Verwundete und traumatisierte Soldaten fanden im Ersten Weltkrieg in dem in der Illenau eingerichteten Lazarett Aufnahme.
Verwundete und traumatisierte Soldaten fanden im Ersten Weltkrieg in dem in der Illenau in Achern eingerichteten Lazarett Aufnahme. | Foto: Stadtarchiv Achern

Acherner Illenau

„Demokratenthum“ nicht als Geisteskrankheit betrachtet

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Wie sich politische Ereignisse in einer Heil- und Pflegeanstalt spiegelten, zeigte sich in der Illenau ganz besonders zu Zeiten der badischen Revolution 1848/49, im deutsch-französischen Krieg 1870 und im Ersten Weltkrieg.

Kann zur Krankheit führen

Marga Burckhardt, Historikerin in Freiburg, schreibt in ihrer 2003 vorgelegten Dissertation „Krank im Kopf. Patientengeschichten der Heil- und Pflegeanstalt Illenau. 1842 bis 1889“ dass Christian Roller, Gründer und bis zu seinem Tod 19878 Leiter der Illenau, das „Demokratenthum“ nicht selbst als Geisteskrankheit verstanden, jedoch Annäherungen gesehen habe und belegt dies mit einem Zitat aus dem Jahr 1852. „Das tolle Treiben sieht allerdings aus wie Krankheit und kann zur Krankheit führen, ist aber nicht selbst eine solche und gehört nicht in das Gebiet der Aerzte, sondern bedarf der Heilmittel, welche gegen sittliches Verderben wirksam sind.“ Christian Roller schreibt: „Zu den Ursachen, aus welchen in den letzten Jahren Seelenstörungen entstanden sind, hat die Revolution ein reichliches Contingent geliefert … auf bald mittelbare, bald unmittelbare Weise.“

Heilmittel gegen sittliches Verderben

In den Werten der Inneren Mission hingegen, so beschreibt Gerhard Lötsch, glaubte Christian Roller „die Wiedergeburt des Liebens und Dienens aus christlichem Geist“ zu erkennen. Diese, so Christian Roller, seien die „Heilmittel, welche gegen sittliches Verderben wirksam sind.“ Dass Christian Roller anlässlich seines 25. Jubiläums als „Irrenarzt“ 1852 zum „Geheimrath des badischen Erzherzogs“ ernannt wurde, weist allein schon darauf hin, dass er als treuer Beamter und Untergebener der badischen Obrigkeit viel Abstand zu den politischen Kämpfen um demokratische Verhältnisse hatte.

Die Verbundenheit mit der badischen Obrigkeit kam auch beim Besuch der Großherzogin Hilda – hier mit Heinrich Schüle – in der Illenau zum Ausdruck. Das Bild stammt vom 19. Mai 1913.

Adelbert von Bornstedt, in den 1840er Jahren als Literat und Revolutionär, sowie als Mitarbeiter von Karl Marx und Friedrich Engels in Paris und Belgien bekannt, war der wohl bekannteste Revolutionär, der als Patient in die Illenau kam. Von Bornstedt wurde nach seiner Haft im Bruchsaler Zuchthaus wegen „Geisteskrankheit“ in Achern eingewiesen. Schreibt von Bornstedt in Briefen aus Bruchsal im Jahr 1848 noch „Mein Kopf ist voll von Hass und Rache“, so wandelte er sich in der Illenau zum „braven Kirchgänger“.

Vom Revolutionär zum fleißigen Kirchgänger

Pfarrer Ernst Fink schreibt über den Patienten: „Er las viel, besuchte den Gottesdienst fleißig, bedauerte seine Verirrungen, versicherte aber, dass er zu keiner Zeit vom Christenthum sich abgewandt und nun reumütig wie der verlorene Sohn zurückkehre, die Gnade Gottes zu suchen.“ Von Bornstedt verstarb an einer Lungenentzündung am 21. September 1851 noch vor einer möglichen Entlassung.

„Er ließ Friedrich Hecker hochleben“

Zu den 61 Patienten, die nach 1848 aufgrund „revolutionsbedingter Krankheit“ behandelt wurden, gehörte auch Karl Frech, ein Aktivist der Reichsverfassungskampagne. In „tobsüchtigem Zustand“ eingeliefert, wurde der Sohn eines Karlsruher Kammerdieners, ausgebildeter Wund- und Hebarzt, nach einer sechsmonatigen Behandlung mit Digitalis, Opium und Bädern, im Januar 1853 zum Antritt einer Zuchthausstrafe entlassen. „Seinen politischen Überzeugungen war er treu geblieben, sang regelmäßig revolutionäre Lieder und ließ, zusammen mit anderen Patienten, Friedrich Hecker hochleben“, schreibt Kurt Hochstuhl über Frechs Zeit in der Illenau.

Von der Revolution aus der Bahn geworfen

Immerhin 18 Frauen kamen in Folge der Revolution ebenfalls in die Illenau. Als Opfer von Vergewaltigungen, Nötigungen oder Belästigungen, oder als verzweifelte Familienmitglieder von Revolutionären hatte sie die Revolution aus der Bahn geworfen. „Bei Philippine Grieshaber hatte die Revolution ihre gesamten Lebensverhältnisse auf den Kopf gestellt. Sie war die Ehefrau des Haslacher Rabenwirts Franz Michael, der 1849 als Zivilkommissar in Haslach wirkte und Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung in Karlsruhe war. Galt ihre Ehe zuvor als glücklich und die ökonomischen Verhältnisse als gesichert, so zerbrach diese bürgerliche Idylle 1849: Ihr Mann emigrierte nach Frankreich und das Vermögen wurde zur Begleichung der Aufstandskosten beschlagnahmt. Nach mehreren Selbstmordversuchen wurde Philippine Grieshaber 1862 wegen „Melancholia errabunda“ (Schwermut) in die Illenau verbracht“, schreibt Marga Burckhardt. Dass die Illenauer Behandlung mit ausgedehnten Bädern und die Integration in das Gemeinschaftsleben der Anstalt bei ihr nicht erfolgreich war, zeigt sich darin, dass Philippine Grieshaber 1865 „als unheilbar in das Pforzheimer Irrenhaus verlegt“ wurde.

„Geistige Mauern“ zum Einsturz gebracht

Der deutsch-französische Krieg im Jahr 1870, so Gerhard Lötsch, habe die um Illenau gebauten „geistigen Mauern“ zum Einsturz gebracht. Marga Burkhardt schreibt, dass in den Jahren 1870/71 erstmals in größerem Umfang psychische Erkrankungen „insbesondere bei einfachen Soldaten“ aufgetreten seien. In diesem „ersten modernen Krieg“ seien erstmals mehr Soldaten an den Folgen von Kampfhandlungen als an den auftretenden Infektionskrankheiten gestorben.
Insgesamt seien 22 Patienten in der Illenau aufgenommen worden. 21 von ihnen waren „einfache Soldaten“. Zu ihnen gehörte nach Marga Burckhardt auch der 23 Jahre alte Dragoner Nicolaus K., der vor Krankheitseintritt wegen „Dienstnachlässigkeit“ zu dreitägigem Dunkelarrest verurteilt worden war. „Diese Aufregung brachte ihn dazu, nach dem Arrest einen Selbstmordversuch zu unternehmen.“

Traumatisierte Soldaten

Die Zahl traumatisierter Soldaten, so schreibt Marga Burckhardt weiter, „sollte im ersten Weltkrieg weiter ansteigen, seelische Erkrankungen wie „Kriegsneurosen“, „Granatkontusionen“ sowie „Kriegshysterien“ wurden nun zum Massenphänomen, das vor allem im Hinblick auf die Wehrtüchtigkeit der Soldaten und die Funktionsfähigkeit innerhalb der Armee große Beachtung fand.“ Im Illenauer Tagebuch ist im Jahr 1916 zu lesen: „Auf 1. April wurde unser Lazarett, in welches schon seit einiger Zeit mehr Nerven- und Geisteskranke gekommen waren, in ein Reservelazarett für Geisteskranke umgewandelt. Es wurden von da an ausschließlich Geisteskranke aufgenommen, von denen zahlreiche auf den unruhigen Abteilungen untergebracht werden mussten. Es befanden sich darunter auch viele Angehörige von Feindstaaten.“