Kinderkram
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Neues aus dem Elternleben

Das digitale Dauerfeuer

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Ferien, andere Länder und Kulturen, beschwingte Neugier beim Aufbruch ins Ungewisse, pflichtenloses Dabeisein: Das verbinde ich mit den Urlauben in meiner Kindheit. Inzwischen bin ich Vater zweier Jungs, doch das Reisen weckt bei mir nach wie vor eine von Abenteuerromantik befeuerte Euphorie.

Die arme Seele Hund

Das Auto bei heftigem Landregen mit Gepäckbergen zu beladen dämpft die beschwingten Gefühle. Mitten auf der Lasten-Strecke liegt der Hund. Er fürchtet, vergessen zu werden. Gutes Zureden hilft nicht, bei der nächsten Gelegenheit witscht das Tier durch die Tür und entert mit nassen Pfoten den Kofferraum. Noch mehr Wut-Schweiß im Hemd.

Alle und alles drin

Derweil macht die beste Ehefrau von allen unaufgeregt die Kinder reisefertig, stellt routiniert das Haus auf „Abwesenheitsmodus“. Endlich können wir starten. Alle und alles drin, samt einem zutiefst zufriedenen Vierbeiner. Papas Laune bessert sich sichtlich.

Wann sind wir da?

Und kaum rollen wir, tönt es vom Rücksitz: „Wann sind wir da?“ Der Satz: „Laut Navi in sechs Stunden und 45 Minuten“ hilft nicht wirklich weiter. Eher schon Analog- Animationen wie „Seht Ihr die Baustelle, da stehen ganz viele Bagger“.

Kekse und Elektronik zur Zerstreuung

Etwas Essbares kommt auch gut, wenn es nicht gerade zwischen den Kindersitzen landet oder der Große trotz mehrmaliger Aufforderung zum Teilen die Kekse lieber allein futtern will. Seit einigen Jahren verhilft Elektronik dem Nachwuchs zu Zerstreuung. Unsere Jungs finden „Tiptoi“-Bücher toll. Da gibt es einen „sprechenden Stift“, der beim Berühren der Seiten das dort Gezeigte erklärt. Irgendwo zwischen Fulda und Friedrichskoog hatte sich der jüngere der Buben das Buch „Der Wald“ aus dem Spielzeugberg im Fond erobert.

Das digitale Dauerfeuer

Was er altersbedingt nicht überriss: Man muss mit dem Stift zuerst das „Anmeldezeichen“ berühren. Tut man das nicht, gibt es kein Wildschweingrunzen, keine Motorsäge, keine Erklärung „Der Specht…“. Nur ein stetes „Bitte berühre zuerst das Anmeldezeichen!“ Das digitale Dauerfeuer begleitet uns mit gnadenloser Stetigkeit viele, viele Kilometer – bis der Kleine das Buch weglegt und einnickt.

Bitte berühre zuerst das Anmeldezeichen!

Abends am Ziel: Die Kinder schlafen, der Hund döst. Wir sitzen auf dem Sofa und schauen Fernsehen. Ich lege den Arm um meine Frau, will ihr einen Kuss geben. Irgendwie schießt es mir spontan in den Kopf: „Bitte berühre zuerst das Anmeldezeichen.“ Meinen Eltern kann ich so was nicht erzählen, die würden mich für bekloppt halten.