DAS WAR ES: Uwe Bauer vor dem Vorführraum des Acherner Tivoli, an dem mit dem Weihnachtsfest 2017 die Lichter ausgingen. | Foto: Blassmann

„Letzer Mann“ als letzter Film

Acherner Tivoli ist nach 60 Jahren geschlossen

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Von Andreas Blassmann

„Der letzte Mann“ setzte den Schlusspunkt. Im Acherner Tivoli schloss sich mit einem Film aus dem Jahr 1955 zum letzten Mal der Vorhang – nach rund fünf Jahrzehnten in Regie der Familie Bauer ist es vorbei mit einem der letzten verbliebenen kleinen Kinos in der Region.

„Der letzte Mann“ als letzter Film

Dass Uwe Bauer sich bei der Abschiedsvorstellung für Romy Schneider und Hans Albers in „Der letzte Mann“ entschieden hat, das geschah nicht ohne Grund: Dieser Film war im Jahr 1955 auch der Erste überhaupt im Tivoli – damals noch unter der Leitung von- Else Belikan. In den 70er Jahren übernahmen die Bauers das Kino.

Bauers Vater übernimmt Kino am 1. Januar 1970

Uwes Vater Gerd hat seine Ausbildung zum Filmkaufmann in seiner Heimatstadt Bühl absolviert, bei der Kinofamilie Schultz, die zu dieser Zeit das Rheingold und die Blaue Königin führten. Danach war er im Filmverleih in Frankfurt tätig. Am 1. Januar 1970 übernahm Gerd Bauer offiziell das Tivoli. Unterstützt wurde er hierbei zeitlebens von seiner Frau Ursula, die auch bis kurz vor ihrem Tod noch an der Kinokasse anzutreffen war.

Eisverkauf nach dem Werbeblock

Manch ein Acherner Kinobesucher mag sich noch an den Geist der Siebziger Jahre erinnern: etwa der obligatorische Eisverkauf nach dem Werbeblock. Damals war es noch Aufgabe des Platzanweisers, den Kinobesuchern mittels eines Bauchladens Eiskonfekt feil zu bieten. Unvergesslich bleibt dem einen oder anderen vielleicht auch die erotische Spätvorstellung. Die Aushangbilder im hinteren Kasten wurden von Bauer Senior stets sorgfältig zensiert: mit selbstklebenden Blümchen von der Spülmittelpackung seiner Frau.

Ärger über freizügiges Nachtprogramm

Uwe Bauer erinnert sich, dass es damals immer mal wieder Beschwerdebriefe über das freizügige Nachtprogramm gab. Eine Postkarte an die „Schweine vom Tivoli“ hat Bauer aufbewahrt. In den Achtzigern ersetzte Bauer Senior das Konzept des erotischen Films (Freitag und Samstag um 22.15 Uhr) durch Doppelvorstellungen, in den wahlweise „trashige“ Horror- oder Science-Fiction-Filme gezeigt wurden, ein Konzept, das sich in amerikanischen Auto- und Bahnhofskinos etabliert hatte.

Zwei Filme für fünf Mark

Für fünf Mark konnte man sich zwei Filme als sogenanntes „Double Feature“ anschauen, ein Angebot, das vor allem vom jugendlichen Publikum genutzt wurde. Eine feste Einrichtung, die auch Uwe Bauer übernommen hat, war der Mittwoch als Tag des außergewöhnlichen Films (mit Gilde Pass zum verbilligten Eintritt).

Kleinkunstbühne von 1991 an

Einen einschneidenden Wendepunkt brachte im Jahr 1991 die Komplettrenovierung und Neuausstattung des Tivoli, initiiert von Doris und Siegfried Stinus, inklusive einer Bar und einer Kleinkunstbühne im Kinosaal; ein Konzept das in Deutschland rar war. Monatelang erfreuten sich die Acherner Kinobesucher einst in „Der mit dem Wolf tanzt“ am Hufgetrappel und Indianergeheul, das durch die neue Dolby-Digital-Anlage dröhnte.

Filmkritiker pilgerten in neues Tivoli

Der Ruf des schönen neuen Tivolis drang auch über die Acherner Stadtgrenzen hinaus und lockte 1992 SWF-Filmkritikergrößen wie Peter W. Janssen und Dietrich Förster zu „Preview“-Vorstellungen nach Achern.
2002 übernahm Uwe Bauer die Leitung des Tivoli, später zusammen mit Lebensgefährtin Silke Buchholz.

Harry Potter morgens um 8 Uhr

Bereits damals zeichnete sich eine Änderung der Verleihpolitik zugunsten der großen Multiplex-Kinos ab. Ein Verleiher beispielsweise forderte schon im Jahr 2000 beim ersten „Harry Potter“, dass der Film dreimal am Tag gezeigt werden musste. Als Notbehelf ließen die Bauers die Kopie morgens um 8 Uhr einmal durch den Projektor laufen.

Projektoren seit 2011 Geschichte

Auch das ist Geschichte – Projektoren im herkömmlichen Sinne gibt es seit 2011 nicht mehr. Da ließ Uwe Bauer eine neue Digitalanlage im Tivoli einbauen. Trotz vieler Neuerungen, die Bauer sich in den letzten Jahren des Tivoli einfallen ließ, rentierte sich das Kinogeschäft am Ende nicht mehr. Am Konzept des Open-Air-Kinos wird Bauer aber festhalten.