bald Nur noch das kleine Krabbeln? Das Insektensterben ist nicht mehr zu verleugnen. Ein Volksbegehren zweier Berufsimker möchte dem Rückgang der Artenvielfalt entgegenwirken und hat dafür die Biene als sympathische Galionsfigur gewählt.
Bald nur noch das kleine Krabbeln? Das Insektensterben ist nicht mehr zu verleugnen. Ein Volksbegehren zweier Berufsimker möchte dem Rückgang der Artenvielfalt entgegenwirken und hat dafür die Biene als sympathische Galionsfigur gewählt. | Foto: Thomas Warnack

Volksbegehren Artenschutz

„Der Verbraucher muss es kapieren“

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Unterscheiben oder nicht? Nicht erst seit dem Start der Sammlung am 24. September ist das Volksbegehren Artenschutz – „Rettet die Bienen“ Gegenstand emotionaler Diskussionen. Viele sind unsicher in ihrer Entscheidung oder haben sich noch gar nicht näher mit dem Thema beschäftigt. Der ABB hat bei zwei Landwirten und einem Imker nachgefragt, was sie von dem Vorhaben halten.

Joachim Genter aus Wagshurst betreibt seit 1996 konventionelle Landwirtschaft und hat eines der grünen Holzkreuze an der B3 zwischen Fautenbach und Önsbach aufgestellt. Das Volksbegehren sei der Anlass für die Aktion gewesen, erklärt er, aber für ihn stünden die Kreuze für mehr: „Die deutsche Landwirtschaft wird Stück für Stück zu Grabe getragen. Aber dieses Volksbegehren ist jetzt der Supergau.“

Joachim Genter betreibt seit 1996 konventionelle Landwirtschaft und hat als Protest gegen das Volksbegehren ein grünes Kreuz errichtet.
Landwirt Joachim Genter  hat als Protest gegen das Volksbegehren ein grünes Kreuz errichtet. | Foto: Alina Meier

Ihn ärgere, dass die Bienen instrumentalisiert würden und dadurch die Diskussion nicht mehr auf einer fachlichen Ebene stattfinde. Die Begründungen würden dadurch emotionalisiert und „natürlich ist die Bevölkerung dann dafür.“ Das geplante Verbot von Pflanzenschutzmitteln in jeglichen Schutzgebieten hält er für „den Dolchstoß für die Landwirtschaft.“

Flächenbrand beim Bauernsterben

Einzeln erteilte Ausnahmegenehmigungen hält er schon aus zeitlichen Gründen für nicht praktikabel. Die Behörden seien nicht imstande, so etwas dann zeitnah zu bearbeiten. Genters Prognose: „Das gibt einen Flächenbrand beim Bauernsterben in den nächsten Jahren. So pessimistisch war ich noch nie.“ Herzblut – das sei der einzige Grund warum er weitermache.

Billigere Konkurrenz kommt aus dem Ausland

Er habe sich durchaus schon mit einer möglichem Umstellung auf Ökolandbau beschäftigt, sagt er. Er wollte Bio-Kirschsaft herstellen, allerdings habe sich kein einziger Verarbeiter dafür gefunden. Auch darin sieht er ein Problem: „Eine Erhöhung auf einen Anteil von 50 Prozent Ökolandbau wäre der Tod für alle Bio-Bauern.“ Bio funktioniere eben nicht, wenn der Verbraucher weiterhin lieber die günstigen Produkte aus dem Ausland kauft. „Mit diesen Preisen können wir nicht mithalten“, so Genter. Und wenn es Vorgaben geben soll, dann müssten die eben auch für die Produkte aus dem Ausland gelten – „gleiches Recht und gleiche Pflichten für alle“, fordert der Landwirt.

Landwirtschaft schließt Naturschutz nicht aus

Gerd Schindler betreibt in Mösbach einen Bio-Obsthof – und das aus Überzeugung. „Ich selbst komme aus dem Naturschutz. Ich habe diesen Betrieb von meinem Großvater übernommen und schon immer versucht, den Naturschutzgedanken mit der Landwirtschaft zu vereinen.“ Deshalb findet er auch die Grundidee hinter dem Volksbegehren super. „Das Problem des Artenverlustes ist real“, mahnt er, „und die Landwirtschaft kann durch verstärkte Anstrengung die Negativeffekte der Gesellschaft abmildern. Etwa durch gezielte Blühmischungen oder den Ersatz von Spritzmitteln durch Nützlingseinsatz.“

Gerd Schindler ist Bio-Landwirt aus Überzeugung. Trotzdem sieht er das Volksbegehren kritisch.
Gerd Schindler ist Bio-Landwirt aus Überzeugung. Trotzdem sieht er das Volksbegehren kritisch. | Foto: Alina Meier

Trotzdem kann Schindler die angespannte Stimmung unter seinen Kollegen aus der konventionellen Landwirtschaft nachvollziehen. „Es tut auch mir weh, wie es der Landwirtschaft gerade ergeht. Das Gefühl, für seine Arbeit wertgeschätzt zu werden ist am Tiefpunkt. Wir müssen eine gute Lösung für alle finden, eine Spaltung ist kontraproduktiv.“ Er wolle keinen Krieg „Öko gegen Konventionell“.

Forderungen schränken auch Bio-Bauer ein

Auch ihn würden die von der Initiative geforderten Vorgaben betreffen und einschränken. „Wir verwenden zum Beispiel Gesteinsmehle und Backpulver zum Pflanzenschutz, die wirken ja sowieso schon nicht so stark, wie die chemischen Stoffe. Eine Reduzierung dieser Mittel würde so schnell einfach nicht funktionieren“, erklärt er. Auch bienenungefährliche Pheromone, wie er sie gegen den Apfelwickler einsetze, seien dann in Schutzgebieten untersagt.

Zuerst muss es der Verbraucher kapieren

Dennoch bleibt er dabei: „Allein die Anregung zur Diskussion ist gut und wichtig“, sagt er, „aber nicht alles geht von heute auf morgen. Der Bio-Markt hat sich in den vergangenen Jahren schön langsam selbst entwickelt. Er befindet sich auf einem guten Weg, aber den kann man nicht mit Gesetzen erzwingen.“
Für den Landwirt ist klar: „Zuerst muss es der Verbraucher kapieren.“ Obst und Gemüse dürften nicht mehr zu Billigpreisen verkauft werden. „100 Prozent Bio wäre super, muss aber von Handel und Verbraucher auch täglich gelebt werden. Alle fordern den Bioanbau, kaufen tun es deutlich weniger. Man muss den Leuten vermitteln, was das Produkt wert ist. Und das betrifft jeden, hier muss jeder Verantwortung übernehmen.“

Volksbegehren als demokratische Entscheidung

Ernst Kafka aus Achern-Großweier ist Bioland-Imker mit 30 Bienenvölkern und Vorsitzender des Acherner Imkervereins. Man könnte meinen, er unterstütze das Volksbegehren uneingeschränkt – immerhin geht es um das Wohl der Bienen. Aber auch er ist sich nicht sicher. Grundsätzlich findet er insbesondere die Art der Entscheidungsfindung gut. „Ich finde es positiv, dass die demokratischen Möglichkeiten wahrgenommen werden“, erklärt er.

Ernst Kafka, Imker aus Achern-Großweier findet den Grundgedanken der Initiative gegen das Insektensterben gut.
Ernst Kafka, Imker aus Achern-Großweier findet den Grundgedanken der Initiative gegen das Insektensterben gut. | Foto: Alina Meier

Die Imker hätten schon lange angemahnt: „Auf diese Art und Weise geht es nicht weiter.“ Das Insektensterben sei kein Phänomen, das erst seit gestern bekannt sei. Trotzdem hätten gerade die konventionellen Landwirte die Problematik nicht ernst genommen. „Es gab immer Lippenbekenntnisse, aber nichts ist passiert. Jeder hat gedacht, lass sie mal machen…“, kritisiert er.

Schutzgebiete bedürfen Unterscheidung

Dass sich etwas regt, findet er also positiv. „Aber ich sage nicht, das unterstütze ich sofort“, denn für handwerklich ausgereift hält er das Ansinnen noch nicht. Auch ihn stört die fehlende Unterscheidung verschiedener Schutzgebiete im Gesetzesvorschlag. In Naturschutzgebieten hält er ein grundsätzliches Verbot des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln für richtig. In sogenannten Landschaftsschutzgebieten sollten seiner Meinung nach aber bestimmte Mittel erlaubt sein. Es gebe durchaus Pestizide die abbaubar und nicht bienenschädlich seien.

Bürger sollen sich informieren

Kafka hofft vor allem auf ein Wachrütteln als Effekt des Volksbegehrens, nicht nur beim Bauernverband und der konventionellen Landwirtschaft, sondern eben auch beim Verbraucher. Er kann dennoch keine konkrete Position hinsichtlich der Abgabe einer Unterschrift beziehen, will sich erst noch intensiver mit dem Thema auseinandersetzen. Das möchte er auch seinen Imkerkollegen raten. Schließlich müsse sich jeder eingehend informieren und als mündiger Bürger selbst entscheiden.

Das Volksbegehren Artenschutz – „Rettet die Bienen“ beruht auf einem Vorschlag zur Gesetzesänderung und wurde von den Berufsimkern Tobias Miltenberger und David Gerstmeier ins Leben gerufen. Unterschreiben zehn Prozent der baden-württembergischen Wahlberechtigten – also circa 770 000 – muss die Landesregierung den Vorschlag umsetzen.
Grundsätzlich sind alle Bürger berechtigt, sich an der Abstimmung für das Volksbegehren zu beteiligen, solange sie folgende Voraussetzungen erfüllen: Sie sind mindestens 18 Jahre alt, besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, wohnen seit mindestens drei Monaten in Baden-Württemberg und sind nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen.
Unterstützer können ihre Unterschriften bei einer freien oder einer amtlichen Sammlung abgeben. Seit dem 24. September können bis zum 23. März Unterschriften bei den Vertrauensleuten des Volksbegehrens abgegeben werden – das Formblatt dazu kann im Internet heruntergeladen werden. Im Zeitraum vom 18. Oktober bis zum 17. Januar liegen dann auch in allen Rathäusern während der Öffnungszeiten die Eintragungslisten aus.