Das Meister-Erwin-Denkmal oberhalb des Baden-Badener Stadtteils Steinbach wurde 1844 vom Bildhauer Andreas Friedrich geschaffen. | Foto: Ulrich Coenen

Professor Johann Josef Böker

Chancen fürs badische Steinbach als Geburtsort von Meister Erwin sind nicht schlecht

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Es gibt Neuigkeiten zum  bedeutendsten Architekten des deutschen Hochmittelalters. Johann Josef Böker, emeritierter Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie, schreibt  über Erwin von Steinbach. Die Menschen im gleichnamigen Baden-Badener Stadtteil wird es freuen. Sie erheben den Anspruch Geburtsort Erwins zu sein. 

Es ist Johann Josef Bökers Abschiedsgeschenk an die historische Landschaft Ortenau. Der Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat Deutschland nach seiner Emeritierung im September 2018 verlassen und wohnt jetzt in Österreich. Wie zu erwarten, gibt sein neuer 22-seitiger Aufsatz „Erwin von Steinbach, ein Baumeister der europäischen Gotik“ in der druckfrischen „Ortenau“ einen ausgezeichneten Überblick über den Forschungsstand, zu dessen Erweiterung Böker in ganz erheblichem Umfang beigetragen hat. Dank Böker und seiner Mitarbeiter wissen wir heute sehr viel mehr über Erwin als noch vor einem Jahrzehnt, als der mittelalterliche Architekt vielen Wissenschaftlern mehr als Mythos denn als historische Gestalt galt.

Gotische Baupläne verraten Geheimnis

Für Böker ist Erwin ein Stararchitekt des Hochmittelalters, der an gleich mehreren bedeutenden Großbauten im südwestdeutschen Raum beteiligt war. Wurde er bisher nur mit der Westfassade des Straßburger Münsters in Verbindung gebracht, konnte Böker Erwin durch die gründliche Inventarisation und Analyse der rund 650 im deutschsprachigen Raum erhaltenen gotischen Bauzeichnungen weitere Sakralbauten zuschreiben.

Münsterturm in Freiburg | Foto: Patrick Seeger

Eine echte Sensation war Bökers Erkenntnis, dass Erwin den Freiburger Münsterturm geplant hat. Darauf geht der Karlsruher Bauhistoriker in seinem Aufsatz ausführlich ein. Eine Zeichnung des Freiburger Münsterturms, die im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg erhalten ist, gab den entscheidenden Hinweis. Früher galt sie als Studienzeichnung aus dem 15. Jahrhundert, doch Böker erkannte Erwins Handschrift und vergleicht den Nürnberger Riss mit Erwins Riss V in Straßburg. Erwin hat den Freiburger Turmhelm komplett in Maßwerk aufgelöst, zum ersten Mal in der Architekturgeschichte überhaupt. Damit entwickelt er das ältere Schleiermaßwerk der Westfassade des Straßburger Münsters konsequent weiter.

Gotik kommt aus Frankreich

Seit der Abteikirche von St. Denis bei Paris, der um 1140 entstandenen ersten gotischen Kirche, hatten die Architekten die in der Romanik üblichen massiven Wände immer mehr mit riesigen Fenstern, Galerien und beginnend mit dem Bau der Kathedrale in Reims (1211) mit Maßwerk aufgelöst. Dieses von Steinmetzen gehauene Ornament gliedert in geometrischen Formen die Fenster und überzieht Wandflächen. Erwin ging ab 1277 in Straßburg einen Schritt weiter. Er „erfand“ das Schleiermaßwerk, das wie eine zweite Haut frei vor der Fassade steht und entmaterialisierte die Wand völlig.

Johann Josef Böker ist emeritierter Professor für Baugeschichte an der Fakultät für Architektur des KIT | Foto: Ulrich Coenen

Böker beschreibt in seinem Aufsatz auch die anderen gotischen Sakralbauten, die er Erwin aufgrund seiner Forschung zuordnet und die nur zum Teil erhalten blieben. Dazu gehören unter anderem das Thanner Münster und der Breisacher Münsterchor.

Wo ist Erwin geboren?

Böker entwirft auf der Grundlage der wenigen urkundlichen Quellen, die es über Erwin gibt, überzeugend eine Biografie des Architekten und beschäftigt sich mit dessen Geburtstort. Der Bauhistoriker vermutet, dass Erwin spätestens um 1250 geboren wurde. Der Namenszusatz „von Steinbach“ gibt einen Hinweis auf seine Herkunft.

Aus welchem Steinbach der Architekt kam, wird sich vermutlich nicht abschließend klären lassen. Für den heutigen Baden-Badener Stadtteil spricht aus Sicht Bökers die Nähe zu den Bauhütten in Straßburg und Freiburg. Sowohl eine nicht erhaltene Straßburger Portalinschrift als auch die Thanner Überlieferung nennen den Namenszusatz „von Steinbach“.

Deshalb müsse, so Böker, der Herkunftsort im weiteren Umfeld der Münsterbauhütten gelegenen haben, weil „ansonsten nicht von einem Bekanntheitsgrad ausgegangen werden kann.“ Konkret habe schließlich der Benediktiner Philippe-André Grandidier 1782 Erwin mit dem badischen Steinbach in Verbindung gebracht. Dass diesem 1844 schließlich oberhalb des Städtl ein Denkmal errichtet wurde, erscheint deshalb konsequent.

Die Westfassade des Straßburger Münsters gilt als Erwins Hauptwerk | Foto: dpa

In Straßburg wurde nicht gefeiert

Die Protagonisten schauten zu. Straßburg und Freiburg, die Hauptwirkungsstätten Erwins von Steinbach, ignorierten dessen 700. Todestag im vergangenen Jahr. Veranstaltungen gab es nur im Baden-Badener Stadtteil Steinbach, der den Anspruch erhebt, Erwins Geburtsort zu sein, im benachbarten Bühl und natürlich in Karlsruhe. Am Fachgebiet Baugeschichte des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben Johann Josef Böker und sein Team länger als ein Jahrzehnt über gotische Bauzeichnungen und Erwin geforscht. Dass Böker im Sommer 2018 seine Abschiedsvorlesung über Erwin gehalten hat, ist konsequent.

Durch Vermittlung unserer Redaktion hat der Bauhistoriker diesen Vortrag bereits zwei Wochen zuvor im Friedrichsbau in Bühl vor 190 Zuhörern gehalten. Gleichzeitig unterstützte sein Lehrstuhl den Historischen Verein bei einer Ausstellung über Erwin im Steinbacher Heimatmuseum. Hier schließt sich der Kreis. In der neuen Ausgabe der „Ortenau“, dem Jahrbuch des Historischen Vereins für Mittelbaden, publiziert Böker (wiederum auf Vermittlung unserer Redaktion) einen umfangreichen Aufsatz über Erwin, der auf dem Bühler Vortrag basiert. Dass die Ausgabe 2019 des Jahrbuchs den Themenschwerpunkt „Straßburg und die Ortenau“ hat, ist ein glücklicher Zufall.