Die "Villa Reimann" ließ Clara Reimann-Diffené 1911 für Direktor Heinrich Schüle und seine Familie bauen. Heute ist sie im Gegensatz zur „roten“ als „blaue“ Villa bekannt. | Foto: Stadtarchiv Achern

Clara und August Reimann

Berührende Liebesgeschichte in der Acherner Illenau

Anzeige

Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Zu den prominenten Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Illenau gehörte der aus Mannheim stammende Doktor der Chemie, August Reimann. Seine Ehefrau Clara Reimann-Diffené schrieb mit ihrem Leben eine Liebesgeschichte, die auch viele Jahre danach zu berühren vermag. Neben einer eigenen Stiftung zur Förderung der psychiatrischen Heilkunst hinterließ Clara Reimann-Diffené der Heil- und Pflegeanstalt und der Stadt Achern auch mit zwei Villen einen besonderen Schatz.

Clara und August Reimann: Die Aufnahme entstand um 1900 in ihrer Villa. | Foto: Stadtarchiv Achern

Bald nach der Hochzeit erkrankt

Der am 27. September 1834 geborene August Reimann verbrachte den größten Teil seines Lebens mit einem Privatwärter in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau. Bald nach seiner Hochzeit im Jahr 1869 erkrankte August Reimann an schwerem Verfolgungswahn, lebte fortan in der Illenau, wo er als höchst empfindlicher Patient eingeschätzt wurde. So verweigerte ihm Direktor Karl Hergt eine Einsicht in die Baupläne der Villa, die seine Ehefrau anno 1888 errichten ließ. Direktor Hergt befürchtete, „die Mittheilung werde nachtheilig auf Herrn Dr. Reimann durch anhaltende Erregung wirken.“

Tochter des Mannheimer Bürgermeisters

Clara Reimann-Diffené war die Tochter des langjährigen ersten Bürgermeisters der Stadt Mannheim, Heinrich Christian Diffené, der sich als Geschäftsmann einen Namen gemacht hatte. Heinrich Christian Diffené war unter anderem Mitgründer der Mannheimer Börse und der Badischen Bank.

Clara Reimann-Diffené war in der Illenau beliebt. | Foto: Stadtarchiv Achern

Villa in Achern als Sommerresidenz erbaut

Clara Reimann-Diffené heiratete mit 21 Jahren und sah sich schon bald als Ehefrau eines schwerkranken Mannes. Sie ließ 1887 und 1888 am Rande des Illenau-Geländes die Villa „Friedau“ errichten, um ihrem Mann nahe zu sein. Im Winterhalbjahr lebte Clara Reimann-Diffené in ihrer Heimatstadt Mannheim. Die Acherner Villa bildete gewissermaßen die Sommerresidenz. Berichtet wird auch, dass Clara Reimann-Diffené zuweilen Reisen durch Europa unternahm, für jene Zeit ungewöhnlich für eine Frau. In der Illenau, wo sie als sehr beliebt beschrieben wird, trat Clara Reimann-Diffené bei Festlichkeiten zuweilen als Sängerin auf und nahm am kulturellen Leben der Anstalt teil.

Architekt war Wilhelm Manchot

Für die Villa Friedau engagierte Clara Reimann-Diffené den europaweit bedeutenden Architekten Wilhelm Manchot. In jenen Jahren errichtete Manchot in Mannheim große Villen. 1868/69 hatte der aus dem hessischen Offenbach stammende Pfarrersohn einer hugenottischen Familie aus Lothringen mit seinem Bau für das Kestner-Museum in Hannover schon überregionale Bedeutung gewonnen, später lehrte er am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main. Wichtige Impulse hatte Wilhelm Manchot als Student am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich bei Gottfried Semper erhalten. Wilhelm Manchot war 1882 in Mannheim zum Stadtverordneten gewählt worden.

Weitere Villa für den Direktor erbaut

In unmittelbarer Nachbarschaft zur roten Villa ließ Clara Reimann 1911 für Direktor Heinrich Schüle und seine Familie die „Villa Reimann“ errichten. Schüles Nachfolger Thoma und Roemer bewohnten wieder die Direktorenwohnung im ersten Obergeschoss des jetzigen technischen Rathauses, und die „blaue Villa“ nahm eine Zeitlang als „Reimannstift“ wohlhabende Patientinnen auf.

Anteilnahme und tatkräftige Hilfe gelobt

Nach ihrem Tod im Jahr 1915, wenige Monate nach dem ihres Mannes, sagte Pfarrer Friedrich Brandt am Grab von Clara Reimann-Diffené: „Mit wem ihr Weg sie zusammenführte, daheim oder irgendwo draußen, der bekam einen Platz in ihrem Kopf und in ihrem Herzen. So hat sie vielen unendlich wohl getan mit liebevoller und persönlicher Anteilnahme, mit freundlichen Aufmerksamkeiten und tatkräftiger Hilfe. War ihr auch die eigene Familie versagt, so wurde ihr Haus doch Mittelpunkt gleichsam einer Familie, die in Verehrung, Dankbarkeit und Liebe zu ihr aufblickte.“

Die Liebe höret nimmer auf

Auf den Grabsteinen des Ehepaars Reimann im Illenauer Friedhof stehen Worte des Apostels Paulus „Die Liebe höret nimmer auf.“ Schriftsteller und Pfarrer Heinrich Hansjakob, der wegen Schwermut am 6. Januar 1894 als Patient in die Illenau kam, schreibt in seinem Buch „Aus kranken Tagen“ von einem „seit mehr als 20 Jahren völlig Umnachteten“ und meint damit August Reimann. „Draußen vor der Anstalt wohnt zur Sommerzeit in einer Villa die Gattin dieses reichen Mannes, ein Bild ehelicher Treue, das in der Männerwelt schwerlich Nachahmung fände.“ Die „rote Villa“ zählt heute zu den schönsten und eindrucksvollsten Häusern der Stadt Achern.

 

Die Stiftungen
Im Laufe des knapp 100-jährigen Bestehens der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Illenau sind zahlreiche Stiftungen entstanden. Folgende wurden in den vergangenen Jahren als „Illenauer Stiftungen“ zusammengefasst.
Die Weihnachtsstiftung wurde zur Bestreitung des Aufwandes für die Christbescherung, für musikalische und gesellige Unterhaltungen, für Anschaffungen zur Belehrung und Erheiterung der Kranken, zur Ausschmückung und Verschönerung der Krankenhausräume, zu Gaben an Arme.
Die Vereinigte Stiftung ist eine zusammengesetzte Stiftung aus den Zeller-, von Gahlen-, von Reischach-, Schultheß- und Weiß- und Fürstin-Stiftung.
Die Bariatinsky-Stiftungen (1852 bis 1899) hatten das Ziel, arme Entlassene und bedürftige Angehörige von Pfleglingen zu unterstützen und zur Unterhaltung von Grabstätten beizutragen.
Die Rollerstiftung wurde 1852 zum 25. Dienstjubiläum von Direktor Roller zur Gründung einer Bildungsanstalt für Krankenpfleger eingerichtet.
Die Hergt-Weidmannsche Wärter-Unterstützungsstiftung diente der Unterstützung von Wärtern und sonstigen einfachen Bediensteten der Anstalt sowie von Hinterbliebenen. Die Klara-Reimann-Diffenéstiftung wurde 1890 von Klara Reimann-Diffené zur Förderung der Psychiatrie gegründet.
Die Schülestiftung wurde 1903 zum 40. Dienstjubiläum von Geheimrat Schüle eingerichtet, um Erziehungsbeihilfen für Kinder von in der Anstalt anwesenden und ehemaligen bedürftigen und würdigen Pfleglingen der Anstalt Illenau zu ermöglichen.
Heute existieren noch die Hergt-Weidmann-Stiftung zur Unterstützung von Mitarbeitern und ehemaligen Mitarbeitern der Psychiatrischen Zentren Emmendingen, Wiesloch und Reichenau, sowie die Reimann-Roller-Stiftung zur Förderung der Psychiatrie. emk