Ein Hubschrauber wirft gemahlenen Kalkstein über Waldflächen des Ortenaukreises ab. | Foto: Archiv Landratsamt

„Waldkalkung“ in der Ortenau

Warum 30 Jahre nach Ende der Waldsterben-Debatte immer noch Kalk abgeworfen wird

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Die diesjährige Waldkalkung startet am 1. Juli im Gemeindewald Schuttertal im Forstbezirk Lahr. Insgesamt werden im Ortenaukreis in diesem Jahr rund 2 100 Tonnen gemahlener Kalkstein aus einem Steinbruch im Neckartal per Hubschrauber auf 680 Hektar Waldfläche ausgestreut. Eine Experte erklärt, warum das immer noch notwendig ist.

Wie das Amt für Waldwirtschaft beim Landratsamt Ortenaukreis mitteilt, liegen die zu kalkenden Waldgebiete im oberen Schuttertal, bei Lahr-Kuhbach, Hofstetten, Wolfach-Kinzigtal, Gengenbach und im Raum Oberkirch-Ödsbach.

Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt hat die ausgewählten Flächen im Voraus intensiv bodenkundlich beprobt und umwelt- und naturschutzfachlich geprüft. „Die aktuelle bundesweite Bodenzustandserhebung hat gezeigt, dass eine gezielte Kalkung von Waldflächen den pH-Wert, die Basensättigung, die Kohlenstoffspeicherung sowie die Vielfalt und Menge von Bodenlebewesen auf versauerten oder zur Versauerung neigenden Waldböden deutlich verbessert“, erläutert Forstdezernent Holger Schütz den Grund der Kalkung.

Mehr als 70 Prozent des Trinkwassers in der Ortenau kommen aus dem Wald

Kalk unterstützt Regeneration

„Der Kalk mildert die Versauerung der Waldböden ab und unterstützt die natürlichen Regenerationsprozesse der Böden.“ Dies sei eine Voraussetzung für klimastabile Wälder, die viele wichtige Funktionen haben, etwa als natürlicher Wasserfilter und damit als Garant für sauberes Grundwasser. Mehr als 70 Prozent des Ortenauer Trinkwassers komme laut Schütz aus dem Wald.

Keine gesundheitliche Gefährdung

Nach Aussage von Martin Siffling vom Amt für Waldwirtschaft setze Baden-Württemberg seit rund zehn Jahren Gemische aus erdfeuchtem Dolomitmehl für die Bodenschutzkalkung ein, die im Ortenaukreis mit Hubschraubern ausgebracht werden. Eine gesundheitliche Gefährdung für Menschen durch das Kalkmaterial bestehe nicht.

Finanzierung durch Ausgleichsleistungen

In den berührten Waldgebieten müssten allerdings während der Ausbringung Wege gesperrt werden. „Waldbesuchende sollten die Sperrhinweise beachten, denn es werden viele Lastwagen Material in den Wald liefern. Außerdem wird sich der Kalkstaub aus dem Streukübel des Helikopters im vorgesehenen Waldgebiet überall verteilen“, so Siffling.  Finanziert würden die Bodenschutzkalkungen zum großen Teil durch naturschutzrechtliche Ausgleichsleistungen für Eingriffe in das Schutzgut „Boden“, wie es etwa bei der Ausweisung neuer Baugebiete der Fall ist. Je nach Wetterlage wird die Kalkung jeweils rund vier Wochen in Anspruch nehmen.

Viele Waldböden sind als Trinkwasserfilter, Pflanzenstandort und Lebensraum nur noch eingeschränkt funktionsfähig

Kalk trotz Ende der „Waldsterben“-Debatte nötig

Warum 30 Jahre nach der Debatte um das „Waldsterben“ das Kalken der Wälder in der Ortenau weiterhin notwendig ist, erläutert Martin Siffling auf ABB-Anfrage wie folgt: Die zunehmende Industrialisierung insbesondere im 20. Jahrhundert habe den Zustand der Waldböden nachhaltig beeinflusst. „Massive Säureeinträge in den Boden haben dazu geführt, dass Nährstoffe ausgewaschen wurden und es entstand ein für viele Bodenlebewesen zu saures Milieu“, erklärt der Experte des Amts für Waldwirtschaft. Als Folge seien viele Waldböden in ihrer Funktion als Trinkwasserfilter, Pflanzenstandort und Lebensraum nur noch eingeschränkt funktionsfähig. „Die Schäden durch die Bodenversauerung aus der Vergangenheit können die Waldböden allenfalls nur zu Teilen selbstständig regenerieren.“

Die anthropogen verursachten Säureeinträge vor allem aus der Kraftstoffverbrennung laufen unvermindert weiter

Keine Schwefeloxide mehr, dennoch Bodenversauerung

Seit mehr als 20 Jahren wird der Schwefelanteil im Kraftstoff und Mineralöl vor der Verbrennung fast vollständig den Gemischen entzogen. Somit entstehen keine Schwefeloxide bei der Verbrennung mehr, welche bei Niederschlag zu Schwefligen Säuren in der Atmosphäre umgewandelt und dann in die Böden eingetragen wurden. „Die Versauerung mit Schwefelsäureeintrag ab der beginnenden Industrialisierung bis in die späten 1980er Jahre bleibt als Abdruck jedoch in den Böden bestehen“, gibt Siffling zu bedenken.

Säureschaden nicht vollständig zu beseitigen

Die vom Oberboden in die Tiefe abnehmende Bodenversauerung unterscheidet sich aufgrund der Mineralbestandteile, die den Boden bilden, wird aber in allen Böden erst durch mehrere Jahrzehnte dauernde Austauschprozesse von tieferen Bodenschichten in den Oberboden teilweise wieder ausgeglichen. Entscheidend und wesentlich für eine Waldkalkung sei, dass dieser Austauschprozess angestoßen und der Ausgleich mit dem Oberboden umfangreicher erfolgt, ganz können die Säureschäden oft nicht mehr beseitigt werden. „Ein zweiter und ganz wesentlicher Punkt ist, dass die anthropogen verursachten Säureeinträge vor allem aus der Kraftstoffverbrennung nach wie vor mit bis zu 50 Kilogramm pro Jahr und Hektar Reinstickstoff unvermindert weiter laufen“, betont Siffling.