RUND ZEHN PROZENT DER BEVÖLKERUNG ist an Diabetes erkrankt. Vergleichsweise wenig Menschen nutzen die von der Diabetiker-Selbsthilfegruppe gebotenen Möglichkeiten. | Foto: red

Diabetiker-Selbsthilfe Achern

„Das Desinteresse ist groß“

Von Sandra Neuburger

Diagnose: zuckerkrank. Und jetzt? Eine Hilfestellung möchte die Diabetiker-Selbsthilfegruppe Achern unter der Leitung von Roland Kist und Birgit Schneider geben. „Ein Diabetiker ist immer ein Diabetiker“, stellt Kist klar. Gerade deswegen sei es sehr wichtig, „für vernünftige Diabeteswerte zu arbeiten.“ Die Selbsthilfegruppe biete durch monatliche Vorträge sowie durch Gespräche mit anderen Betroffenen Rat und Hilfestellung an.

Ernsthafte Folgeerkrankungen

Schlecht eingestellt oder sogar unbehandelt, könne Diabetes mellitus – besser bekannt als Zuckerkrankheit – ernsthafte Folgeerkrankungen hervorrufen. Ein zu hoher oder zu niedriger Zuckerwert kann den gesamten Organismus negativ beeinflussen. Der Vorsitzende nennt hier unter anderem Nierenerkrankungen, Durchblutungsstörungen der Beine und Sehstörungen, die in ihrer Extremform zur Amputation, Dialysepflicht und Erblindung führen können. Oft macht sich der Diabetes zuerst durch ein extremes Durstgefühl bemerkbar. Man trinke zwei bis drei Liter am Tag und habe immer noch Durst, erklärt der Vorsitzende und spricht dabei aus eigener Erfahrung. Es könnten auch noch weitere Symptome wie Müdigkeit, Übelkeit nach dem Essen und Depressionen auftreten.

Rund zehn Prozent der Bevölkerung betroffen

Nach Informationen von Roland Kist sind rund zehn Prozent der Bevölkerung an Diabetes erkrankt. Bei einer Stadt der Größe Acherns seien das ungefähr 2.000 Menschen. Dennoch besuchten nur rund 60 bis 80 Teilnehmer die Veranstaltungen der Selbsthilfegruppe – je nach Thema. Roland Kist kann sich diese geringe Beteiligung nur schwer erklären. „Wo sind die alle?“, fragt er sich. Diabetes sei „keine Ohrenerkrankung wegen der man mal eben zum Arzt geht, sondern eine vielschichtige und ernst zu nehmende Erkrankung, die man nicht unterschätzen darf.“ Das Problem sei, dass keine jüngeren Mitglieder mehr nachkommen. „Das Desinteresse ist groß. Unser Appell, zu uns zu kommen, richtet sich deshalb auch an die Generation unter 60.“ Ein Erklärungsversuch des Vorsitzenden für die niedrigen Besuchszahlen ist, dass Menschen, die noch im Arbeitsleben stehen, Angst haben, mit ihrer Krankheit offen umzugehen, weil sie fürchten, dadurch Nachteile zu erfahren. „Das ist erschütternd“, findet Kist.

Veranstaltungen sind kostenlos

Dabei sei die Diabetiker-Gruppe in Achern breit aufgestellt und habe viel zu bieten. Monatliche Vorträge von Fachleuten zu verschiedenen Themen und eine wöchentliche Sportgruppe, montags ab 14 Uhr im katholischen Gemeindehaus, unter der Leitung einer erfahrenen Sportlehrerin, gehören zum Angebot.
Birgit Schneider vermutet hinter der Zurückhaltung Probleme, sich die Krankheit einzugestehen. Birgit Schneider, deren Tochter mit neun Jahren an einem Typ I-Diabetes erkrankte, sagt, dass ihr die Gruppe damals sehr geholfen habe. Wer jetzt denkt, er müsse jede Woche verpflichtend zu einem Treffen gehen, wird gleich beruhigt. Die Gruppe wolle nur informieren und aufklären, sagt der Vorsitzende. Dafür gebe es eben die Vorträge mit den unterschiedlichen Referenten. Der Besuch dieser Veranstaltungen ist kostenlos und für alle Interessierten offen. Alle zwei Jahre gebe es auch einen gemeinsamen Ausflug und jedes Jahr eine Weihnachtsfeier, aber im Vordergrund stehe die Aufklärung, betont Roland Kist.

Termin
Bei der nächsten Veranstaltung der Selbsthilfegruppe am Dienstag, 10. April, um 19.30 Uhr, im Gasthaus „Grüner Baum“ in Mösbach spricht Privatdozent Eberhard von Hodenberg, Chefarzt am Herzzentrum Lahr, über das Thema „minimalinvasive Herzklappentherapie.

Zuckerkrankheit
Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, die durch einen chronisch erhöhten Blutzuckerspiegel gekennzeichnet ist. Es werden (neben dem Schwangerschaftsdiabetes) im Wesentlichen zwei Diabetes-Typen unterschieden. Beim Typ I werden die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse langsam zerstört, es entsteht ein absoluter Insulinmangel, der nur durch das Spritzen von Insulin ausgeglichen werden kann. Dies trifft oft Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Beim Typ II, der vorwiegend Menschen im mittleren und höheren Erwachsenenalter trifft, wird nicht mehr ausreichend viel Insulin produziert, gleichzeitig sprechen die Körperzellen nicht mehr genügend auf das produzierte Insulin an. Dem kann, je nach Ursache, durch Ernährungsumstellung, Gewichtsreduktion, Sport, Medikamente oder dem Spritzen von Insulin entgegengewirkt werden. Dies ist der häufigste Diabetes-Typ. sn