Windkraftanlagen gehören in Nordrhein-Westfalen (wie hier bei Jülich) längst zum Allttag. In Mittelbaden sind sie selten. Das könnte sich jetzt ändern. | Foto: Ulrich Coenen

Verbandsdirektor Gerd Hager

Das Rheintal wird plötzlich für Windkraft interessant

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Der neue Windatlas für Baden-Württemberg weist mehr als 220 000 Hektar als grundsätzlich geeignete Flächen für Windkraftanlagen aus. Vor allem im Bereich das Regionalverbands Mittlerer Oberrhein gibt es viele neue Gebiete. Das Thema hat in der Vergangenheit schon für erbitterte Diskussionen in Gemeinderäten und Gründungen von Bürgerinitiativen von Windkraftgegnern gesorgt. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen sprach mit Verbandsdirektor Gerd Hager über die zukünftige Entwicklung.

Der Windatlas 2019 BW weist deutlich mehr für Windenergie geeignete Flächen aus als der Vorgänger von 2011. Weht der Wind plötzlich stärker?

Hager: In der Tat gibt es erhebliche Veränderungen. Wir haben eine völlig neue Datengrundlage. Nach den Gründen haben wir im Windatlas-Beirat auch gefragt. Das Umweltministerium nennt die größere Nabenhöhe von 160 Metern, in der der Wind nun gemessen wurde, die viel besseren Echtdaten von bereits laufenden Windkraftanlagen und die Tatsache, dass kleinräumige Wetterverhältnisse mit berücksichtigt wurden.

Verbandsdirektor Gerd Hager | Foto: Artis

Gravierende Veränderungen

Welche Folgen hat das konkret für Mittelbaden?

Hager: Der Regionalverband Mittlerer Oberrhein ist das Gebiet mit den gravierendsten Veränderungen im ganzen Land. Von einer der schwächsten Windregionen in Baden-Württemberg rücken wir nun in das obere Mittelfeld vor. Das Rheintal, das im Windatlas von 2011 praktisch keine Rolle gespielt hat, wird nun interessant. Das hängt unter anderem mit der Luftdichte zusammen, die im Tal größer ist als in den Höhenlagen. Durch die größere Reibung wird eine bessere Windernte möglich. Dabei spielt auch die technische Evolution der Windkraftanlagen seit 2011 eine Rolle. Windenergie kann auf der Grundlage der neuen Daten in vielen Bereichen des Rheintals wirtschaftlich sein.

Der neue Windatalas für Baden-Württemberg zeigt, dass jetzt sehr viele Gebiete im Rheintal und im Schwarzwald grundsätzlich für Windkraftanlagen geeignet sind. Bereits die orangen Flächen sind günstig, rote und violette Flächen sind noch besser geeignet,

Grundlage für Wirtschaftlichkeit

Im Windatlas von 2011 wurde das Windaufkommen als Windhöffigkeit bezeichnet. Jetzt ist von einer Windleistungsdichte die Rede. Dieser Wechsel in der Terminologie macht es für Laien nicht leichter. Ab wann kann man nun ein Windrad wirtschaftlich betreiben?

Hager: Bisher wurde die durchschnittliche Jahreswindgeschwindigkeit in Meter pro Sekunde in einer Höhe von 100 Meter über dem Grund angegeben. Standorte mit weniger als 5,25 Metern pro Sekunde waren weitgehend uninteressant. Die neue Bemessungsgrenze ist die mittlere Windleistungsdichte in einer Höhe 160 Metern. 215 Watt pro Quadratmeter gelten für das Umweltministerium als Orientierungswert. Der Regionalverband setzt 235 Watt pro Quadratmeter als Grundlage für den wirtschaftlichen Betrieb einer Windkraftanlage an.

Diskusssion ist neu eröffnet

Was bedeuten diese neuen Werte in der Praxis?

Hager: Große Bereiche in der Rheinebene zwischen Ettlingen und Bühl sind im neuen Windatlas mit einer Windleistungsdichte von mehr als 250 Watt pro Quadratmeter ausgewiesen. In den Höhenlagen des Schwarzwalds liegt dieser Wert oft über 310. Es ist klar, dass damit die Diskussion über die Windkraft in der Region neu eröffnet ist.

Windkraftanlagen sind priviligiert

Das wird viele Städte und Gemeinden in Mittelbaden, die dem Thema Windkraft skeptisch gegenüberstehen, nicht begeistern. Können sie Windkraftanlagen in Zukunft verhindern?

Hager: Windkraftanlagen sind wie die Landwirtschaft privilegiert, dürfen also grundsätzlich überall im Außenbereich errichtet werden. Wenn ein Grundstückseigentümer und ein Betreiber sich zusammentun und einen Abstand von 700 Metern zu Wohngebieten einhalten, können sie eine solche Anlage in der Regel bauen. Wir empfehlen im Hinblick auf die neuen circa 238 Meter hohen Schwachwindanlagen allerdings einen Mindestabstand von 1 000 Metern.

Gemeinden sollten reagieren

Die Kommunen müssen also den Neubau dieser Anlagen grundsätzlich akzeptieren?

Hager: Die Städte und Gemeinden sollten jetzt reagieren, wenn sie die Windkraftansiedlung selbst steuern wollen. Sie können Vorrang- und Ausschlussgebiete ausweisen. Sie dürfen aber keine Negativplanung machen und müssen substanziell Raum für die Windkraft schaffen. Der Regionalverband hat in der Vergangenheit bereits Vorranggebiete als Bestflächenplanung ausgewiesen, die für die Kommunen verbindlich sind.

Verwaltungsgericht entscheidet

Damit sind aber bekanntlich nicht alle Kommunen einverstanden. Es gibt Klagen.

Hager: Das ist richtig. Baden-Baden, Malsch, Forbach und Ettlingen haben Klage eingereicht. Wir warten auf die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg. Bevor kein rechtskräftiges Urteil vorliegt, streben wir keine weitere Planung auf der Basis des neuen Windatlasses an.

Waldbesitz spielt wichtige Rolle

Nun sind viele Gemeinden bekanntlich große Waldbesitzer, beispielsweise Baden-Baden und Bühl. Müssen Sie in ihren Stadtwäldern Windkraftanlagen ermöglichen?

Hager: Nein, das müssen sie in ihrer Rolle als Waldbesitzer nicht. Projektentwickler können nur in Absprache mit dem Eigentümer Windkraftanlagen bauen. Es gibt aber andere große Waldbesitzer, beispielsweise die Kirchen, die der Windkraft oft deutlich aufgeschlossener gegenüberstehen.

Weltkulturerbe nicht gefährdet

Gerade in Baden-Baden ist der Widerstand groß. Als Argumente werden die Beeinträchtigung des Tourismus und des angestrebten Weltkulturerbes genannt.

Hager: Wegen der Bewerbung für das Weltkulturerbe haben wir mit dem Landesamt für Denkmalpflege gesprochen. Die Fachbehörde hält drei bis fünf Windkraftanlagen mit Höhenbegrenzung im Bereich des Grobbachtals durchaus für möglich.

Nationalpark bleibt tabu

Wird der neue Windatlas den Nationalpark beeinträchtigen?

Hager: Der Nationalpark bleibt tabu. Nur in seiner Nachbarschaft sind Windkraftanlagen denkbar. Dabei müssen aber die Auswirkungen auf das Schutzgebiet geprüft werden.