen bekommen, für die es trotz gegenteiliger Beteuerungen keinen vollen Kostenausgleich gegeben hat. Die Kindertagesbetreuungseinrichtungen und die Schulen sind die besten Beispiele.  Ständig werden neue Aufgaben kreiert, und am Ende der „Nahrungskette“ zahlen die Kommunen die Zeche. Die Schere geht hier immer weiter auseinander. Das ganze Ausmaß wird erst deutlich werden, wenn die Steuerquellen nicht mehr so sprudeln wie die letzten elf Jahre. Die Gemeinden brauchen auch eine verlässliche, konjunkturunabhängige Einnahmequelle, die Gewerbesteuer ist dies zum Beispiel gerade nicht.

Blick auf das Ottersweierer Rathaus. Foto: Lienhard

Wie hat sich die Arbeit des Bürgermeisters in den vergangenen 20 Jahren verändert? Was ist gleich geblieben?

Pfetzer: Ich gehe jeden Tag mit großer Freude und Spaß an der Arbeit ins Rathaus, da hat sich in den letzten 20 Jahren überhaupt nichts geändert. Auch die Freude an den Begegnungen mit Menschen und das hohe Maß an Gestaltungsmöglichkeit treiben mich unverändert an. Geändert hat sich, dass trotz einer Vielzahl an analogen und digitalen Informationsquellen die Bürger nach meiner Beobachtung uninformierter sind als noch vor 20 Jahren. Viele haben keine Tageszeitung und auch nicht das Mitteilungsblatt abonniert, sondern holen sich oft Halbwahrheiten aus digitalen Plattformen. Der Aufwand, Bürgerinformation zu betreiben, ist enorm gestiegen, und auf dieses Phänomen haben wir auch mit Präsenz auf vielen Informationskanälen, mit der Bürgerbefragung und mit Informationsveranstaltungen zu verschiedensten Themen reagiert. Diese neuen Bürgerbeteiligungsformen nehmen Betroffene sehr dankbar an. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie sich in der immer oberflächlicher werdenden, digitalen Welt verlieren und förmlich freuen, einen Lotsen zu finden, der sie ehrlich, offen und umfassend über Gemeindepolitik und -projekte auf Stand bringt.

Wie hat sich in Ihren Augen der Ort verändert?

Pfetzer: Eine Gemeinde ist in ihrer Entwicklung nie fertig, deshalb entwickelt sie sich permanent weiter und verändert ihr Gesicht. Das kann rein äußerlich sein, zum Beispiel durch die Ortsmittegestaltung im Hauptort, durch den Bau der drei Kreisverkehre, Sanierung von Schulen, Erweiterung von Kindergärten und so weiter. Veränderung gibt es aber auch nach innen, in dem nämlich, was die dörfliche Gemeinschaft ausmacht. Mir war und ist immer sehr wichtig, dass alle Bürgerinnen und Bürger den Wert des Zusammenhalts im Dorf schätzen und sich einbringen in das Gemeindeleben. Viel zu lange hat der Staat und damit auch die Gemeinde dem Einzelnen Verantwortung abgenommen und damit zur Unselbstständigkeit und zum Anspruchsdenken „erzogen“. Dem entgegenzuwirken und unser tolles Vereinsleben, die Feste und Feiern und das große ehrenamtliche Engagement  im Ort zu erhalten, bedeutet dem Mainstream zu entkommen und unsere Gemeinde positiv zu verändern. Hier ist vieles geschafft, aber vieles auch noch zu tun.

Wie sehr wirken sich die neuen Medien auf Ihre Arbeit aus? Muss der Bürgermeister eher bei Facebook&Co als am Stammtisch präsent sein?

Pfetzer: Wenn der Bürgermeister mehr in der digitalen als in der realen Welt präsent sein müsste, wäre das nicht mehr mein Job! Natürlich haben die neuen Medien einen starken Einfluss auf die Arbeit des Bürgermeisters. Man ist permanent erreichbar, kann aber auch großen Nutzen aus ihnen ziehen.  Wenn man früher innerhalb von zwei Wochen einem Bürger auf ein Schreiben geantwortet hat, bekam man Lob für eine exzellente und rasche Verwaltungsarbeit. Antworten Sie heute nicht innerhalb einer halben Stunde, wird nachgefragt, ob die Mail angekommen ist! Ich nutze die neuen Medien sehr gerne, man kann in kürzester Zeit sehr viele Menschen erreichen. Allerdings betrachte ich sie aber auch mit dem gebotenen kritischen Abstand und bin nicht technikgläubig. Aber niemals kann das Ersatz für den persönlichen Kontakt sein. Als Bürgermeister bekommt man in diesen persönlichen Gesprächen, sei es am Stammtisch, bei der Jahreshauptversammlung eines Vereins oder beim Geburtstagsbesuch immer ein wertvolles Feedback für die Arbeit. Und manchmal auch unverblümt gesagt, was schief gelaufen ist.

Wenn Sie die vergangenen 20 Jahre Revue passieren lassen, was würden Sie als die wichtigste Entscheidung bezeichnen? Lassen Sie mich raten: Vielleicht den Kauf des Gemeindezentrums St. Johannes? Oder doch die Ausweisung der Neubaugebiete in Ottersweier und Unzhurst?

Pfetzer: Da liegen Sie absolut falsch. Für mich gibt es nämlich kein Ranking der wichtigsten Entscheidungen, deshalb kann ich ihnen keine Projekte nennen, das müssten die Bürgerinnen und Bürger bewerten. Oft sind augenscheinlich kleine Projekte und unscheinbare Entscheidungen für die Fortentwicklung der Gemeinde viel wichtiger und sinnstiftender als solche, die von großem Ballyhoo begleitet werden.

Gibt es auch etwas, von dem Sie sagen, das war nicht so gelungen?

Pfetzer: Kann einem immer alles gelingen? Das Leben besteht aus Versuch und Irrtum, aus Gelingen und Scheitern. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch, deshalb denke ich, dass mir vieles nicht gelungen ist. Ich treffe jeden Tag viele Entscheidungen und mache dabei auch Fehler. Aber ich versuche, keinen Fehler zweimal zu machen!

Sie wurden regelmäßig auch für andere Rathäuser gehandelt, vor allem in Bühl. Nervt Sie das oder ist es vielleicht nicht doch auch eine Bestätigung, dass Ihre Arbeit geschätzt wird?

Pfetzer: Das ist ein Thema für die Medien, aber nicht für mich. Ich konzentriere mich voll und ganz auf meine Arbeit als Bürgermeister in Ottersweier und die mache ich unheimlich gerne. Ich habe das große Glück in einer wunderbaren Gemeinde meinen Wunschberuf ausüben zu dürfen. Alle anderen Spekulationen nerven.

Sind Sie in Sachen Hundseck immer noch „vorsichtig optimistisch“, wie Sie es vor einigen Monaten gesagt haben?

Pfetzer: Ja klar. Es ist vielleicht das Projekt, das den längsten Atem und eine enorme Ausdauer fordert. Aber meine Hartnäckigkeit reicht aus, um auch für dieses „dicke Brett“ den richtigen Bohrer zu finden.

Vor Ihrer zweiten Wiederwahl 2015 sagten Sie, in der Schulpolitik sei der Erhalt einer weiterführenden Schulart in Ottersweier das oberste Ziel. In den vergangenen Monaten gab es Befürchtungen, dass das Aus für die Werkrealschule kommen könnte. Was kann die Gemeinde tun, um die Schulart zu sichern? Ohne eine weiterführende Schule ist Ottersweier nur schwer vorstellbar.

Pfetzer: Genauso sehen wir das im Gemeinderat auch. Wir kämpfen für eine weiterführende Schulart und glauben an die Zukunft unserer Werkrealschule. Der Besuch der Ministerin im vergangenen Dezember hat einen richtigen Anmeldeschub gegeben, und wir haben das Gefühl bekommen, dass das Land diese Schulart tatsächlich unterstützt, was lange nicht so war. Mit neuer Schulleitung im kommenden Schuljahr, mit dem Lehrerkollegium und den Schülern werden wir Strategien und Zielvereinbarungen erarbeiten, wie unsere Maria-Victoria-Schule noch attraktiver werden kann.

Wenn Sie Ihre Zeit als Bürgermeister von Ottersweier als Marathonlauf sehen, bei welchem Kilometer sehen Sie sich angekommen?

Pfetzer: Man muss kein Mathematiker sein oder ein Einserabitur haben, um anhand meines Lebensalters und der bisherigen Amtszeit ausrechnen zu können, dass ich weniger Amtsjahre vor mir als hinter mir habe.

Was sind die wichtigsten Aufgaben der kommenden vier Jahre?

Pfetzer: Hochwasserschutz, Lärmaktionsplan, Erweiterung von zwei Kindergärten, Sanierung der Sporthalle, Glasfaserausbau, Schaffung von Wohnraum und von Pflegeheimplätzen für eine immer älter werdende Bevölkerung, die wohnortnah versorgt werden möchte. Und über allem steht der Klima- und Ressourcenschutz, der als Gradmesser und Leitschnur Einfluss auf alle künftigen Entscheidungen und Lebensbereiche haben wird