Landgericht Baden-Baden
Das Gerichtsgebäude in Baden-Baden konnte der 57-jährige Angeklagte nach der Urteilsverkündung als "freier Mann" verlassen. | Foto: Uli Deck/Archiv

Entführung aus Achern

Bewährungsstrafe für Kindesentziehung

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Zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Monaten auf drei Jahre zur Bewährung hat das Amtsgericht Baden-Baden einen 57-jährigen tunesischen Staatsbürger wegen Entziehung eines Minderjährigen verurteilt. Am 12. Juni 2011 hatte er seinen damals sechsjährigen Sohn in einem unbeobachteten Moment beim Besuch der von ihm getrennt lebenden allein sorgeberechtigten Kindesmutter in Achern entführt. Über Frankreich und von dort mit der Fähre hat er den Jungen entführt. Alle Versuche der Mutter, über Gerichte und die Deutsche Botschaft ihr Kind wieder zurück zu bekommen, scheiterten.

Von Dieter Klotz

Das Gericht war im Urteil im Übrigen in vollem Umfang den Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt. Damit der Vater das Unrecht gegenüber der Mutter nach Ansicht des Gerichts auch „fühle“, muss er neben der zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe binnen zehn Monaten eine Geldauflage von 500 Euro bezahlen.
Der gegen den Mann bestehende internationale Haftbefehl wurde aufgehoben. Als „freier“ Mann konnte er den Gerichtssaal verlassen. Bei einem Besuch in Frankreich, wo ein Teil seiner Geschwister lebt, konnte er aufgrund des Haftbefehls festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert werden.

Gericht: Eigene Entscheidung „unbefriedigend“

Das Amtsgericht Baden-Baden bezeichnete in seiner Urteilsbegründung seine Entscheidung selbst als „relativ unbefriedigend“. Die Auflage, dass der Junge nach Deutschland zurückzuführen ist, sei bedauerlicherweise nicht zu machen. Man würde einen solchen Gerichtsentscheid in Tunesien nicht „ausführen“. Damit stehe in der Macht des Gerichts allein die strafrechtliche Bewertung der Entziehung eines Minderjährigen.

Vater hat tunesisches Sorgerecht

Ein „Problem“ sei auch dadurch entstanden, dass es dem Vater in seinem Land gelang, neben dem rechtskräftigen deutschen Sorgerecht der Mutter nach tunesischem Recht ein solches für sich zu bekommen. Warum man sich über das deutsche Urteil hinweggesetzt habe, sei unklar. Den Vater weiter in deutscher Haft festzusetzen, würde jedoch bedeuten, dass der Junge nicht nur auf seine Mutter, sondern auch ohne den Angeklagten in der tunesischen Familie leben müsse.

Mutter leidet seit 2011

Spürbar wurde in der Zeugenaussage der Mutter, welcher Leidensdruck auf ihr seit 2011 durch den Verlust des Sohnes auf ihr lastet. Es gehe ihr, wie sie sagte, nicht um eine „Vergeltung“ gegenüber ihrem früheren Mann oder dessen Familie, sondern um ihr Kind. Sie habe den Sohn in den vergangenen sieben Jahren hauptsächlich in den Ferien 39 Mal besuchen können. Zwischenzeitlich habe sie ihm ein Handy besorgt, um so – auch in deutscher Sprache, die er gut beherrsche – Kontakt zu halten. Trotz der Tatsache in zwei Kulturen zu leben, „verdiene“ er seine Chance in Europa groß zu werden. Als Mutter sei für sie schmerzhaft, dass „andere“ Personen seine Erziehung übernommen haben. Noch sei es „nicht zu spät“, dem Sohn auch in Deutschland einen Weg zu eröffnen. Nicht immer nur „Besuchsmama“ sein zu müssen. Spürbar werde für sie im Gespräch, dass er schon auf seine deutsche Familie „neugierig“ sei. Es falle ihm schwer, ohne Eltern leben zu müssen.

Sohn gehe es in Tunesien „gut“

Nach Ansicht des angeklagten Vaters, welcher gegenüber dem Gericht erklärte, dass er vom Handel mit landwirtschaftlichen Produkten lebt, geht es dem Sohn in Tunesien gut. Er sei ein „freier“ Junge, habe gute Noten und seine deutsche Mutter sei in der tunesischen Familie immer willkommen. Im Übrigen sei Tunesien kein schlechtes Land – und in drei Jahren könne sein Sohn nach Beendigung der Schule „frei entscheiden“ vielleicht ein Studium in Frankreich oder Deutschland aufzunehmen.

Anwalt fordert einvernehmliche Lösung

Rechtsanwalt Marc Kutschera hatte für seinen tunesischen Mandanten eine Bewährungsstrafe von neun Monaten als ausreichend erachtet. Eine Rückführung des Kindes im Wege einer richterlichen Auflage zu bewirken, sei nicht zielführend. Ohne Druck des strafrechtlichen Verfahrens sollte vielmehr ein Weg gefunden werden, der es beispielsweise ermöglicht, den Jungen in Begleitung seines Vaters einmal zum Besuch nach Deutschland kommen zu lassen. Ein Strafgericht könne dies nicht lösen. Sein Appell sei, dass sich die Parteien zusammentun sollten.