Auch die Hochschule Kehl arbeitet derzeit im Corona-Modus. Die Mediathek ist Studierenden nicht zugänglich. | Foto: Rothe

Gegen soziale Spaltung

Die Kommunen sollen nach Corona die Gesellschaft zusammenhalten

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Digitaler Unterricht gut und schön. Doch er hat seine Grenzen, sagt Joachim Beck. Beck ist seit 2014 Professor für Verwaltungsmanagement an der Hochschule Kehl und seit Juli vergangenen Jahres deren Rektor. Und er musste mit dem Auftreten des Coronavirus in Deutschland den gesamten Lehrbetrieb auf den Kopf stellen.

„Ich hätte mir nicht vorstellen können, im ersten Amtsjahr so eine Entscheidung treffen zu müssen“, sagt er. Doch inzwischen wird in Kehl digital gelernt und gelehrt. Dabei ist schon jetzt klar: Man wird aus den Erfolgen und Irrtümern der vergangenen fünf Wochen lernen.

Doch digitaler Unterricht ist kein Allheilmittel: „Die Studierenden leiden, wenn sie den ganzen Tag auf Bildschirme starren“. Und auch den Dozenten ist offenbar nicht immer wohl: „Ich habe Kollegen gesehen, die laufen irritiert durch die leere Hochschule“, berichtet Beck.

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In Windeseile auf Neuland wegen des Coronavirus

Die Hochschule musste bei der Digitalisierung des Unterrichts Neuland beschreiten – in Windeseile. Das Semester beginnt in Kehl bereits am 1. März. Das heißt: Die Corona-Krise traf die Hochschule mit voller Wucht. „Wir mussten uns in wenigen Tagen überlegen, wie wir die Lehre online umsetzen sollen“, sagt Beck.

Die Digitalisierung als Chance nach Corona: Joachim Beck, Rektor der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl. | Foto: Hochschule Kehl

Letztlich habe man sich für das Programm Zoom entschieden, dann aber händeringend nach Lizenzen suchen müssen. Dazu kam, dass auch die Hardware schwächelte – „unsere Server sind nicht ausgerüstet für die digitale Lehre“, sagt Beck. Die Postfächer der Studenten quellen schnell über.

Wir sind noch in einer Lernschleife

Joachim Beck, Rektor Hochschule Kehl

„Am Anfang war wahnsinnig viel Innovation gefordert und auch jetzt sind wir noch in einer Lernschleife“, so der Rektor, der auch seht, dass die Studenten mit Arbeit überhäuft werden. Denn die Aufbereitung des digitalen Unterrichts verlangt sehr viel mehr Aufwand als die Dozenten üblicherweise einrechnen. „Wir lernen jetzt gerade eine realistische Einschätzung, wo Digitalisierung Sinn macht und wo nicht“, berichtet Beck nach den ersten Wochen.

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Erstsemester sind besonders betroffen

Dabei auch die sozialen Kontakte fallen weg. „Ganz schlimm ist es für die Erstsemester“, sagt Beck, die seien nach eineinhalb Wochen Unterricht „in die digitale Welt entlassen worden“. Das klassische Studentenleben – Fehlanzeige. Das was ein Studium ausmache, dass man die Dozenten als Menschen wahrnimmt, dass man Freundschaften untereinander schließe und gemeinsam feiere – das alles findet nicht statt.

Und doch gibt es Dinge die der Rektor in die Nach-Corona-Zeit hinüberretten will. So seien die Hierarchien deutlich flacher in der digitalen Welt, man könne schneller Rückkoppelung haben, weil Hierarchiestufen einfach übersprungen werden.

Die Kehrseite: Dass jeder Verantwortliche auf dem Dienstweg alles abzeichnet, so dass eine unterschriftsreife Vorlage bei Chef landet, das entfällt: „Das Risiko ist dann, dass man zu schnell etwas beschließt“.  Den „endlosen Dialogen per E-Mail“ dagegen weint Beck keine Träne hinterher – neuerdings würden offene Frage flugs per online- Konferenz aus der Welt geschafft.

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Zentrale Rolle für Kommunen nach Corona

Beck erwartet Konsequenzen auch für die Arbeit der Kommunen nach der Krise. „Die Innovation, die wir jetzt schaffen, müssen wir verstetigen, allerdings mit einem kritischen Blick auf die Folgewirkungen“. Dies gelte besonders für die digitalen Angebote an die Bürger, mit den sich die Kommunen oft noch schwer täten. „Wir müssen auch auf lokaler Ebene lernen, dass und wie die digitale und physische Beteiligung der Menschen stattfindet“.

Die Verwaltung müsse sich in die Zivilgesellschaft öffnen, um mit den sozialen Folgen der Krise besser umgehen zu können. „Die Folgewirkungen von Corona werden wir nur bewältigen, wenn die soziale Kohäsion in unserer Gesellschaft erhalten bleibt“. Dies zu gewährleisten, sei eine Aufgabe der Städte und Gemeinden: „Nur die Kommunen können das in den Griff bekommen“.