Massive Waldschäden hat es im vergangenen Jahr in der gesamten Region gegeben. Auch trockenresistente Bäume haben massiv gelitten. | Foto: Klaus Müller

Massive Schäden verzeichnet

Der Regen hat dem Wald in der Ortenau bisher nur wenig geholfen

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2018 und 2019 haben alles geändert. Hatten Förster und Waldbauern bislang hoffen dürfen, die Folgen des Klimawandels durch einen langsamen Umbau im Wald abfedern zu können, so ist inzwischen klar: Auch vermeintlich widerstandsfähige Bäume sind durch die Trockenheit der vergangenen beiden Jahre an Grenzen gekommen. Und darüber hinaus.

„Wir hatten 2018 massive Schäden, wie wir sie bislang nicht gekannt hatten“, sagt der neue Leiter des Amts für Waldwirtschaft beim Offenburger Landratsamt, Hans-Georg Pfüller. Konsequenz: Der bei weitem größte Teil der im vergangenen Jahr eingeschlagenen Hölzer musste aus der Not heraus aus dem Wald geholt werden – weil er durch Dürre, Käfer, Sturm, Schneebruch oder Pilze geschädigt war.

Für das laufende Jahr sieht es nicht viel besser aus. Der milde Winter schafft beste Voraussetzungen für den Borkenkäfer, in diesem Frühjahr massiv anzugreifen. Man rechne mit einer „enormen Population“ der Schädlinge im Nadel- teilweise aber auch im Laubholz. „Die überwintern munter im Wald und sitzen in Lauerstellung“, sagt Pfüller.

Hoffnungen haben getrogen

2003 galt bei den Förstern bislang als das Referenzjahr in Sachen Trockenheit und Hitze. Und es hat die Hoffnung genährt, dass bestimmte Bäume wie die tief wurzelnden Tannen zwar unter dem veränderten Klima leiden, aber irgendwie schon damit klar kommen.

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Jetzt zeigt sich: Die Hoffnung trog. Die monatelange Trockenheit hat dem Wald bis zum vergangenen Spätherbst in bislang ungeahnter Weise zugesetzt. „Da saßen auch Bäume auf dem Trockenen, die sich eigentlich das Wasser aus größerer Tiefe holen“ – wie eben die Tanne, die es „ganz locker“ schaffe, bis zu zweieinhalb Meter Tiefe zu wurzeln. Die Trockenheit habe, so Pfüller, „zu massiven Schädigungen des Feinwurzelsystems“ geführt, insbesondere auch bei Tanne und Buche, also zwei Baumarten, die bislang als durchaus trockenresistent galten. Die Folgen sind für jeden offensichtlich – viele Braunfärbungen die im Wald auffallen, seien nicht dem Borkenkäfer zuzuschreiben – „die Bäume sind einfach verdurstet“.

Boden noch immer trocken

Und, auch wenn das nach dem wochenlangen Regen seltsam klingt: Der Boden im Wald ist immer noch zu trocken. Dabei haben die anhaltenden und teilweise auch ergiebigen Niederschläge der vergangenen Wochen und Monate das Problem eigentlich vergessen gemacht. Nur: Das Wasser hat die tieferen Bodenschichten gar nicht erreicht, sagt Pfüller.

Nur teilweise Entspannung

„Unser Eindruck ist, dass die Wasserversorgung noch immer nicht ausgeglichen ist, wir sind auf dem Wege der Besserung, aber wir sind noch nicht im Normalzustand“. Dabei seien gerade im Dezember bis zu 100 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen. Der brachte Entspannung aus Sicht der Wasserwirtschaft, aber nicht aus der des Forsts.

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Die Waldbauern stehen damit vor grundsätzlichen Problemen. Wetter und Klima ändern sich auch sehr viel schneller als die Natur dies ausgleichen kann – beispielsweise indem durch so genannten Naturverjüngung Bäume aufwachsen, die besser mit Hitze und Trockenheit zurecht kommen.

Alternative Baumarten

Und: Nicht zuletzt die Tanne galt bislang als sichere Bank, mit der man auch einmal eine längere Trockenheit überstehen kann. Seit 2019 weiß man: Das ist nicht so. „Wir sind intensiv in der Diskussion, wie wir unsere Wälder klimastabiler machen können“, sagt Pfüller, die Verwendung alternativer Baumarten sei dabei ein zentraler Punkt. So debattiere man in Lahr eingehend über diese Frage, weil dort gerade der zehnjährige Forsteinrichtungsplan zur Verabschiedung anstehe.

Lösung in Südeuropa?

In Frage komme eine ganze Palette von südeuropäischen Bäumen, vielleicht auch von solchen, die auf normalem Wege dem Klimawandel folgen und in Mitteleuropa einwandern würden – „wenn sie nur die Zeit dazu hätten“. Das sei aber nicht der Fall, die Buche zum Beispiel habe tausende Jahre gebraucht, um sich nach der bislang letzten Eiszeit wieder in diese Breiten vorzuarbeiten.

Hans-Georg Pfüller | Foto: Landratsamt Offenburg

Ein besonderes Thema werde dabei die Tanne sein. „Unsere Bobachtung ist, sie kommt in unseren Breiten an ihre Grenzen“. Die Bäume seien in klimatischen Situationen aufgewachsen, die mit dem, was jetzt passiere, in keiner Weise vergleichbar sei.

Massiver Weckruf

Man werde, so Pfüller, künftig bei der Waldbewirtschaftung dem Thema Klimastabilität mehr Bedeutung beimessen müssen als wirtschaftlichen Erwägungen. Das Wetter der vergangenen beiden Jahre „war für uns ein massiver Weckruf“.

Der Ortenaukreis ist bei den Trockenschäden noch vergleichsweise glimpflich davongekommen. Vor allem die südliche Ortenau sei so etwas wie eine grüne Insel, heißt es im Amt für Waldwirtschaft. Die Schäden sind dennoch beträchtlich, vor allem bei den für Waldbesitzer wichtigen Baumarten Fichte und Weißtanne.
Landesweit geht man davon aus, dass bei ersterer 160.000 der im vergangenen Jahr eingeschlagenen 220.000 Festmeter wegen Käfern, Dürre, Sturmschäden oder Schneebruch aus dem Wald entnommen werden mussten.
Bei der Weißtanne sind die Relationen ähnlich, bei der Esche sind 40.000 von 48.000 Festmetern wegen des Eschentriebsterbens gefällt worden. Üblicherweise liege der Anteil der „kalamitätsbedingten Holznutzungen“ nur bei fünf bis zehn Prozent.
Der Forst sieht sich mithin auch vor einem Sicherheitsproblem – die geschädigten Bäume könnten Äste verlieren oder umfallen. Man befasse sich derzeit sehr intensiv mit dem Thema Verkehrssicherung im Wald. Eine hundertprozentige Sicherheit werde man aber nicht bieten können, die Menschen müssten sich auf die „waldtypischen Gefahren“ einstellen.