Methadon statt Heroin: Lisa Jehle, Leiterin der Jugend- und Drogenberatung Kehl und Hermann Gilsbach von der Drogenberatung Lahr betreuen die Substitution Drogenabhängiger in den beiden Städten. | Foto: Frank Löhnig

Ortenaukreis

Ersatzdroge Methadon als Brücke zurück ins „normale“ Leben

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Die Klienten warten schon. Es sieht hier nicht so aus, wie man sich eine Substitutionspraxis für schwer Drogenabhängige vorstellen mag. Im Gegenteil. Da stehen Grüppchen zusammen, unterhalten sich im halblauten Plauderton, andere warten einfach, als stünden sie an der Bushaltestelle. Keine Drop-outs. Von 9 bis 11 Uhr gibt es Methadon in dem Backsteinhaus unweit des Kehler Stadtzentrums, wer zu spät kommt, geht leer aus.

Bis zu 600 Substituierte im Kreis

Anstellen ist also gefragt, und ein Mindestmaß an Disziplin. Zwischen 500 und 600 Menschen erhalten im Ortenaukreis diese oder eine andere Ersatzdroge, 210 davon in der Lahrer Drogenberatung, 85 in Kehl, die vom Badischen Landesverband Prävention und Rehabilitation (bwlv) in Renchen betrieben werden.

Beschaffungsdruck fällt weg

Dass die Klienten dort ganz „normal“ aussehen und nicht so, wie man sich Drogenabhängige landläufig vorstellt, genau dies ist eines der Ziele der Substitution, wie man die Gabe von Ersatzdrogen nennt. Denn so können die Süchtigen weiter einem normalen Leben nachgehen, frei vom Beschaffungsdruck und den gesundheitlichen Problemen durch verschmutzte Nadeln oder mit anderen Giften gestreckte Drogen selbst. „Mit der Substitution können die Leute sehr gut leben, wenn sie stabil eingestellt sind“, sagt Lisa Jehle, Leiterin der Kehler Einrichtung.

Fast flächendeckendes Netz

Die Zeiten, da um die Gabe von Ersatzdrogen ideologische Kämpfe ausgefochten wurden, die sind vorbei. Mittlerweile gibt es in der Ortenau ein praktisch flächendeckendes Netz von Substitutionspraxen, in Kehl und Lahr vom bwlv, in vielen anderen Teilen des Kreises durch niedergelassene Ärzte, die die Patienten in ihren Praxen empfangen.

Die Aussichten sind ungewiss

Das System funktioniert, doch die Perspektiven sind ungewiss. „Die Ärzte werden älter, das Durchschnittsalter legt inzwischen deutlich jenseits der 50 Jahre“, sagt Herrmann Gilsbach von der Drogenberatung in Lahr. Viele würde die Substitutionsarbeit weit über das Rentenalter hinaus betreiben, doch es gelte dringend, Nachwuchs zu finden – denn nicht jeder Arzt „will dieses Klientel in seiner Praxis“.

Disziplin ist gefordert

Die Substitution zielt nicht in erster Linie auf eine komplette Drogenentwöhnung, aber sie fordert den Süchtigen eine Menge Disziplin ab. So gibt es das Methadon in flüssiger Form oder als Tabletten, keinesfalls aber als Spritze. „Es kann nicht sein, dass das Ritual des Spritzens weitergelebt wird, man muss Abstand bekommen“, sagt Gilsbach. Auch deshalb wird regelmäßig von Ärzten kontrolliert, ob der Substituierte weiter Heroin nimmt.

Ganzheitliches Angebot

„Die Substitution ist eine Chance, dem Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben“, wirbt Nikolaus Lange, Geschäftsführer des bwlv in Renchen. Deshalb spreche er sich auch dafür aus, diese zusammen mit der psychosozialen Beratung wie in Kehl unter einem Dach zu betreiben – um ein ganzheitliches Angebot zu haben. Das unterstreicht Hermann Gilsbach: „Wohnung, Schulden, Arbeit, das Problem muss interdisziplinär angegangen werden“.

Ein Erfolgsmodell

Bis in den 90er Jahren, so der Lahrer Drogenberater, der zuvor in der Berliner Szene gearbeitet hatte, habe das Hilfesystem die Abstinenz als oberstes Gebot bei Rauschgiftabhängigen angesehen. Angesichts der Zunahme der Aidsinfektionen unter anderem durch den gemeinsamen Gebrauch von Spritzen habe man diese Position überdacht – „das Thema ist heute breiter aufgestellt“, die Substitution habe zunehmend an Bedeutung gewonnen. „Mittlerweile kann man das als Erfolgsmodell betrachten, qualitativ und quantitativ“.

Flüssig oder als Tablette wird das Methadon verabreicht. | Foto: Uli Deck

Die Ersatzdrogen verhindern nicht nur den Entzug, sondern sie stillen auch das eigentlich unstillbare „craving“, das Verlangen nach der nächsten Drogendosis, sagt Lisa Jehle. Es wende sich vor allem an Patienten, die schon sehr lange abhängig sind „und bei denen Abstinenz nicht mehr vorstellbar ist“. Jüngeren Süchtigen, die erst vergleichsweise kurz abhängig sind, rate man eher zur Therapie.

Opiatsucht in vielen Formen

Dabei haben die Drogenberatungen mit vielfältigen Formen der Opiatsucht zu tun – beispielsweise auch mit Menschen, die bei schweren Erkrankungen massive Schmerzmittelgaben erhalten haben und nun davon nicht mehr wegkommen. Die spritzen nicht, sondern nehmen Pillen – oder Pflaster, die die Wirkstoffe ganz langsam abgeben, sagt Herrmann Gilsbach, der seit 20 Jahren in Lahr arbeitet und der festgestellt hat, dass sich die Rauschgiftszene massiv verändert hat: „Der Drogenbereich ist ein Seismograf für gesellschaftliche Veränderungen, Amphetamine und die damit erhoffte Leistungssteigerung zum Beispiel waren von 20 Jahren noch kein Thema“.

 

Der Drogenmarkt in der Ortenau ist unüberschaubar geworden, sagen Lisa Jehle und Herrmann Gilsbach. Immer wieder tauchen neue Designerdrogen auf, oft nur durch minimale chemische Veränderungen. Es gebe, so Nikolaus Lange vom bwlv, Patienten, bei denen man nicht mehr unterscheiden könne, ob sie von Alkohol, Opioiden oder anderem abhängig seien. Opioide mit Zusatzstoffen sind derzeit in Lahr angesagt, Kokain werde immer billiger und sei breit verfügbar. Stark im Kommen seien Amphetamine zur Leistungssteigerung.