Auf Hochtouren laufen die Vorbereitungen auf die Corona-Patienten in Deutschland - auch am Ortenau Klinikum. | Foto: Kahnert

Zweite Notaufnahme in Achern

Coronakrise: Ortenau Klinikum krempelt gesamte Strukturen um

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Die Vorbereitungen auf den Ansturm von Corona-Patienten lassen beim Ortenau Klinikum keinen Stein auf dem anderen. „Was früher gegolten hat, das gilt jetzt nicht mehr“, sagt der Chefarzt der zentralen Notaufnahme, Bernhard Gorißen.

Das Klinikum löst Strukturen und Hierarchien auf, um möglichst viele Mitarbeiter für den Kampf gegen das Virus und seine Auswirkungen frei zu stellen. Doch auch in der Ortenau könnten sehr bald die Beatmungsplätze knapp werden – was die Ärzte zu existenziellen Entscheidungen zwingen würde. Am Donnerstagabend hat das Klinikum zudem angekündigt, seine Ressourcen zunehmend in den drei großen Häusern zu konzentrieren. Deshalb wurde in Achern eine zweite Notaufnahme eingerichtet, der Standort Oberkirch wird vorübergehend geschlossen, um anderswo mehr Personal zur Verfügung zu haben.

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„Wir haben“, so Gorißen vor der ersten großen Welle von Patienten, „große Sorge“. Allerdings gebe es auch erste Hinweise, dass sich die Verbreitungskurve des Erregers leicht abflache. Ein Hoffnungsschimmer.

Mehr Zeit zur Vorbereitung

Deutschland hatte mehr Zeit für die Vorbereitung als beispielsweise Italien oder Frankreich. Zeit, in der man aus den teilweise schrecklichen Szenen in den Krankenhäusern in der Lombardei oder im südlichen Elsass lernen konnte. Doch Ressourcen stehen auch hier nicht unbegrenzt zur Verfügung.

Bernhard Gorißen leitet die zentrale Notaufnahme des Ortenau Klinikums. | Foto: Ortenau Klinikum

Man werde den Umgang mit ihnen nun neu bewerten müssen. Niemand war auf eine solche Situation vorbereitet,  der gleichzeitige Bedarf an Schutzausrüstung nicht nur in Europa macht die Beschaffung von Ersatz schwer bis unmöglich.

Es fehlt an Personal

„Es fehlt vor allem an Mitarbeitern, das macht die Sache nicht einfacher“, sagt Gorißen, der von einer „gespenstischen Ruhe“ spricht, in der man jetzt die letzten Vorbereitungen für den Ansturm beatmungspflichtiger Patienten treffe. Deutschland hatte Zeit – und hat sie genutzt.

Bittere Erfahrungen aus Frankreich

„Je länger es dauert, um so mehr hoffe ich, dass die Welle nicht so hoch ist“, sagt der Chefarzt, dass die Schutzmaßnahmen die Ausbreitung der Krankheit zumindest verlangsamt haben. Das umsichtige Verhalten der Politik, des Klinikträgers, aber auch der Mehrzahl der Menschen in der Ortenau könne sich auszahlen.

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Dennoch: „Wir müssen befürchten, dass in wenigen Wochen die 100 Intensivbeatmungsplätze belegt sind“, sagt der Chefarzt. „Dann müssen wir schauen, wen wir behandeln können und wen nicht. Das hat man aus den bitteren Erfahrungen in Italien und Frankreich lernen müssen“.

Düstere Prognosen

Eine düstere Prognose. Erst am Donnerstag war bekannt geworden, dass die Universitätsklinik Straßburg Patienten über 80 Jahren nicht mehr beatmen kann, in anderen linksrheinischen Kliniken liegt diese Grenze sogar niedriger.

Stetig neue Erkenntnisse

„Wir erwarten jetzt die Menschen, die sich vor zwei Wochen infiziert haben“, so Gorißen im Blick auf das kommende Wochenende. Man stehe vor einer ernsten gesellschaftlichen Aufgabe, die auch darin bestehe, sich neuen Erkenntnissen und veränderten Umständen ständig anzupassen. Dies hat auch das Ortenau Klinikum getan, das seine gesamten Strukturen umgekrempelt hat.

Separate Eingangsbereiche

„Vor vier Wochen konnte niemand ahnen, dass es sich so entwickeln würde“. Inzwischen wurden an den Häusern neue Eingänge geschaffen, die Patienten werden in Zelten eingeteilt, die mutmaßlich Infizierten von den übrigen getrennt.

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An den beiden Notaufnahmen in Offenburg und Lahr bereite man gerade separate Eingangsbereiche für Corona-Patienten vor. Man stehe, so Gorißen, „vor einer Pandemie, die alle Ressourcen aller Häuser benötigt, niemand kann auf eine Entwicklung wie diese vorbereitet sein“.

Schwierige Prognose

Man habe mehr Zeit für die Vorbereitung als andere Länder hatten, „ob es am Ende reichen wird, wage ich nicht zu prognostizieren“, sagt der Chefarzt.