Potenzial für neue Linie: Auf eine große Nachfrage stieß der Shuttlebus im Sommer 2018 während der Vollsperrung des Grenzübergangs. Der Bedarf für eine dauerhafte Verlängerung nach Haguenau sei vorhanden.
Potenzial für neue Linie: Auf eine große Nachfrage stieß der Shuttlebus im Sommer 2018 während der Vollsperrung des Grenzübergangs. Der Bedarf für eine dauerhafte Verlängerung nach Haguenau sei vorhanden. | Foto: Landratsamt Ortenaukreis

Fünf Fahrtenpaare möglich

Buslinie von Haguenau nach Achern: Studie rechnet mit bis zu 180 Fahrgästen täglich

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Eine grenzüberschreitende Buslinie von Haguenau nach Achern und wieder zurück? Diese Vision, die Rheinaus Bürgermeister Michael Welsche bereits lange hegt, könnte im neuen Jahrzehnt Wirklichkeit werden. Das Landratsamt treibt Planungen eines grenzüberschreitenden ÖPNV in der nördlichen Ortenau voran.

Vorbild ist die seit 2017 existierende Vis-à-vis-Linie von Erstein nach Lahr, die aufgrund ihres Erfolgs nach einem Probebetrieb von Herbst 2020 an für alle Bürger geöffnet werden soll. Nach Informationen dieser Zeitung will das Landratsamt Anfang 2020 Gespräche mit Vertretern der Verwaltung der Region Grand Est für einen Linienbetrieb zwischen Haguenau und Achern führen.

Weitere Planspiele existieren für eine Verlängerung der Linie Offenburg-Forum am Rhein bis nach Illkirch-Graffenstaden. Die französische Rheinseite, das verdeutlichte die jüngste Ratssitzung des Eurodistrikts, ist bei der Finanzierung der Betriebskosten noch zurückhaltend. Ratspräsident Roland Ries trat seinerseits auf die Euphorie-Bremse mit dem Verweis, sich zunächst auf die Linie Erstein-Lahr zu konzentrieren.

Studie zeigt: Bedarf ist da

Die deutsche Seite lässt sich davon nach den Erfahrungen mit dem Vis-à-vis-Bus jedoch nicht abbringen. Denn der Bedarf ist in der nördlichen Ortenau vorhanden, wie eine Studie zeigt. Sie gehe von 100 bis 180 Fahrgästen aus, wie Acherns Oberbürgermeister Klaus Muttach auf Anfrage dieser Zeitung erklärt. Entsprechend unterstütze er eine grenzüberschreitende Busverbindung von Haguenau über Freistett nach Achern „sehr stark“.

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Laut der Studie entsprechen fünf Fahrtenpaare der Nachfrage, wobei nach Angaben der Stadt Achern bei der Potenzialabschätzung sogar von minimalen Werten ausgegangen worden ist. Zu einem späteren Zeitpunkt könnte das Angebot noch erweitert werden. Allein aus Frankreich kämen etwa  1.000 Pendler nach Rheinau und Achern, fast 300 davon aus Haguenau, Gambsheim und Herrlisheim, so eine weitere Erkenntnis aus der Studie.

„Aber auch gerade zum Einkauf finden viele Franzosen den Weg nach Achern, die ein attraktives Angebot im öffentlichen Personennahverkehr sicher gern annehmen würden“, meint Muttach. Nicht nur Pendler würden diese Strecken nutzen, ist der Acherner Rathauschef überzeugt. Auch Touristen und Menschen, die in der nördlichen Ortenau Einkäufe erledigen, könnten nach Einschätzung Muttachs auf diese Linie umsteigen.

Rheinaus Bürgermeister freut sich

Zugleich strebt die Stadtverwaltung am Bahnhof eine Mobilitätsdrehscheibe an. „Dort könnten Fahrgäste von der Endstation Achern direkt in die Innenstadt oder darüber hinaus kommen“, so Muttach. Die dreimonatige Vollsperrung des Grenzübergangs Freistett im Sommer 2018 habe gezeigt, „dass grenzüberschreitender öffentlicher Personennahverkehr in diesem Bereich ein hohes Potenzial hat“.

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Seinerzeit richtete das Landratsamt auf Initiative von Industrie, Handel und den Städten Rheinau und Achern eine temporäre Shuttlebus-Linie zwischen der Fischtreppe und dem Acherner Bahnhof für Berufspendler ein. Damals nutzten täglich zwischen 100 und 130 Personen dieses Angebot.

Rheinaus Bürgermeister Michael Welsche freut sich, dass das Landratsamt eine Grenzbus-Linie in der nördlichen Ortenau aufgreift. „Diesen Vorschlag habe ich immer wieder in verschiedenen Gremien eingebracht, wie im Eurodistrikt-Rat“, sagt er auf ABB-Anfrage.

Er habe zudem angeregt, dass alle Kommunen der Linie von Haguenau über Gambsheim, Rheinau bis Achern unter Koordination des Landratsamts und mit Vertretern der Region Grand Est an einen Tisch sitzen. „Eine grenzüberschreitende Buslinie ist wichtig für unsere Unternehmer, da viele Mitarbeiter aus dem Elsass kommen. Sie ist ein weiterer Schritt weg vom Individualverkehr.“ Mit dem Grenzbus könne die Stadt Rheinau zudem ihre ÖPNV-Anbindung Richtung Westen ausbauen, „nachdem die Buslinien nach Achern, Bühl und Kehl erweitert und das Rufauto eingeführt wurde“.

Kommentar 

Wer erinnert sich noch an die Schnellbusverbindung zwischen Achern und Rheinau zu Beginn dieses Jahrtausends? Die Linie erwies sich als Flop. Nun könnte es einen neuen Anlauf geben – diesmal über den Rhein bis nach Haguenau. Der zweite Versuch hat Potenzial. Mehr als 1 000 Pendler queren die Grenze aus dem Elsass in die nördliche Ortenau. Achern als Einkaufsstadt profitiert von Kunden der anderen Rheinseite. Eine neue Linie über den Rhein könnte Menschen bewegen, auf den Bus umzusteigen.

Das Landratsamt hat die Zeichen der Zeit erkannt und treibt eine grenzüberschreitende Busverbindung in der nördlichen Ortenau voran. Alleine die Vollsperrung des Rheinübergangs in Sommer 2018 verdeutlichte, dass Pendler so einen Linienbus nutzen. Zwischen 100 und 130 Personen fuhren mit dem während der Vollsperrung eingerichteten Shuttlebus zwischen der Fischtreppe und Achern. Wenn diese Linie bis Haguenau in Betrieb wäre, rechnet die aktuelle Potenzialanalyse mit bis zu 180 Fahrgästen.

Spannend ist, ob die französische Seite mitspielt und sich an den Betriebskosten einer Linie beteiligt. Erste positive Erfahrungen sammelte der Eurodistrikt mit der Vis-à-Vis-Linie zwischen Erstein und Lahr, die im Herbst 2020 zu einer dauerhaften Einrichtung werden soll. Die französischen Partner sind bei weiteren Linien noch zurückhaltend mit dem Verweis, erst kleinere Schritte zu gehen. Wichtig ist, dass die deutsche Seite dabei nichts überstürzt und die französischen Partner nicht überrumpelt.

Rheinaus Bürgermeister Michael Welsche regt an, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und mit der französischen Regionalverwaltung sämtliche Möglichkeiten einer grenzüberschreitenden Buslinie ausloten. Dann könnte zu Beginn des neuen Jahrzehnts ein langgehegter Wunsch des Rheinauer Rathauschefs in Erfüllung gehen.