Gut beschirmt: Bei der Kirche erfahren die Teilnehmer des Dorfrundgangs allerlei Wissenswertes über den Investiturstreit und den „Kampf ums Zölibat“. | Foto: Kraft

950 Jahre Steinbach

Beim neuen Ortsrundgang geht’s mit Schirm, Abstand und Maske durch Steinbach ins Mittelalter

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Bei regnerischem Wetter fand am Mittwochabend unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsregeln der erste Dorfrundgang zur Ersterwähnung der Reblandgemeinde Steinbach vor 950 Jahren statt. 16 Personen nahmen daran teil. Die Veranstaltung war wegen der Corona-Pandemie von Mai auf Juni verschoben worden.

Neben Mund-Nasen-Schutz haben sie vorsorglich den Regenschirm dabei. Eine gute Entscheidung. Pünktlich zur Premiere des Dorfrundgangs zur Ersterwähnung des Dorfes Steinbach im Codex Hirsaugiensis (Hirsauer Codex) öffnet Petrus am Mittwochabend die Schleusen und sorgt dafür, dass das Eintauchen in die Zeit des Mittelalters nicht nur zu einer aufschlussreichen, sondern auch zu einer recht feuchten Angelegenheit wird.

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Der jüngste Teilnehmer ist 26 Jahre alt

Am Ende gibt’s viel Beifall, denn selbst die Steinbacher dürften noch einiges Neues über ihr „Dorf“ erfahren haben. Der Historische Verein Mitgliedergruppe Yburg darf sich über 16 Teilnehmer freuen.

Fabian Reiß, mit 26 Jahren der Jüngste, verspricht sich vom Nachholtermin für die coronabedingt verschobene Veranstaltung Einblicke in die Historie seiner Heimatgemeinde. „Ich finde das Thema spannend. Da ich auswärts arbeite und nicht so oft hier bin, habe ich jetzt die Chance ergriffen“, sagt der junge Mann, der sich wie die 86-jährige Steinbacherin Erika Seebacher auf einen informativen Rundgang freut.

Sie sollen heute Abend mit Abstand meine beste Gruppe sein.

Karl Keller, Vorsitzender des Historischen Vereins Mitgliedergruppe Yburg

Für solch einen Rundgang sorgt Karl Keller als profunder Kenner der Historie. „Sie sollen heute Abend mit Abstand meine beste Gruppe sein“, scherzt der Vereinsvorsitzende, der sich an der ersten Station beim Gasthaus „Adler“ dem Hirsauer Codex widmet.

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Steinbach besteht „sicher seit dem siebten Jahrhundert“

Bei diesem handele es sich um eine Handschrift aus dem Kloster Hirsau, die um 1500 entstanden sei und als wichtige Quelle für die Geschichte Südwestdeutschlands im Hochmittelalter gelte. Viele Ortschaften und Adelsfamilien aus der Region würden darin erstmals genannt.

Darunter auch die Siedlung Steinbach, „die sicher schon seit dem siebten Jahrhundert besteht und damit älter als 950 Jahre ist“.

Kontaktaufnahme nur mit Maske: Karl Keller präsentiert beim Gasthaus „Adler“ historische Dokumente – unter anderem zum Hirsauer Codex. | Foto: Kraft

Erst kamen die Kelten, dann die Römer nach Steinbach

Die Kelten waren laut Keller wohl die Ersten, die hier vor etwa 2.400 Jahren sesshaft wurden. Ab 74 bis 260 nach Christus kamen die Römer, deren Militärstraße an Steinbach vorbeiführte.

„Sie bauten diese entlang der sicheren Vorbergzone, denn die Rheinebene war Sumpfgebiet, und in den Wäldern gab es noch Wölfe und Bären“, erzählt Keller, bevor er in der Yburgstraße die Voraussetzungen für die Siedlungsgründung beleuchtet: Wasser, fruchtbare Böden, vorhandene Baumaterialien, aber auch die Möglichkeit, in den Wäldern und auf dem Kirchhügel Schutz zu finden, waren ausschlaggebend.

Vom Bußgang nach Canossa bis zum Kampf um den Zölibat

Beim historischen Gebäude der Bäckerei Eckerle präsentiert Keller ein Relief an der Hauswand, auf dem die Jahreszahl 1679 zu lesen ist. Um „unruhige Zeiten“ geht’s an der Station beim Milchhäusle, denn hier dreht sich alles um den Investiturstreit zwischen Papst Gregor IV. und Kaiser Heinrich IV. über das Recht, Bischöfe und Äbte zu ernennen, Heinrichs Bußgang nach Canossa und das Wormser Konkordat von 1122, mit dem der Streit beigelegt wurde.

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Noch nicht beigelegt ist, wie Keller auf dem Kirchplatz betont, der Jahrhunderte währende „Kampf um den Zölibat“. Ferner ist zu erfahren, dass im Zuge der Christianisierung der Weinbau große Bedeutung erlangte, Kirchen in aller Regel auf keltischen Thing-Plätzen erbaut wurden und Steinbach einmal Mutterkirche war.

Historische Radtour wird die nächste Premiere

Die zur Ersterwähnung Steinbachs geplante, wegen Corona verschobene Sonderausstellung soll in diesem Jahr starten. Kellers nächste Premiere wird am kommenden Sonntag, 14. Juni, ab 13.30 Uhr eine „Historische Radtour“ mit dem Schwarzwaldverein Yburg sein. Das Rebland-Museum zählte laut Keller seit 7. Juni bereits 13 Besucher.