Anlieger aus Rheinbischofsheim und Wagshurst beklagen gefährliche Situationen aufgrund der Raserei motorisierter Verkehrsteilnehmer auf der Kreisstraße zwischen Rheinbischofsheim und Wagshurst. | Foto: Roland Spether

Kreisstraße „Bische“-Wagshurst

Debatte um Tempo 70

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Die vor einem Jahr sanierte Kreisstraße 5311 zwischen Wagshurst und Rheinbischofsheim erhitzt die Gemüter. Anwohner beklagen den zunehmenden Motorradverkehr und Lärm. Vor allem an den Wochenenden sei das Geknatter und Gedröhne von Motorrädern ununterbrochen zu hören, bestätigt Wagshursts Ortsvorsteher Ulrich Berger im Gespräch mit bnn.de. Der Grund: Die Strecke ist bei Bikern beliebt – eben, kurvenreich, ein noch relativ neuer Asphaltbelag. Zudem gibt es zwischen Rheinbischofsheim und Wagshurst bis auf wenige Ausnahmen keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Forderungen nach Tempo 70 werden laut.

Berger selbst ist passionierter Motorradfahrer, er kennt die Vorzüge dieser Straße. „Wenn man hin und wieder ein- oder zweimal diese Strecke mit dem Motorrad an einem Tag fährt, ist das in Ordnung.“ Doch der Wagshurster Ortsvorsteher habe großes Verständnis für die Anwohner, die unter dem Krach leiden. Und er kennt so manche Kuriosität. „Wir hatten einen Motorradfahrer beobachtet, der an einem Tag so oft zwischen Wagshurst und Rheinbischofsheim hin- und hergefahren ist, bis er insgesamt 149 Kilometer zurückgelegt hatte“, erzählt Berger.

Gefährliche Situationen erlebt

Auch in Rheinbischofsheim liegen die Nerven der Anlieger der Kreisstraße blank. In einer Ortschaftsratssitzung Ende Juli diskutierten Bürger mit den Räten kontrovers über dieses Thema und forderten eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 70. Rheinbischofsheims stellvertretender Ortsvorsteher Klaus Berger hat selbst gefährliche Situationen auf der K5311 erlebt: „Ich bin Motorradfahrer und fahre die Strecke auch ab und zu. Da wurde ich schon mit stark überhöhter Geschwindigkeit und extremem Lärm überholt“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Und als er jüngst mit dem Fahrrad auf der Strecke unterwegs war, beobachtete er, wie eine am Straßenrand sitzende Frau mit einem Handy ihren in extremer Schräglage auf dem Motorrad heranfahrenden Freund filmte.

Überholen Autos auf dem Radweg?

Zudem berichteten Anwohner der Rheinbischofsheimer Ortsverwaltung, dass Autos zum Überholen auf den Radweg fahren und dann wieder auf die Straße zurückkehren. „Daher kommen auch die vielen Steine auf der Fahrbahn, also nicht von den Landwirten“, ist Klaus Berger überzeugt. Die Ortsverwaltung befürwortet wie die Anwohner Tempo 70 und eine Geschwindigkeitsüberwachung.
Wagshursts Ortsvorsteher Ulrich Berger begrüßt die Forderung aus dem Nachbarort. „In unserer Ortsverwaltung ist dies auch ein Thema und entsprechender Wunsch“, so Berger. Immerhin habe die Stadt Achern Tempo 50 am Ortsausgang bis zur Renchbrücke verlängert. Die Acherner Stadtverwaltung sieht das ebenso, bestätigt Stadtsprecherin Helga Sauer auf Anfrage von bnn.de: „Die Stadt Achern befürwortet eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf der K5311, weil von mehreren Seiten darauf hingewiesen wurde, dass insbesondere Motorradfahrer dort rasen und sich und andere dadurch gefährden.“

Landratsamt sieht Tempolimit kritisch

Das für die Kreisstraße zuständige Straßenverkehrsbehörde im Landratsamt sieht eine Geschwindigkeitsbegrenzung indes skeptisch. Autos sei es kaum möglich, auf der kurvigen Strecke schneller als 100 Kilometer pro Stunde zu fahren. „Fast ausschließlich Motorradfahrer fahren hier mit Geschwindigkeiten von mehr als 100 Kilometer pro Stunde. Aus Erfahrung jedoch nur, wenn sie sich zuvor durch Abfahren der Strecke vergewissern konnten, dass nicht geblitzt oder kontrolliert wird“, erklärt Sabrina Schrempp, Sprecherin des Landratsamts Ortenaukreis. Eine Messstelle sei somit auch nicht zielführend.
Das Landratsamt werde dieses Thema in der nächsten Verkehrsschau gegen Ende des Jahres behandeln. „Anschließend werden wir das Ergebnis mit der Stadt Achern abstimmen, denn ein Teil der Strecke liegt im Zuständigkeitsbereich der dortigen Verkehrsbehörde“, so Schrempp und ergänzt: „Es bleibt fraglich, ob eine Geschwindigkeitsreduzierung die gewünschte Wirkung zeigt.“

Hintergrund: Kieselsteine auf der Fahrbahn

Bürger monieren, dass auf dem parallel zur K5311 verlaufenden neuen Radweg Kieselsteine liegen. Das Straßenbauamt des Landratsamts erklärt auf Anfrage, dass der Sicherheitstrennstreifen zwischen Fahrbahn und gemeinsamen Rad- und Gehweg wegen des Neubaus derzeit noch nicht gänzlich mit Gras bewachsen ist. „Das widerrechtliche Überfahren des Seitentrennstreifens bei Überholvorgängen beispielsweise führt dazu, dass an manchen Stellen etwas Schotter auf den Radweg gelangt“, erklärt Kreissprecherin Sabrina Schrempp. Zugleich sei mittlerweile ein deutlicher Zuwachs an Gras erkennbar. Sobald sich eine geschlossene Wurzelschicht gebildet hat, werden kaum noch Kieselsteine auf den Radweg geschleudert. Der stellvertretende Ortsvorsteher von Rheinbischofsheim, Klaus Berger, ist indes skeptisch: „Solange Autos über den Seitenstreifen auf den Radweg fahren, kann nur schwer Gras wachsen.“

Zwei Baumängel

Wagshursts Ortsvorsteher Ulrich Berger hat zudem Baumängel festgestellt: Auf Wagshurster Seite wurden die Zufahren der Feldwege zwischen Radweg und Straße nicht asphaltiert. Außerdem befindet sich im Radweg an einer Stelle nach der ersten Kurve hinter der Renchbrücke eine Senke, worin sich bis zu zehn Zentimeter hoch das Regenwasser sammelt.

Pro und Kontra: Noch ein Tempolimit?

Rasende Motorradfahrer, illegale Autorennen, ein verschmutzter Radweg: Seitdem die Kreisstraße 5311 zwischen Rheinbischofsheim und Wagshurst vor einem Jahr saniert worden ist, mehren sich in beiden Ortschaften die Klagen der Anwohner über dröhnenden Motorenlärm und gefährliche Situationen auf der Strecke. Größtenteils gilt dort das außerorts für Bundes- und Landstraßen übliche Tempolimit von 100 Kilometer pro Stunde. Forderungen nach Tempo 70 und Geschwindigkeitskontrollen werden laut – darüber gehen die Meinungen auseinander. ABB-Leser können an der Diskussion gerne mitwirken.

Pro: Straße ist kein rechtsfreier Raum

Die Kreisstraße zwischen Rheinbischofsheim und Wagshurst hat es in sich. Sie ist kurvenreich. Dennoch dürfen motorisierte Verkehrsteilnehmer dort bis maximal 100 Kilometer pro Stunde fahren. Entsprechend lockt diese Strecke Motorradfahrer an. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Wer als Biker verantwortungsvoll auf der K5311 unterwegs und dessen Motor nicht bereits zwei Kilometer im Voraus zu hören ist, hat das gute Recht, diese Verbindung ins Hanauerland zu nutzen.
Doch was auf dieser Strecke tatsächlich abgeht, ist mittlerweile reinste Wildwestmanier. Wie Anwohner schildern, liefern sich Halbstarke Autorennen und missbrauchen den Radweg als Überholspur. Und so mancher Biker knattert an den Wochenenden zwischen Wagshurst und Rheinbischofsheim wie ein Pendel hin und her. Dass die Ortsverwaltungen und Anwohner davon genug haben, ist nachvollziehbar. Zurecht fordern sie ein Limit bis Tempo 70 und ein härteres Durchgreifen der Behörden.
Dass das Landratsamt ein Tempolimit auf dieser Strecke skeptisch sieht, kommt einer Kapitulation vor den Rowdys gleich. Doch die Straße ist kein rechtsfreier Raum. Tempolimits und stationäre Radarfallen haben einen erzieherischen Effekt. Bevor schlimme Unfällen passieren, Spaziergänger und Radfahrer zu Schaden kommen, sollte der Kreis durchgreifen, zum Beispiel mit einem durchgänigen Tempo-70-Limit und stationären Blitzersäulen an mehreren Stellen, die auch Motorräder erkennen. Zudem ist der Gesetzgeber gefragt, härtere Bußgelder zu verhängen. Christian Schäfer 

Kontra: Tempo 70 wäre nur ein Placebo

Ein Tempolimit ist kein Allheilmittel für jeden straßenbaulichen Fehlgriff. Was die Planer in den Behörden zuletzt so zusammengestückelt haben, spottet jeder Beschreibung. Der verkorkste Doppelkreisel an der Autobahn bei Achern? Tempo 50 muss es richten. Der Messekreisel bei Offenburg – selbst für geübte Fahrer ein heißer Ritt. Die Stadt verhängt Tempo 30 und kassiert ab. Die gar nicht mehr so neue Bundesstraße 3 bei Achern? Beschränkungen an jeder Milchkanne. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.
Jetzt also ruht der Blick auf der Kreisstraße 5311. Damit das gleich mal klar ist: Mit dem Motorrad ein dutzend Mal auf und ab zu heizen ist, gelinde gesagt, hirnrissig. Das ist keine Rennstrecke, sondern eine öffentliche Straße. Doch ein Tempolimit? Einige werden sich dran halten, andere nicht.
Das macht die Fahrt auf der Strecke gefährlicher, nicht sicherer. Es gibt längst eine Zwei-Klassen-Gesellschaft auf den Straßen. Die einen fahren anständig, sei es aus Überzeugung oder aus Furcht vor Strafe. Die anderen rasen, drängeln, überholen riskant. Das fällige Bußgeld ist ihnen leidlich egal, solange nur der „Lappen“ nicht weg ist.
Die Inflation der Tempobegrenzungen in den letzten Jahren hat daran nichts geändert, sie hat aber dazu geführt, dass die Behörden nicht mehr mit den Kontrollen nachkommen. Bische-Wooscherschd, wie es in Bikerkreisen heißt, mit Tempo 70? Allenfalls ein Placebo.
Vielleicht sollte die Polizei gelegentlich an der K5311 vorbeischauen – und das eine oder andere Motorrad mal näher unter die Lupe nehmen. Das hätte auch eine gewisse lenkende Wirkung. Frank Löhnig