Familie mit Kinderwagen und Drachen
Beratungsangebote werden stärker angenommen. | Foto: Christian Charisius/Archivbild

„Online-Sein“ schafft Probleme

Beratungsstellen in Achern sorgen dafür, dass Kinder eine Bereicherung bleiben

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„Kinder machen glücklich – wenn sie aus dem Haus sind“: Dies sagt eine Studie der Universität Heidelberg, wonach Eltern gegenüber kinderlosen Paaren erst wieder an Lebensqualität gewinnen, wenn sie nicht mehr mit den eigenen Kindern zusammen leben.

Die moderne Gesellschaft stellt Bindungen im Allgemeinen und die zwischen Eltern und Kind im Besonderen zunehmend auf die Probe. Dass Kinder auch als Belastung wahrgenommen werden können, zeigt sich auch daran, dass das Angebot der Fachstelle „Frühe Hilfen“ der Psychologischen Beratungsstelle Achern zur betreuten Alltagsbewältigung immer häufiger wahrgenommen wird.

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Moderne Gesellschaft fordert heraus

Welchen Herausforderungen Eltern sich gegenübersehen und wie sie dabei unterstützt werden können, hat der ABB bei einem Gespräch mit Beratungsstellenleiter Michael Karle in der Illenau erfahren. „Die moderne Gesellschaft bietet mehr Chancen, stellt aber auch mehr Anforderungen an die Menschen“, sagt Karle. „Mehr Möglichkeiten können auch mehr Unsicherheiten und mehr Entscheidungsdruck hervorrufen“, gibt er zu bedenken.

„Umbrüche durch die Digitalisierung oder die Erwartung einer ständigen Erreichbarkeit gehen oft einher mit weniger Sicherheit und unverhältnismäßig hohen Ansprüchen an sich selbst. Und daraus resultieren auch mehr Konflikte.“ Diese äußern sich oft in Form von Ängsten, Mobbing, Depressionen oder Gewalt. „Wir haben auch viel mit Trennung und Alleinerziehenden zu tun“, so der Psychotherapeut.

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„Online-Sein“ wird zum Problem

Ganz konkret stellten aber auch die Ablenkung durch die modernen Medien und ein ständiges „Online-Sein“ mögliche Gefahren für die Bindung von Eltern und Kindern dar. Michael Karle und das Team von der Psychologischen Beratungsstelle verstehen sich nicht als reine Vermittler: „Wir verfolgen einen systemischen Ansatz. Unsere Unterstützung richtet sich in erster Linie an die Familie, wir führen aber auch Gespräche im sozialen Umfeld, wenn die Eltern einverstanden sind.“

Innerhalb der gesetzlich festgeschriebenen Kinder- und Jugendhilfe wird in der psychologischen Beratungsstelle nicht nur jeder Familie mit Kindern bis 25 Jahre eine Betreuung angeboten, „Jugendliche ab 15, 16 können sich auch selbstständig an uns wenden“, informiert Karle. „Das geht auch anonym, ohne sich namentlich vorzustellen“.

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Die frühe Unterstützung ist wichtig

Karle bestätigt, dass eine „hohe Steigerung“ bei der Integrationshilfe für Kinder in Schulen und Kindertagesstätten zu beobachten ist, immer mehr psychisch belasteten Kindern werde eine Betreuerin zur Seite gestellt. Fraglich ist, ob der Weg zur staatlichen Unterstützung hier erst über die psychische Belastung führen muss. Auch deshalb ist für Karle die Prävention entscheidend: „Die frühe Unterstützung ist wichtig. Es ist gut, früh zu reagieren, bevor sich größere Schwierigkeiten oder gar eine Krankheit entwickeln“, weiß Karle.

„Stress in der Familie kann sich auf das Kind übertragen. Wenn die Eltern selbst zu sehr belastet sind, fehlt es an Geduld, auf das Kind einzugehen.“ Das gelte besonders im Falle von Entwicklungsproblemen. Die Betreuung in der Kita, welche immer früher in Anspruch genommen wird, müsse indes keine Aufspaltung der Kernfamilie bedeuten: „Ich glaube, dass es mit der Kita gut läuft, wenn die Eltern einen guten Kontakt zu den Erzieherinnen pflegen, so kann gewissermaßen eine neue, sekundäre Bindungsperson ins Vertrauen genommen werden“.

Maßgeschneiderte Beratung

Als Leiter der Fachstelle Frühe Hilfen des Landratsamts weiß Karle, wie wichtig eine „maßgeschneiderte Unterstützung von außen, gegebenenfalls auch mit zugehenden Hilfen sein kann. Die Nachfrage auch danach steigt: „Letztes Jahr hatten wir insgesamt 75 Anfragen, jetzt sind es im August schon 60.“

Das frühzeitige In-Betreuung-Geben kann auch ein Symptom des beschleunigten und unsicheren Lebenswandels sein, der besonders jungen Müttern das Gefühl gibt, schnell wieder in den Beruf zurück zu müssen. „Heute ist der Druck auf die jungen Frauen höher. Wenn es die Perspektive gibt, nach einem Jahr wieder arbeiten zu können, kann man auch in einen gewissen Zugzwang geraten – oder in einen gewissen Rechtfertigungsdruck, wenn man das nicht tun möchte. Es gibt andererseits aber auch Mütter“, schließt Karle an, „die ohne Beruf unzufrieden sind. Wir brauchen individuelle Lösungen.“

Unter den richtigen Umständen sind Kinder eine Bereicherung

Eltern kennen ihr Kind am besten, und wenn sie unterschiedliche Aspekte berücksichtigen, treffen sie auch die besten Entscheidungen, ist Michael Karle überzeugt. Und dann sind Kinder mit allen Aufgaben und Herausforderungen, die sie mitbringen, eine Bereicherung. Noch besser ist allerdings, wenn man sich das alles auch leisten kann. Denn für Geringverdiener sieht die Sache oft weniger rosig aus, viele landen dann nämlich in einem sozialen Bereich, wo sie nicht hinwollen oder verlieren etwa den Anschluss an ihr vormaliges Umfeld.

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