Achern Arzt Hartmut Stinus Paralympics in Pyeonchang
Hartmut Stinus mit der zweimaligen Silbermedaillen-Gewinnerin Andrea Rothfuß (rechts) und dem Goldmädchen Anna Schaffelhuber. | Foto: Roland Spether

Mannschaftsarzt Hartmut Stinus

Bei Sieg und Niederlage in Pyeongchang hautnah dabei

Anzeige

Von Roland Spether

„Mein großes Ziel sind die Olympischen Spiele in Südkorea 2018 – darauf fokussiere ich alles.“ Paralympics-Goldmedaillen-Gewinnerin Andrea Rothfuß (Freudenstadt) wünschte sich dies, als sie im Dezember 2016 in Achern Hartmut Stinus traf. Der aus Achern stammende Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie ist seit mehr als 20 Jahren Mannschaftsarzt der Ski-Alpin-Sportler im Deutschen Behindertensportverband. Dieser Wunsch der sympathischen Sportlerin ging in Erfüllung – und vor wenigen Tagen stand sie zweimal auf dem Siegertreppchen der Paralympics in Pyeongchang in Südkorea und durfte jeweils die Silbermedaille in der Abfahrt und im Super-G in Empfang nehmen.

Stinus betreut deutsche Alpin-Sportler

Ganz nah mit dabei war Hartmut Stinus, der mit seiner Fachkompetenz die bundesdeutschen Alpin-Sportler betreut und auch einen wichtigen Anteil daran hat, dass Andrea Rothfuß wieder auf die Beine und in die Skistiefel kam. Denn die bundesdeutsche Allrounderin für Slalom, Riesenslalom und Abfahrt erlitt im Februar 2016 beim Training mit der deutschen alpinen Nationalmannschaft einen Bruch des Sprunggelenks, und es schien, als ob damit alle Träume für die weitere sportliche Karriere platzen könnten. Doch statt einer Operation wurde das Bein über sechs Wochen mit einer Stabilisierungsorthese ruhig gestellt, Andrea Rothfuß durfte es nicht belasten und der Prozess der Heilung wurde mit gepulstem Ultraschall und fachärztlicher Begleitung durch Hartmut Stinus gefördert.

Anna Schaffelhuber setzt Gold-Serie fort

Nun sind beide in Südkorea und die Freude über die Teilnahme an den Olympischen Spielen für Sportler mit Handicaps (Andrea Rothfuß fehlt seit Geburt die linke Hand) ist beiden ins Gesicht geschrieben, aber auch das gesamte Team ist überglücklich. Denn Anna Schaffelhuber setzt ihre Gold-Serie fort und die Monoski-Fahrerin aus Regensburg gewann den Super-G und die Abfahrt. „Die Paralympics sind das sportliche Highlight. Aber eigentlich betreue ich die Mannschaft das ganze Jahr über“, so Hartmut Stinus, der auch vor Ort als Facharzt gefordert ist. „Wenn bei anderen Nationen ein Problem ist, helfen wir Ärzte uns natürlich gegenseitig oder behandeln auch Athleten aus anderen Nationen. Bei den Paralympics haben wir ein wunderbares Miteinander vielleicht vergleichbar mit den olympischen Spielen der 1960er und 1970er Jahre“

Interesse an den Paralympics steigt

„Der Behindertensport hat sich in den letzten Jahren unglaublich professionalisiert. Man kann dies vielleicht auch daran erkennen, dass Berichte über den Para-Sport vor 25 Jahren noch in der Sendung Aktion Sorgenkind gezeigt wurden“. Daran habe sich einiges geändert, über die die Paralympics werde viel berichtet und die Medien seien in Südkorea sehr zahlreich vertreten: „Berichte über die Goldmedaille von Anna Schaffelhuber lagen bei der Deutschen Presseagentur an Nummer 6 aller weltweiten Schlagzeilen“.
Die Professionalisierung könne man laut Stinus auch daran sehen, dass das alpine Team mit Justus Wolf – Trainer des Jahres 2014 – einen festangestellten Bundestrainer habe und die Mannschaft über 100 Trainingstage im Schnee absolviere.

Leistungsdiagnostik mitentwickelt

Es gebe auch Training an Olympia-Stützpunkten und eine wissenschaftliche Leistungsdiagnostik, die Hartmut Stinus wesentlich mitentwickelte und durch diese Professionalisierung die Verletzungen maßgeblich minimierten. In Pyeonchang steht Hartmut Stinus meistens im Zieleinlauf, erlebt Sieg und Niederlage hautnah und freut sich natürlich mit den siegreichen deutschen Sportlern. Dies wird dann auch ausgiebig im Alpenhaus gefeiert – und wer das musikalische Talent von Hartmut Stinus kennt, der weiß, dass auch hier die Goldmedaille nicht weit entfernt ist.

Zur Person:
Seit November 1993 ist der promovierte Facharzt Hartmut Stinus Mannschaftsarzt des deutschen Paralympischen Skiteams und Nachfolger von Gerd Ascher, der Mannschaftsarzt beim 1. FC Nürnberg wurde. Seine ersten Paralympics waren 1994 in Lillehammer, dann folgten die Wettbewerbe in Nagano 1998, Salt Lake City 2002, Turin/Sestriere 2006, Vancouver 2010 und Sotschi 2014 – bei allen war er als Mannschaftsarzt dabei. „Die Paralympics in Pyeongchang sind hervorragend organisiert. Das Essen in der Mensa ist hervorragend und die Sportstätten sind sehr gut“, so Hartmut Stinus.
Doch er fügt auch einen kritische Anmerkung an, denn für die alpinen Strecken der Winterspiele und Paralympics am „Heiligen Berg“ wurden Zehntausende von Bäumen gefällt, mache über 500 Jahre alt. „Ob man für die Alpin-Skiwettbewerbe Schneisen in eine unberührte Natur schlagen muss, das steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht sollte man die Spiele in Regionen vergeben, wo die Sportstätten und Skipisten schon vorhanden sind.“ Mit dieser Meinung steht Hartmut Stinus nicht allein, wie im Vorfeld und während der Olympischen Spiele nicht zu überhören war. „Ich trauere hier immer noch München 2018“ nach, doch die Bewerbung als mögliche deutsche Olympiastadt mit einem super alpinen und nordischen Umfeld kam nicht zustande.