Patrick Fuchs ist der künstlerische Leiter des Bühler Bluegrass-Festivals, das viele Facetten der American Roots Music spiegelt. | Foto: kpm

Patrick Fuchs im Interview

Das Bühler Bluegrass-Festival lebt von seiner Vielfalt

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Sieben Bands – je drei aus den USA und Deutschland sowie eine aus Kanada – sind am 17. und 18. Mai beim 17. Internationalen Bühler Bluegrass-Festival zu hören. Unser Redaktionsmitglied Klaus-Peter Maier sprach mit dem künstlerischen Festivalleiter Patrick Fuchs über das Programm und die Öffnung des Festivals für weitere Richtungen der amerikanischen Roots-Musik.

Der musikalische Bogen ist weit gespannt. Americana heißt das Stichwort, dieses Mal speziell auch Americana auf Deutsch. Was ist darunter zu verstehen?

Fuchs: Americana ist ja eigentlich kein Musikstil an sich, sondern einfach nur eine Schublade. Wenn eine amerikanische Band in ihrer Muttersprache singt und ihre Musik enthält Elemente aus Country, Blues, Bluegrass und Folk, dann nennt man das Americana, ob mit oder ohne Schlagzeug, ob mit oder ohne elektrischem Gerät. Wenn eine deutsche Band in ihrer Muttersprache singt und ihre Musik enthält Elemente aus Country, Blues, Bluegrass und Folk, dann haben wir eigentlich kein Wort dafür. Ich nenne es deshalb Americana auf Deutsch.

Gibt es einen Unterschied zwischen den Bands aus Europa und Übersee?

Fuchs: Alles, was aus den USA kommt, ist wesentlich virtuoser, weil die Menschen dort einfach mit dieser Musik aufwachsen. Es ist ja nicht wie bei uns, wo man in der Schule mit klassischer Musik und mit ein bisschen Pop konfrontiert wird. In USA kriegen viel mehr Leute von klein auf diese American Roots Music mit, zu der ja auch Blues, Gospel, Bluegrass, Oldtime und Folk gehören. Das fehlt in Deutschland, und das muss man sich später erst aneignen als Musiker. Aber trotzdem sind viele deutsche Bands mit Eifer dabei.

Ein Beispiel?

Fuchs: Bluegrass Breakdown aus Berlin ist eine der ältesten deutschen Bluegrass-Bands und jetzt beim Bühler Festival vertreten. 1982 gegründet, haben sie schon im damaligen West-Berlin die Bluegrass-Fahne hochgehalten, und das machen sie bis heute. Zwei Gründungsmitglieder sind noch dabei. Das zeigt, dass Leute auch bei uns über Jahrzehnte hinweg die Bluegrass-Musik pflegen. Zudem sind zwei jüngere Musiker in der Band, die neue Ideen einbringen.

Gleich drei Bands aus Deutschland sind beim Festival zu hören. Hat Americana hierzulande Konjunktur?

Fuchs: Viele deutsche Bands beschäftigen sich mit American Roots Music. Deshalb haben wir gesagt, wir präsentieren bei diesem Festival mal drei Beispiele. Bluegrass Breakdown eben, hinzu kommt das Kölner Folk-Pop-Duo Stereo Naked, das gerade eine neue EP mit fünf Songs auf Deutsch herausgebracht hat – ein ganz zauberhaftes Setting mit Banjo und Kontrabass, zusammen mit dem Mandolinenspieler Joon Laukamp. Dann ist noch Dieselknecht aus Dortmund mit dabei. Das ist wieder etwas ganz anderes. Eine Band mit total interessantem Werdegang, die nach ihrer Heavy-Metal-Zeit Arbeiterlieder und Volkslieder aus der Wandervogelbewegung in einer Art High-Speed-Folk-Punk vertont hat und heute eigene Texte im Country-Blues-Stil präsentiert – eben Americana auf Deutsch. Die Stimmung bei ihren Konzerten ist immer sehr gut, und da wird zu später Stunde auch mal „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“ angestimmt. Ich finde, das kann man machen.

Es gab im vergangenen Jahr auch einige, wenn auch wenige, kritische Stimmen von Bluegrass-Fans, denen die Öffnung des Festivals hin zu anderen Sparten nicht so gefiel. Was sagen Sie dazu?

Fuchs: Ich will und kann kein Festival machen allein mit traditionellem Bluegrass. Wichtig ist in Bühl die Mischung. Das Bühler Bluegrass-Festival lebt von Anfang an von seiner Vielfalt. Klar, Sierra Hull war letztes Jahr schon starker Tobak. Der Einstieg mit Stücken von Wayne Shorter und Herbie Hancock und eine zweistimmige Invention von Bach als Zugabe waren schon speziell. Aber die Fiddle-Tunes auf Zuruf haben einige wieder versöhnt. 95 Prozent der Besucher fanden es echt klasse. Es waren übrigens auch früher schon Bands dabei, die an der Grenze des Bluegrass waren, zum Beispiel 2009 die Moonlighters, eine ehemalige Punkband, die Hawaiian Swing spielte, oder Roland Heinrich bei unserem fünften Festival mit Songs von Jimmie Rodgers auf Deutsch. Und es gab damals auch Oldtime-Bands, die beim Publikum besonders gut ankamen. Das hat zwar auch einige Leute verstimmt, die sagten: „Des isch doch kei Bluegrass, die hän ’s Bluegrass g’raucht!“ Aber dadurch hat sich unser Ruf entwickelt, dass wir ein sehr vielseitiges Festival sind und es Überraschungen gibt. Man muss es auch mal aushalten können, wenn etwas dabei ist, das einem nicht so gefällt.

Wie ist die jetzige Mischung?

Fuchs: Sie ist jedes Jahr ein bisschen anders. Für mich war sie im vorigen Jahr fast optimal, weil es in alle musikalischen Richtungen ging. Dieses Jahr wird nicht so viel Jazz dabei sein, aber bei Rob Ickes und Trey Hensley, dem derzeit angesagtesten Act in Nashville, weiß man auch nie, was einen erwartet. Das wird ein wilder Ritt zwischen Bluegrass, Country und Blues. Sehr virtuos und das gibt es so in Europa nicht.

Die Henhouse Prowlers aus Chicago präsentieren „Weltmusik im Bluegrass-Sound“. | Foto: pr

Wer ist aus Übersee noch dabei?

Fuchs: Die Lonesome Ace Stringband aus Toronto (Kanada) ist für mich eine der Oldtime-Bands, die es geschafft hat, die Oldtime-Musik, also die amerikanische „Hausmusik“ der 1920er und 1930er Jahre als Vorläufer des Bluegrass, ins 21. Jahrhundert zu retten. Das ist erste Liga. Es gibt wenige Bands, die Oldtime-Musik auf diesem Niveau spielen. Außerdem gastieren Jeff Scroggins & Colorado aus den USA, von der Besetzung her eine traditionelle Bluegrass-Band, aber mit progressivem Einfluss, zumal Jeff Scroggins aus der Rockmusik kommt. Und schließlich die Henhouse Prowlers aus Chicago, die viele Einflüsse in ihre „Weltmusik im Bluegrass-Sound“ integrieren.

Ist es schwierig, Musiker aus den USA nach Europa zu holen?

Fuchs: Es ist schwierig, und es wird immer schwieriger durch den Wechselkurs, weil wir die Bands ja in Euro bezahlen. Die Flüge und Reisekosten sind teurer geworden, aber unser Budget wächst eher nicht. Wenn ich als künstlerischer Leiter des Festivals das Geld hätte, wären beispielsweise die Punch Brothers oder Greensky Bluegrass mein großer Wunsch. Aber wir können nicht jedes Jahr das Glück haben, dass hier namhafte Musiker zum Freundschaftspreis auftreten.

Sie sind als klassisch ausgebildeter Kontrabassist hauptberuflich Orchestermusiker der Essener Philharmoniker. Was fasziniert Sie persönlich an Bluegrass?

Fuchs: Dass die Musiker alles auswendig spielen und wie im Jazz improvisieren. Und dass viele ihre Songs selbst schreiben. Das ist wirklich kreativ: sich eine Melodie ausdenken, einen Text kreieren und das zu arrangieren mit der Band. Das finde ich toll.