„Es gibt immer eine Möglichkeit“: Monique Zink im Autismiuszentrum Achern. Betrieben wird die Einrichtung vom Verein „KOMM-mit“. | Foto: Michaela Gabriel

Autismuszentrum Mittelbaden

Autisten finden Hilfe in Achern

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Einfach möblierte Zimmer unterm Dach und einen Bewegungsraum mit Bällebad und Kinder-Kaufladen gibt es im Autismuszentrum Mittelbaden in der Lindenbrunnenstraße in Achern. In der Küche zeigen Fotos auf jeder Schranktür, was dahinter jeweils verwahrt wird. Vier Therapeuten sind hier überwiegend nachmittags tätig. 66 Kinder und Jugendliche und neun Erwachsene aus einem Einzugsbereich von Sinzheim bis Lahr nutzen die Anlaufstelle derzeit.

Dass es vielfältige Hilfen für Autisten gibt, wissen viele nicht. Der gemeinnützige Verein „KOMM-mit“, 2009 von betroffenen Eltern in Rastatt gegründet, bietet diese Hilfen an. Die Sozialpädagogin Monique Zink aus Bühlertal war Gründungsmitglied und ist heute eine von zwei pädagogischen Geschäftsführerinnen des Autismuszentrums Mittelbaden, dessen Träger der Verein ist. „Mit zwei Mitarbeitern haben wir angefangen. Jetzt sind es 84”, erzählt sie. Die meisten seien als Schulbegleiter von Autisten zwischen Karlsruhe und Lahr tätig.

Standorte in Achern und Rastatt

Nach Rastatt ist Achern der zweite Standort, an dem Therapie, Training und Coaching angeboten wird. Seit 2017 sorge das Autismuszentrum in Achern für kürzere Wege bei vielen Betroffenen, berichtet Monique Zink. 2018 habe man eine zweite Wohnung in dem Haus angemietet, um mehr Räume für die Beratung und für die Treffen von Mitarbeitern und Autisten zu haben, so die Geschäftsführerin. Mittelfristig strebe man einen dritten Standort in Offenburg an.

Fachkräfte gehen auch zu Familien

Die therapeutischen Fachkräfte des Vereins, der bis 2020 zur gemeinnützigen GmbH werden will, bieten Einzel- und Gruppentherapien an und kommen zu ambulanten Hilfen auch in die Familien. Finanziert werde ihr Angebot über das Jugendamt oder das Sozialamt aus Mitteln der Eingliederungshilfe, erklärt Monique Zink. Zusätzlich gibt es Elternkurse und Elternstammtische.
Autismus gelte als seelische Behinderung, aber längst nicht alle Autisten hätten eine geistige Beeinträchtigung, weiß sie. Auch an Acherner Regelschulen gebe es Autisten, die von Schulbegleitern individuell betreut werden: „Manche unserer Klienten studieren oder gehen einer Arbeit nach.” Auch für sie gebe es Hilfen im Alltag, die vom Autismuszentrum Mittelbaden organisiert werden.

Viele erkennen eigenen Autismus nicht

Monique Zink durchläuft derzeit eine Ausbildung zur Autismus-Therapeutin. Gerne würde sie noch mehr erwachsenen Autisten helfen: „Viele wissen gar nicht, dass sie Autisten sind. Manche gelten als depressiv, aber ihre Depression ist nur eine Folge des nicht erkannten Autismus.” Sich zu akzeptieren wie man ist, sich zu strukturieren und gut auf sich zu achten seien wichtige Maßnahmen, die ihnen im Alltag helfen könnten. „Es gibt immer eine Möglichkeit”, ist ihre Überzeugung. Beratungsgespräche seien kostenlos.
Wer die Einrichtung in der Lindenbrunnenstraße 4 kennenlernen möchte, kann das am Freitag, 15. Februar, beim Tag der offenen Tür. Von 16 bis 19 Uhr stellen die Autismus-Experten sich und ihre Arbeit in Achern zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor.

Kontakt
monique.zink@autismuszentrum-mittelbaden.de, Telefon (0 78 41) 6 06 20 70.

Autismus
Menschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben auch Schwierigkeiten, solche Signale auszusenden. Häufig erscheinen ihre Reaktionen auf andere Menschen nicht angemessen. Grund ist die erschwerte Wahrnehmung und Verarbeitung von Umwelt- und Sinnesreizen. Ausführliche Erklärungen rund um die Krankheit liefert die Internetseite www.autismus.de des Bundesverbandes zur Förderung von Menschen mit Autismus, zu dem auch das Autismuszentrum Mittelbaden gehört.
Im weitesten Sinn ist Autismus eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich auf viele Bereiche auswirkt. Unterschieden wird zwischen „Frühkindlichem Autismus”, dem „Asperger-Syndrom” und „Atypischem Autismus”. Studien in Europa, Kanada und den USA zeigen, dass sechs bis sieben von 1000 Menschen betroffen sind.

Von unserer Mitarbeiterin Michaela Gabriel