Als Fans noch zugelassen waren, kommentierten die Freiburger Blindenreporter von der Haupttribüne aus. | Foto: pr

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Baden-Badener lässt blinde SC Freiburg-Fans an Spielen ihres Klubs teilhaben

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Warum gehen sehbehinderte Fans in ein Fußballstadion? Und wie ermöglichen es die Profi-Vereine ihren blinden Zuschauern, jederzeit genau zu wissen, was auf dem Rasen vor sich geht? Daniel Westermann aus Baden-Baden-Sandweier spielt dabei eine wichtige Rolle.

Es sind die Bilder, die die Fans ins Fußballstadion locken. Die dafür sorgen, dass die Menschen stundenlange Auto- oder Zugfahrten auf sich nehmen. Schon lange vor Öffnung der Tore vor dem Stadion stehen. Die Bilder, die im Stadion zu sehen sind, sind für die Anhänger durch nichts zu ersetzen.

Bunte Choreografien auf den Rängen, packende Zweikämpfe auf dem Rasen, die Jubelarien, wenn das erlösende Tor fällt – all das sind nur Bruchteile von den Eindrücken, die Jung und Alt in den Arenen aufsaugen.

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Ins Stadion gehen zu dürfen und das grüne Rechteck sehen zu können, das für viele die Welt bedeutet, ist ein Privileg. Nicht jeder hat die Möglichkeit dazu, auch wenn Zuschauer irgendwann wieder zugelassen werden.

So oft es geht im Stadion

Ramon Kathrein ist seit seinem dritten Lebensjahr blind. Dennoch geht er, wenn Corona ihm gerade keinen Strich durch die Rechnung macht, so oft es geht in die Freiburger Arena. Um ihn herum sitzen während des Spiels noch fünf andere blinde oder in ihrer Sehfunktion eingeschränkte Fans, die die Atmosphäre trotz ihrer Behinderung sehr zu schätzen wissen.

Man geht mit der Masse mit, man geht aus sich heraus.

Ramon Kathrein, sehbehinderter Freiburg-Fan

„Im Stadion zu sitzen ist ein völlig anderes Gefühl, als zu Hause vor dem Radio. Man geht mit der Masse mit, man geht aus sich heraus. Es geht ums Feeling“, so der 39-Jährige.

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Der gebürtige Sandweierer Daniel Westermann sorgt mit seinem Team dafür, dass diese fußballbegeisterte Gruppe genau weiß, was um sie herum geschieht. Seit 2014 ist der 34-jährige Redakteur für Kindermedien ehrenamtlich als Blindenreporter für den Fußball-Bundesligisten SC Freiburg im Einsatz und kommentiert die Spielszenen während der Heimspiele in ein Headset hinein. Die sehbehinderten Fans um ihn herum haben ihrerseits Kopfhörer auf den Ohren und erhalten somit ihre private Spielbegleitung.

Angebot bei vielen Profi-Klubs

Dieses Angebot gibt es bis auf wenige Ausnahmen bei allen Vereinen der Ersten und Zweiten Bundesliga. Da die Freiburger Blindenreporter seit dem Re-Start nicht mehr ins Stadion dürfen, sitzen sie im Fanshop am Schwarzwald-Stadion. Blinde Fans sind ebenfalls nicht zugelassen, dafür ist der Livestream für jeden SC-Fan frei empfangbar.

Gemeinsam mit dem Ex-Profi Tobias Willi und Niklas Batsch aus seinem Team kommentiert Daniel Westermann gerade das letzte Saisonspiel des SC Freiburg gegen Schalke 04. Rund 700 Zuhörer nutzen an diesem Samstag das Angebot.

Blindenreporter Daniel Westermann, Ex-Profi Tobias Willi und Niklas Batsch (von links) kommentieren die Bundesliga-Partie SC Freiburg gegen Schalke 04 aus dem Fanshop am Schwarzwald-Stadion.

„Sallai mit viel Platz, auf Höhe des Strafraums – aber dann wird der Braten doch noch gerochen“, kommentiert Westermann. Er muss präzise sein in seinen Aussagen, die Fans müssen immer genau wissen, was an welcher Stelle des Spielfelds passiert. „Wichtig ist der Spannungsaufbau. Am Jubel hört man schon, dass etwas zu passieren scheint. Auch wenn es Pfiffe gibt, will ich wissen, wieso“, sagt SC-Fan Kathrein.

Sobald wir schweigen, ist der sehbehinderte Fan wieder blind.

Daniel Westermann, Blindenreporter beim SC Freiburg

Im beinahe menschenleeren Schwarzwald-Stadion hat die zweite Halbzeit gerade begonnen. „Jetzt sind es wieder die Freiburger, die sich nach vorne spielen und das…“. Westermann wird übertönt von den Jubelschreien seiner Mitstreiter. „… Tor erzielen“, hören die Zuhörer noch leise.

Westermann berichtet künftig öfter vom KSC

SC-Stürmer Lucas Höler trifft zum 3:0. Freiburg gewinnt an diesem Tag deutlich, 4:0 heißt es nach 90 Minuten. Objektiv ist sie nicht, die Spielbegleitung von Westermann und seinem Team, doch das muss sie auch nicht sein. Es ist eine Reportage von Fans für Fans, bei der die Emotionen eine wichtige Rolle spielen. Phasen, in denen nichts gesagt wird, gibt es quasi nicht. „Sobald wir schweigen, ist der sehbehinderte Fan wieder blind“, sagt Westermann und ergänzt: „Der Job macht Spaß aber ist auch herausfordernd, da der Anspruch an sich selbst hoch ist.“

Auch bei den Blindenreportern gibt es Vereinswechsel: Da Westermann berufsbedingt mittlerweile in Fellbach bei Stuttgart wohnt, wird er in der kommenden Saison nur noch als Ersatzmann im Team der Freiburger Blindenreporter tätig sein. Stattdessen will er verstärkt für den Karlsruher SC kommentieren.

Künftig wird er dann auch im neuen Wildparkstadion dafür sorgen, dass durch seinen Kommentar bei den durch ihre Behinderung eingeschränkten Fans möglichst realitätsnahe Bilder im Kopf entstehen.