Mehr und mehr Angriffen sehen sich Polizeibeamte vor allem in der Ortenau ausgesetzt. | Foto: Kraufmann

Präsidium zieht Bilanz

Die Polizei ist in der Ortenau immer öfters das Ziel von Attacken

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2,9 Prozent mehr Straftaten wurden im vergangenen Jahr im Bereich des Polizeipräsidiums Offenburg verzeichnet. Auf den ersten Blick eine schlechte Nachricht. Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich: An den entscheidenden Punkten ist die Zahl der Delikte kleiner als 2018.

Dies betrifft besonders die Wohnungseinbrüche, bei denen vor allem im Ortenaukreis ein massiver Rückgang zu verzeichnen ist – auch weil die Bürger sich selbst schützen. Die Polizei vermeldet hier ein Zehn-Jahres-Tief.

Einbrecher scheitern oft

Immer mehr Taten, so Polizeipräsident Reinhard Renter bei der Vorstellung der Zahlen am Freitag, blieben im Versuchsstadium stecken, die Langfinger scheitern an Sicherungen von Türen und Fenstern. Aus dem Trend fallen hier die Kreise Baden-Baden und Rastatt. Das liege vor allem an „reisenden Tätergruppen“, die beispielsweise in Kappelwindeck massiv zuschlugen. „Wir sind da stark reingefahren mit Prävention“, so sagt Renter, man habe zudem einige der Täter ermitteln können.

Polizeipräsident Reinhard Renter legte die Bilanz für 2019 vor

Deutlich zurückgegangen sind auch Straßenkriminalität und Gewaltkriminalität, beides Deliktfelder, die dem Bürger besonders nahe gehen. Dass die Zahl der Straftaten dennoch deutlich zugenommen hat, liegt nicht zuletzt an den Drogendelikten, die seit zwei Jahren geradezu sprunghaft angestiegen sind.

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Getragen wird dies nicht zuletzt von der Entwicklung in Offenburg, wo die Polizei seit 2018 lange mit dem Entstehen einer offenen Drogenszene zu kämpfen hatte. Dazu kommt: Drogenkriminalität ist „Holkriminalität“, je mehr die Beamte hier ermitteln, um so mehr Fälle werden aktenkundig. Das drückt einerseits die Statistik, hebt andererseits die Aufklärungsquote.

Straßen wurden sicherer

Besonderes Augenmerk hat die Polizei im vergangenen Jahr den Straftaten im öffentlichen Raum gewidmet – Handtaschenraub, sexuelle Belästigung, Körperverletzung, Landfriedensbruch, Diebstahl oder die Beschädigung von geparkten Fahrzeugen.

Die Bemühungen der Beamten waren von Erfolg gekrönt – „wir habe den niedrigste Wert seit 20 Jahren erreicht“, sagt Norbert Schneider, Leiter der Schutzpolizeidirektion. Rückgänge gab es auch bei Raubdelikten, die Polizei vermeldet hier für den gesamten Präsidiumsbereich mit mehr als 700.000 Einwohnern 16 Prozent weniger Straftaten.

Sechs Ermittlungen wegen Mordes

Halbiert hat sich im Präsidium die Zahl der als Mord gewerteten Straftaten von zwölf auf sechs. Im Ortenaukreis führt die Polizei zwei Fälle als Mord – den Tod einer Tänzerin des Ruster Europaparks sowie eine 23 Jahre zurückliegende Straftat in Gengenbach, für die 2019 der Tatverdächtige festgenommen werden konnte.

Mehr Gewalt gegen Polizisten

Weiter zugenommen hat die Gewalt gegen Polizeibeamte – allen gemeinsamen Bemühungen von Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium zum Trotz. Dabei scheinen auch die so genannten Bodycams zunächst noch nicht zu einer Trendwende geführt zu haben.

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Im vergangenen Jahr wurden 331 Übergriffe registriert, seit der gesonderten Erfassung der Fälle 2015 ist die Zahl fast kontinuierlich angestiegen. Dabei fällt besonders der Ortenaukreis mit 241 Angriffen auf, in Rastatt in Baden-Baden hingegen sind die Fallzahlen zweistellig.

Sind Bodycams nutzlos?

Die Bodycams, die Polizisten nach Ankündigung einschalten, wenn sie beispielsweise bedrängt werden, haben sich dabei noch nicht ausgewirkt – „Wir gehen davon aus, dass die beabsichtigte Wirkung in diesem Jahr einsetzt“, sagt der Polizeipräsident im Gespräch mit dieser Zeitung.

Es ist niemand mehr draußen

Reinhard Renter zu den Corona-Folgen

Renter geht allerdings davon aus, dass die Statistik Ende 2020 ohnedies ganz anders aussehen wird als in den vergangenen Jahren. Die Einschränkungen, die eine Ansteckung mit dem Coronavirus verhindern sollen, schlagen auch in der Kriminalstatistik zu Buche. „Es ist niemand mehr draußen, wir werden in diesem Jahr einen starken Rückgang der Straßenkriminalität erleben“, sagt Renter.

Ruhe rund um Gaststätten

Auch rund um die Gaststätten herrsche Ruhe, es gebe weniger Vorfälle und insgesamt auch sehr viel weniger Verkehrsunfälle, so Renter in einer ersten Einschätzung der zurückliegenden Tage und Wochen. Massiv zurückgegangen ist auch die Zahl der Wohnungseinbrüche: „Auch die Einbrecher haben Angst“, sagt Renter.

Neue Aufgaben für Polizei

Damit haben sich auch die Aufgaben der Polizei in den letzte Wochen grundlegend geändert. Die Beamte würden jetzt großes Augenmerk darauf legen, die Maßnahmen zur Viruseindämmung zu überwachen. Dabei stoße man bei den Menschen auf sehr viel Verständnis: „Wir stellen kaum Verstöße fest. Die einzigen die sich nicht an die Verordnung halten, sind die Drogenabhängigen aus Offenburg“. Die Beschaffungskriminalität laufe weiter.