Das Schifffahrtsmuseum in Greffern ist im Jahr 2000 eröffnet worden. | Foto: Lienhard

Schifferverein „Rheintreue“

Das Schifffahrtsmuseum in Greffern erinnert an das Leben auf und am Fluss

Anzeige

Im Schifffahrtsmuseum in Greffern lebt die Erinnerung an eine andere Zeit. Die Epoche, als vom Grefferner Hafen aus die Binnenschiffer auf Fahrt gingen, ist vorüber. Das vom Schifferverein „Rheintreue“ vor 20 Jahren eröffnete und bis heute betreute Museum zeigt viele Exponate dieses Kapitels der Dorfgeschichte.

So nah und doch so fern: Bilder, Flaggen, Modellbauten, Schiffszubehör, alles erinnert an das Leben auf und am Fluss, der so nah liegt, nur wenige hundert Meter entfernt; doch es sind auch Dokumente einer verflossenen Epoche, die weggeschwommen ist wie ein Stück Treibholz. In seinem Schifffahrtsmuseum bewahrt der Schifferverein Rheintreue Greffern sie auf, die Erinnerung an eine andere, immer ferner rückende Zeit.

Männer vom Fach: (von links) Peter Kiefer, Norbert Zimmermann und Manfred Gerth gehören zur Vorstandschaft des Schiffervereins „Rheintreue“ Greffern. Foto: Lienhard

Ein Beleg für den unaufhaltsamen Strom der Zeit

Manfred Gerth, Peter Kiefer und Norbert Zimmermann können noch aus eigener Erfahrung davon berichten. Alle haben sie einst auf Schiffen gearbeitet, auch wenn nur einer von ihnen das ganze Berufsleben der Schifffahrt gewidmet hat. Schnell sind sie am Fachsimpeln, erzählen Anekdoten, manche witzig, andere melancholisch, aus einer Zeit, die auch in der Arbeitswelt Platz für ein bisschen Romantik kannte. „Heute gibt es das nicht mehr“, sagt Norbert Zimmermann.

„Früher sind die Kollegen mit ihren Schiffen Seite an Seite gelegen, man hat auch mal etwas miteinander unternommen. Heute gibt es in der Schifffahrt nur noch Termindruck.“ Peter Kiefer führt vor ein Bild mit Reedereiflaggen.

Auch interessant: Bühler Anwohner lehnen vier Doppelhäuser in einer Baulücke nebenan ab

70 Flaggen sind darauf zu sehen, vielleicht auch 75, und es ist ein Beleg für den unaufhaltsamen Strom der Zeit: „Wenn’s hoch kommt, sind von den Firmen heute noch zehn übrig“, sagt Kiefer. Er hat das Bild Anfang der 60er Jahre für seine Mutter gekauft, vom ersten Lohn als Schiffsjunge; als Leihgabe hat er es dem Museum zur Verfügung gestellt.

Modelle der unterschiedlichsten Schiffstypen sind im Museum zu sehen. Viele bestechen durch die Liebe zum Detail. Foto: Lienhard

In jedem Haus lebte ein Schiffer

Viele Exponate im vor 20 Jahren eröffneten Museum „sprechen“; wer ihre Sprache versteht oder Übersetzer wie das erfahrene Trio vom Schifferverein als Lotsen an seiner Seite weiß, der erfährt von einer Zeit, in der in jeder Grefferner Familie, in jedem Haus ein Schiffer zuhause war. Nach der Schule hätten zwei Drittel der Jungs einer Klasse als Schiffsjunge begonnen; in seinem Jahrgang seien es fast alle gewesen, erinnert sich Norbert Zimmermann.

Am 1. April 1964 hatte er als Schiffsjunge beim Vater angefangen, vor drei Jahren, am 3. März 2017, ist er als Schiffsführer in Rente gegangen. Rhein, Neckar und Main, das waren seine „Straßen“, zuletzt fuhr er noch Kies nach Frankfurt.

Das Schiff seines Vaters trug den Namen „Burg Windeck“, erinnert sich Zimmermann, dessen eigenes Schiff „Rosenhügel“ hieß: „Mein Vater kannte den UHU-Fischer gut, deswegen wohl der Name“; Manfred Fischer war der Besitzer der Windeck. Ein anderes Schiff habe „Yburg“ geheißen, sagt Zimmermann, als er durch Bilder von Schiffen blättert, die einst ihren Heimathafen in Greffern hatten. Und zu allen kennt er die Eigner, die Schiffsführer, ihre Fracht.

Ein „Schifferfriedhof“ namens DOW

„Es lagen viele Schiffe hier“, erzählt Manfred Gerth. „Viele fahren auch noch, aber nicht mehr von Greffern aus.“ Viele junge Männer aus dem Dorf seien nur wenige Jahre auf Schiffen unterwegs gewesen, dann wurden wieder „Landratten“ aus ihnen, meist aus familiären Gründen, etwa wenn Nachwuchs kam.

Denn Schifffahrt, das hieß oft wochenlange Abwesenheit von der Heimat. Das ist heute zwar anders, sagt Peter Kiefer. „Der Freizeitwert ist viel höher“, auch deshalb hätten sich Schichtmodelle entwickelt, bei denen etwa auf zwei Wochen Arbeit zwei Wochen Freizeit folgten. Dennoch sei Nachwuchs kaum zu finden.

Auch interessant: Früher Kurhotel, seit acht Jahren Ruine: Wie geht es mit „Hundseck“ weiter?

Den Umbruch in Greffern habe aber auch etwas Anderes beschleunigt: Als die DOW sich 1966 ansiedelte, wechselten nicht wenige vormalige Schiffer den Arbeitsplatz, tauschten die Wochen auf dem Schiff gegen die festen Arbeitszeiten auf dem Land. „Schifferfriedhof“ habe man deshalb schon damals das Unternehmen genannt.

Die Knotengalerie: In der Schifferschule war Spleißen und Knoten ein Pflichtfach. Foto: Lienhard

Spleißen und Knoten

Geblieben ist das Schifffahrtsmuseum, das auf Anfrage öffnet. „Meist sind es Grundschulklassen, die vorbeikommen“, weiß Manfred Gerth. Es gibt viel zu entdecken: Schiffsmodelle, die mit ihrer Liebe zum Detail beeindrucken, Ausrüstungsgegenstände und Zubehör: Flüstertüten, Signalleuchten, Fahnen, Stockanker, Schiffschraube, Ankerboje, eine noch vergleichsweise junge Schiffsglocke.

Und immer wieder wissen Zimmermann, Kiefer und Gerth zu erzählen, die Geschichte hinter den „toten“ Gegenständen. Die Beispielpalette der Schifferknoten beispielsweise lenkt den Blick nach Duisburg. Duisburg? Genau: „Spleißen und Knoten war Pflichtfach in der Schifferschule“, erinnert sich Kiefer, und diese Schule war in Duisburg, wo es Blockunterricht gab.

Wie viele verschiedene Knoten es gibt? „Schon ziemlich viele“, sagt Gerth lachend, „aber die hier gezeigten waren die gängigen, die man beherrschen musste.“ Peter Kiefer erläutert an einem Wendeanzeiger die Anfänge der Radarschifffahrt, „ein Mann stand am Ruder und einer beobachtete das Gerät und gab die Steuerangaben durch“.

Änderungen durch die Schleusen

In einem Bullauge findet sich ein Luftbild von Greffern aus den 20er oder 30er Jahren, die 1875 eröffnete Pontonbrücke ist zu sehen. Apropos Staustufe: Norbert Zimmermann war auf dem zweiten Schiff, das damals durchgeschleust wurde.

Den Unterschied zwischen der Vor- und Nachschleusenzeit erläutert Manfred Gerth: „Talwärts ging es davor schneller, bergwärts langsamer. Nach Basel dauerte es früher von Greffern aus drei Tage, heute geht das in 18 Stunden, wenn es gut läuft.“

Blick ins Protokollbuch der „Rheintreue“. Foto: Lienhard

Auch eine Schifferkönigin gab es mal

Und dann ist da noch das Bild der Schifferkönigin Karola Weis. Die 23-jährige Kapitänstochter war eine von neun Bewerberinnen, gewählt wurde sie samt der zwei „Nixen“ als Gefolge von den Grefferner Schiffern und schließlich gekürt am 29. November 1953 – in einer Zeit, als die Grefferner Schifffahrt noch in voller Blüte stand und die heute im Museum konserviert, eingefroren ist. So nah und doch so fern.

Wie alt ist der Schifferverein „Rheintreue“ Greffern? Diese Frage stellte sich, nachdem der Acher- und Bühler Bote in seiner wöchentlichen Rubrik „Im ABB vor 110 Jahren“ von einer Versammlung des Schiffervereins berichtet hat. Das hat zu Irritationen geführt. Peter Kiefer, der Schriftführer des Vereins, zeigt das Protokollbuch des Vereins. Dort ist nachzulesen, dass der Verein nach einem ersten Treffen am Stephanstag 1924 am 1. Januar 1925 von 17 Männern offiziell gegründet worden ist. Was aber ist mit dem 1910 erwähnten Verein? Vermutlich handelt es sich dabei um einen Grefferner Kanalschifferverein. Am 13. Januar 1907 hatten sich die Kanalschiffer und Steuerleute zu einer Zusammenkunft getroffen, um einen Verein zu gründen; der Erste Weltkrieg könnte das Ende des Vereins bedeutet haben. Die Verbindungen sind aber auffällig: Laut Manfred Gerth, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins, war der erste Satz in den Vereinssatzungen identisch. Zu den ersten Aktionen des Vereins zählte die Errichtung eines Flaggenmasts. Einen solchen betreut der Schifferverein bis heute. Der Standort ist bei der Turn- und Festhalle. Flaggenwart Norbert Zimmermann zieht an Feiertagen die Vereinsflagge auf, an runden Geburtstagen von Vereinsmitgliedern grüßt die Flagge der Reederei, für die der Jubilar einst unterwegs gewesen war. Heute hat der Verein noch etwa 60 Mitglieder, überwiegend sind es ehemalige Schiffer und ihre Frauen, Vorsitzender ist Kurt Friedmann. Aktiv ist in der Schifffahrt kaum einer mehr, „allenfalls noch ein paar Lotsen“, sagt Manfred Gerth. Neben der Kameradschaftspflege kümmert sich der Verein vor allem um das nach zweijähriger Vorarbeit im Jahr 2000 eröffnete Schifffahrtsmuseum.