Leer und ungenutzt stehen die Zelte da, die für die Triage hustender Corona-Patienten aufgestellt worden waren. Jetzt will das Ortenau Klinikum langsam wieder auf Normalbetrieb umstellen. | Foto: B. Spether

Vorsichtige Entwarnung

Der Ortenaukreis erwacht langsam wieder aus dem Corona-Lockdown

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Ist Corona doch nicht schlimmer als die saisonale Grippe? Gut vier Wochen nach dem Aufflammen der Pandemie im Ortenaukreis gibt das Landratsamt vorsichtig Entwarnung.

Nach dem deutlichen Rückgang der Neuinfektionen will das Ortenau Klinikum seine von 39 auf 120 Plätze aufgestockten Kapazitäten für die Behandlung von schwerst kranken Covid-19-Patienten sukzessive zurückbauen und sich dran machen, die aufgeschobenen Operationen der vergangenen Wochen nachzuholen.

Weitere Infektionswellen erwartet

Doch man bleibe wachsam, unterstrich Klinik-Geschäftsführer Christian Keller am Dienstag in einer Videokonferenz mit Journalisten. „Wir müssen jederzeit die Flexibilität haben, in kurzer Zeit wieder auf 120 Plätze aufzustocken“, sagte Keller. Denn man müsse mit einer zweiten und dritten Infektionswelle rechnen, auch als Folge der jetzt verfügten Lockerungen im öffentlichen Leben.

Dieses Virus ist ein Miststück

Christian Keller, Klinikchef

Keller warnte davor, die Infektion auf die leichte Schulter zunehmen. Auch am Ortenau Klinikum machten die Ärzte die Erfahrung, dass sich der Zustand der Patienten sehr schnell sehr stark verschlechtern könne. „Dieses Virus ist ein Miststück“, es führe zu ganz sonderbaren und schwer abzuschätzenden Krankheitsverläufen.

Weniger Tote als bei Influenzawelle – bisher

Der Kreis und das Sozialministerium hatten in den vergangenen Wochen täglich über die wachsende Zahl der Infizierten und Corona-Toten berichtet. Doch in einer Gesamtbetrachtung, so Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts, ergebe sich ein durchaus interessantes Bild: Während im März 2018, zur Zeit einer durchaus dramatischen Grippewelle, kreisweit rund 500 Tote zu verzeichnen waren, sind es im Corona-geprägten März 2020 432 Tote, so Bressau.

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Sie griff damit die in den sozialen Medien heftig diskutierte Frage auf, ob die Menschen mit oder an Corona sterben – ob also die Infektion die Todesursache ist. Überwiegend, so Bressau, seien die Menschen wohl mit Corona gestorben und nicht daran. Während der Grippewelle 2017/18 habe es bundesweit etwa 20.000 Todesopfer durch das Influenza-Virus gegeben: „So weit sind wir bei Corona noch lange nicht“.

Vergleiche hinken auch hier

Gleichwohl sei ein Vergleich der beiden Erkrankungen und ihrer Folgen nur bedingt geboten: „Von der Grippe wissen wir, sie kommt, und sie geht auch wieder. Vom Coronavirus aber wissen wir, dass wir nichts wissen“. Man gehe weiter davon aus, dass die Zahl der Kranken und der Toten ohne die Maßnahmen der sozialen Distanzierung „explodiert wären“. Man habe die Bilder aus anderen Ländern nicht vergessen – „das ist an uns vorbeigegangen, und hoffentlich bleibt es auch so“.

Mehr Geld für Mitarbeiter

Landrat Frank Scherer sprach von der „hervorragenden Versorgung“, die die Patienten im Ortenau Klinikum erhalten würden. Der Job sei, so habe er bei einem Besuch der Intensivstation in Lahr gesehen, körperlich und psychisch höchst anspruchsvoll, schon allein wegen der Schutzkleidung, die Ärzte und Pflegemitarbeiter stets tragen müssten. „Dieser besondere Einsatz muss finanziell spürbar sein“. Scherer kündigte an, dem Ausschuss für Gesundheit und Kliniken am Dienstag eine entsprechende Vorlage zu unterbreiten.

Weitere Lockerungen

Der Kreis sei so gut aufgestellt, dass das Klinikum nie an seine Belastungsgrenze gekommen sei. Wenn es so weitergehe, dann könne man über weitere Lockerungen der Kontaktverbote nachdenken, auch für Tourismus und Gastronomie. Dies setze verantwortungsvolle Konzepte voraus.

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Ähnliches gilt für die Sitzung kommunaler Gremien: Man werde weiter empfehlen, diese ausfallen zu lassen, aber auch Rahmenbedingungen formulieren, wie die Räte doch sicher tagen können. Die Ortenau erwacht langsam aus dem Lockdown.