Alarmsignal: Die bestäubende Honigbiene spielt eine tragende Rolle im Ökosystem. Insektizide wie Neonicotinoide und Glyphosat stehen im Verdacht, das sogenannte Bienensterben verursacht zu haben. Im Bild tote Bienen in einer Imkerei in Freiburg. | Foto: dpa

Biodiversität in Achern

„Da krabbelt nix im Grün“: BUND und Nabu zum Insektensterben

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Dass sich Schüler heutzutage nicht nur für den Klimawandel, sondern auch gegen das Insektensterben einsetzen, haben sie mit der vor Kurzem auf dem Gelände des Gymnasiums Achern angelegten Blühwiese gezeigt (der ABB berichtete). Wie ist es in Achern und Umgebung um die Population der Krabbeltiere bestellt? Der ABB hat mit Vertetern der Naturschutzorganisationen Nabu und BUND gesprochen.

„Das Insektensterben hat, neben dem Klimawandel, vier Gründe“, sagt Thomas Giesinger, Naturschutzfachmann des BUND. Die agrarwirtschaftliche „Ausräumung“, also die Fragmentierung und Verfremdung ehemals großer Biotope, vermindert den Anteil pflanzlicher Nahrungsquellen und schränkt Hitzeschutzraum wie Wasserzugang ein. Hinzu kommen Schädlinge wie der Maiswurzelbohrer, der erst vor 20 Jahren durch den vermehrten Getreideanbau aufgetreten ist.

Wir müssen unser Verhalten ändern

Insektizide, Gülle und Lichtverschmutzung

Zweiter Grund seien die Insektizide, die eine immer aggressivere, die von DDT bisweilen hundertfach überschreitende Wirkung entfalteten. Durch die Gülledüngung werden Flora und Fauna, drittens, die Lebensgrundlage entzogen. Und schließlich ist auch „die nächtliche Lichtverschmutzung“ mitverantwortlich: künstliches Licht lockt Insekten an und lasse Rotkehlchen zu Unzeiten singen, weil sie es für das natürliche Licht der Morgendämmerung halten. „Wir müssen unser Verhalten ändern“, sagt Giesinger. „Wir essen zu viel Fleisch, die Klima- und Nachhaltigkeitsziele sind nur durch einen Strukturwandel in der Mobilität zu erreichen, die Umstellung auf Elektro alleine reicht nicht.“

Übermäßiges Mulchen

Franz Panter vom Nabu Achern beleuchtet die Situation in der Region: „Ein großes Problem ist das übermäßige Mulchen bei Apfelanlagen und Weinbergen“. Bakterien, die den Humus zersetzen, benötigen Stickstoff, und je mehr es davon gibt, desto weniger bleibt für die Pflanzen. Etwa in Großweier werde außerdem sehr viel Ackerfläche abgespritzt. „Da wächst nix mehr. Nicht mal einen Meter Rand lassen die stehen“, beklagt Panter.

Die Leute bewundern im Urlaub den Wildwuchs und daheim wird gespritzt

Privatpersonen mitverantwortlich

Allerdings legten immer mehr Landwirte auch Blühflächen an und auch die großen Lebensmittelhändler setzten sich zunehmend für mehr Nachhaltigkeit ein. Im Übrigen seien nicht nur die Landwirte, sondern auch die Privatpersonen zur Verantwortung zu ziehen. „,Bei uns ist es so schön grün‘, sagen die Leute. Aber da krabbelt nix mehr in dem Grün. Die Leute bewundern im Urlaub die wildbewachsene Auvergne und daheim wird gespritzt oder eine Steingartenwüste angelegt.“

Mehr einheimische Arten im Garten

Statt exotische Arten zu kultivieren, rät Panter, einheimische Pflanzen zu züchten. „Mit einer wilden Ecke in jedem Garten könnte man eine Art Biotopvernetzung herstellen. Mit einem Insektennistkasten vom Discounter ist das nicht getan“.

Die Öko-Punkte sind ein Ablasshandel

Kritik an Ausgleichsflächen

Auch die Baurechtsämter könnten mehr tun. Etwa im Falle der Illenauwiesen würden gerade im Vorfeld von Wahlen größte Naturparadiese versprochen, die sich dann als „verwahrloste Gebiete“ erweisen, weil sie keiner mehr kontrolliert.“ Ausgleichsflächen? „Das ist Humbug, das Wort. Man kann nicht irgendwo was bauen und woanders ausgleichen“. Es sei keine Seltenheit, dass es für eine hochwertige Streuobstwiese dann „ein paar Hecken und nicht mehr“ gebe.

Biotopwertverfahren sei irreführend

Die sogenannten Öko-Punkte, nach denen sich im Biotopwertverfahren der Wert einer Ausgleichfläche bemisst, seien „ein Ablasshandel, genau wie die C02-Zertifikate“. In der Region würden für Fischtreppen oder eine der vielen geplanten Kiesgruben Gebiete zur bloßen Ackerfläche heruntergerechnet, um sie dann mit Monokulturen zu bevölkern. „So werden noch die Leute belohnt, die den Boden unwiederbringlich verschwinden lassen“.