Eine Skulptur des Ottersweierer Künstlers Manfred Emmenegger-Kanzler steht künftig im Zentrum des Gedenkens an die Euthanasie-Opfer aus der Hub. | Foto: pr

Erinnerung an Euthanasiemorde

Die Opfer aus der Hub erhalten einen Namen

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Die Opfer sollen einen Namen erhalten: Das Klinikum Mittelbaden will der Erinnerung an die Euthanasieverbrechen an Bewohnern der Hub eine neue Form geben. Das bestätigten Geschäftsführer Jürgen Jung und Heimleiterin Lilian Heck. Auf Anregung des Ottersweierer Bürgermeisters Jürgen Pfetzer ist der Ottersweierer Künstler Manfred Emmenegger-Kanzler mit einer Skulptur beauftragt worden, der 2015 bereits das Mahnmal „Gedächtnislücke“ für die Acherner Illenau geschaffen hat.

„Wir haben schon viel in dieser Richtung getan“, sagt Jung. Die Ermordung kranker und behinderter Menschen, die in die Obhut der Hub gegeben worden waren, ist in den vergangenen Jahren intensiv erforscht worden; beispielhaft sei Adalbert Metzinger genannt, der nach umfangreichen Recherchen unter anderem den entsprechenden Beitrag in einer 2012 erschienenen Sonderveröffentlichung des Landkreises Rastatt zur Geschichte der Hub geschrieben hat. Auch künstlerisch ist das Thema angegangen worden; seit rund 20 Jahren erinnert im Park der Hub eine Statue der Maria Assunta, geschaffen von der Künstlerin Gudrun Schreiner, an die Zeit mörderischen Unrechts.

 

Die Statue der Maria Assunta, geschaffen von Gudrun Schreiner, erinnert im Park an die Zeit mörderischen Unrechts. Foto: Lienhard

Umfangreiche Vorarbeiten

Dass das Thema nun wieder aufgegriffen wird, begründet Jung damit, „dass wir den Deportierten und Getöteten nicht ganz gerecht geworden sind. Wir wollen den Opfern einen Namen geben.“ Das Kreisarchiv Rastatt und der Historische Bürgerverein Ottersweier wurden einbezogen; Lilian Heck hat sich intensiv mit dem Thema befasst. Sie nahm Kontakt mit der Gedenkstätte Grafeneck auf; in die Einrichtung auf der Schwäbischen Alb waren die meisten Opfer aus der Hub gebracht worden. Heck recherchierte im Bundesarchiv in Berlin und fand neue Details. Als gesichert gilt, dass 409 Menschen aus der Hub in Tötungsanstalten gebracht wurden. Es könnten aber bis zu 526 gewesen sein. So steht es auf dem bisherigen Gedenkstein, und so weisen es die „Transportlisten“ der Hub aus. Für 1940 sind elf Transporte mit 526 Patienten dokumentiert, sie gingen nach Grafeneck und wohl nach Hadamar bei Limburg an der Lahn. 1940 sind in Grafeneck jedenfalls 404 Patienten aus der Hub angekommen. Mittlerweile ist ein zwölfter Transport aus dem Jahr 1941 bekannt, dessen Bestimmungsort wohl Hadamar war. Der damalige Direktor der Hub, Otto Gerke, sprach von einer „an sich recht guten Sache“. Doch schon lange vor diesen Transporten war das Thema präsent. Bereits im März 1932 (!) war in Ottersweier ein Plakat aufgetaucht mit der Aufschrift: „Mutter, wenn Dein Kind schwächlich ist, soll es getötet werden. Das ist die Lehre Hitlers.“

Aus der Gesellschaft herausgebrochen

Das Kunstwerk, mit dem an die Opfer erinnert und das Manfred Emmenegger-Kanzler schaffen wird, soll drei Meter hoch werden und aus Cortenstahl bestehen. Es ist von Rechtecken durchlöchert; eine Symbolik, die für Lilian Heck ausdrückt, „dass die Menschen in großer Zahl aus der Gesellschaft herausgebrochen wurden“. Im Inneren der Skulptur leuchtet auf dem Boden ein Kreuz. Über den ganzen Park werden leicht geneigte kleine Quader verteilt, die Namen einzelner Patienten tragen. Auch Kurzbiografien einzelner Opfer sollen präsentiert werden.

Vor Übergabe eine Ausstellung

Im Herbst soll die Skulptur übergeben werden. Zuvor ist noch eine Ausstellung geplant. Vom 15. bis zum 26. Juli ist in der Weinbrennerkirche der Hub die Wanderausstellung „Krankenmord im Nationalsozialismus – Grafeneck 1940. Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland“ zu sehen. Sie beschäftigt sich mit der Ermordung von mehr als 10 600 kranker und behinderter Menschen in Grafeneck im Jahr 1940 – mehrere hundert davon waren zuvor in der Hub gewesen.

„Deshalb mussten sie sterben“

„Das war ein unfassbares Geschehen“, sagt Jürgen Jung. Es ist gerade auch die bürokratisch-nüchterne Vorgehensweise, die heute noch erschaudern lässt. Der Historiker Götz Aly hat es in seinem Buch „Die Belasteten. ’Euthanasie’ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte“ aus dem Jahr 2013 so formuliert: „Die meisten Opfer der Euthanasie litten an realen, nicht an herbeidiagnostizierten Problemen, die allermeisten erfüllten das zentrale Kriterium der Morde: Sie konnten nicht hinlänglich produktiv arbeiten, sie verbrauchten Gelder, banden Ressourcen und Arbeitskräfte. Deshalb mussten sie sterben…Die Kosten-Nutzen-Rechnung bildete von Anfang die Grundlage der Krankenmorde.“