Der Fachkräftemangel in der Altenpflege macht sich mittlerweile auch im Raum Achern bemerkbar. Heimleiter fordern deshalb eine bessere Bezahlung sowie eine höhere gesellschaftliche Anerkennung des Pflegeberufs. | Foto: Angelika Warmuth;

Altenpflege im Raum Achern

„Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt“

13.000 neue Stellen in der Altenpflege: Die Initiative von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der vergangenen Woche, zusätzliche Arbeitskräfte in Altenpflegeeinrichtungen zu engagieren, nehmen Heimleiter in der nördlichen Ortenau eigentlich positiv auf. Doch „der Arbeitsmarkt ist leer gefegt“, heißt es auf Anfrage des ABB und bnn.de in verschiedenen Einrichtungen.

Kaum Resonanz auf Stellenannoncen

So sucht zum Beispiel das Pflegeheim Erlenbad in Sasbach „händeringend“ nach Personal. Auf Stellenannoncen bewerbe sich mittlerweile kaum noch jemand, bedauert Heimleiter Martin Meier und unterstreicht: „Vor zehn Jahren konnten wir uns die Bewerber noch aussuchen, heute suchen sie uns aus.“
Das Pflegeheim Erlenbad sei eine gefragte Einrichtung, die 60 Plätze „sind stets belegt. Von den 13.000 zugesagten Stellen müssten wir alleine drei erhalten, doch wir bekämen wegen der Anzahl der Plätze nur eine zusätzliche Stelle“, rechnet Meier vor.

Altenpflege: Leiharbeitsfirmen helfen aus

Bislang kompensiert das Pflegeheim Erlenbad den Bedarf an weiteren Arbeitskräften intern. So werden laut Meier Deputate nach oben gefahren, aus Halbtags- werden Vollzeitstellen. Kopfzerbrechen bereitet dem Heimleiter die Fluktuation des Personals, wenn Pflegerinnen zum Beispiel wegen einer Schwangerschaft ausfallen. Auch greift die Heimleitung auf Arbeitskräfte von Leihfirmen zurück. „Das wollen wir eigentlich vermeiden, aber wir müssen es nun“, so Meier. Er ist offen für Pfleger aus Osteuropa, vorausgesetzt, die Verständigung funktioniert.

Träger wirbt mit Wechselprämie

Patrick Vilmin, Direktor des Pflegeheims am Marktplatz in Kappelrodeck mit 40 Plätzen, berichtet, dass es vorgekommen sei, dass innerhalb von einer Stunde zwei Mitarbeiterinnen wegen Schwangerschaft aufhörten. Erst nach einem halben Jahr konnte Vilmin die Stellen besetzen. Die Initiative des Gesundheitsministers würde dem Haus am Marktplatz eine zusätzliche halbe Stelle bescheren. Der Träger, die Evangelische Heimstiftung, wirbt derzeit für eine Wechselprämie von 1.000 Euro ausgebildete Altenpfleger an. Selbst Auszubildende in der Altenpflege zu finden, werde immer schwieriger. Den Mangel an Bewerbern mit Flüchtlingen zu kompensieren, sei kompliziert: „Es scheitert oftmals an der Sprachbarriere“, berichtet der Heimleiter. Die Pflege, bestätigen Meier und sein Kollege Virmin, werde immer intensiver. Ein Hauptgrund ist der demografische Wandel, das Durchschnittsalter im Erlenbad liege mittlerweile bei 87 Jahren.

Verweildauer immer kürzer

Die Verweildauer werde immer kürzer. Gab es im vergangenen Jahr 30 Todesfälle, waren es 15 vor zehn Jahren. Die Anspannung steige zunehmend, auch, um die hohen Qualitätsstandards einzuhalten. Dennoch sei die Altenpflege ein interessanter Beruf mit Aufstiegschancen. „Diese Sichtweise ist in der Gesellschaft noch nicht verankert“, bedauert Meier. Er wirbt bei Berufsinfotagen um neue Auszubildenden. Ein ähnliches Bild im ASB-Seniorenheim Sasbachwalden: „Auf ausgeschriebene Stellen gibt es wenig Interessenten“, berichtet Heimleiter Frank Armbruster. Mit einem Prämienprogramm „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ versucht der ASB, den Mangel an Pflegekräften einzudämmen. Zudem sucht der Landesverband mittlerweile Pfleger im Ausland.

Es fehlt an Wertschätzung

Armbruster zeichnet eine düstere Prognose: Solange in der Gesellschaft Metall mehr wert sei als ein zu pflegender Mensch, werde sich daran nichts ändern. Eine bessere Bezahlung allein löse das Problem jedoch nicht: „In der Gesellschaft muss sich etwas ändern. Es fehlt an Wertschätzung.“ Dies stellt auch eine Pflegedienstleiterin eines Rheinauer Altenpflegeheims konsterniert fest, die ihren Namen nicht nennen möchte. Es gebe so gut wie keine Interessenten mehr. Die Arbeitszeiten seien abschreckend, zudem die steigende psychische Belastung und die körperliche Anstrengung: „Bis zur Rente ist es eigentlich unmöglich, das durchzustehen.“

Forderung nach flächendeckendem Tarifvertrag

Eine hohe Mitarbeiterstabilität verzeichnet hingegen Sabine Fronz, Geschäftsführerin des Altenpflegeheims St. Franziskus in Achern. „Die Personalakquise ist derzeit noch zu meistern“, so Fronz. Aus ihrer Sicht gehe es darum, Bedingungen zu schaffen, dass Menschen den Pflegeberuf gerne ausüben. „Dazu gehört beispielsweise flächendeckend die Anwendung von Tarifverträgen, die in Einrichtungen der Caritas längst üblich sind“, unterstreicht die Geschäftsführerin. Das Altenpflegeheim St. Franziskus würde von der Idee des Gesundheitsministers mit 1,5 zusätzlichen Fachkraftstellen profitieren, erklärt Fronz.