Rassistische Vorfälle wie hier gegen Würzburgs Leroy Kwadwo (r.) häuften sich in der Vergangenheit im deutschen Profifußball. | Foto: imago images

Thema „Rassismus“

Diskussion über Rassismus im mittelbadischen Amateurfußball: Vereinsfunktionäre sind uneins

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Noch vor wenigen Tagen bestimmten nicht die Entwicklungen der Corona-Pandemie die Sport-Berichterstattungen der Zeitungen und Fernsehsender, sondern vor allem das Verhalten von Fußball-Fans. Banner gegen SAP-Gründer und Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp wurden thematisiert, aber auch rassistische Vorfälle.

Anfang Februar wurde Hertha-Spieler Jordan Torunarigha beim DFB-Pokalspiel auf Schalke von einigen Zuschauern offenbar aufgrund seiner Hautfarbe beleidigt. Ähnliches erlebte Würzburgs Leroy Kwadwo beim Drittliga-Spiel in Münster, mit der Folge, dass umstehende Zuschauer den Tatverdächtigen identifizierten und dieser deshalb mit einem bundesweiten Stadionverbot von drei Jahren sanktioniert werden konnte.

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Im mittelbadischen Amateurfußball gehen die Meinungen zu diesem Thema auseinander. Miroslaw Witkowski, Trainer des A-Kreisligisten TuS Hügelsheim, bei dem einige Flüchtlinge im Kader stehen, äußert folgende Erfahrungen: „Wir bekommen schon oft auf den Deckel. Bei einem Auswärtsspiel hat ein Zuschauer einen Spieler von uns als „schwarzes A…loch“ beleidigt, Umstehende haben ihn dann dazu aufgefordert, den Sportplatz zu verlassen. Vorfälle wie diese kann man nicht vermeiden.“ Ähnliches erlebt hat auch Antonio Fusaro, Trainer von Hügelsheims Ligakonkurrenten VfR Achern: „Wir sind eine Multikulti-Truppe. Unsere farbigen Spieler wurden schon mehrfach von gegnerischen Zuschauern mit Anmerkungen bedacht, teilweise unter der Gürtellinie. Meistens kommen diese Kommentare, wenn der Gegner auf der Verliererstraße ist. Ich denke, damit müssen wir leider leben, so traurig das ist.“

„Dinge werden in Rassismus-Kiste geschoben, die früher gang und gäbe waren“

Norbert Weisbrod, Sport-Vorsitzender des SV Vimbuch, kann rassistische Vorfälle im Zusammenhang mit seinem Verein nicht bestätigen: „Viele Mannschaften haben farbige Spieler in ihren Reihen. Bei diesen Teams hüten sich die eigenen Zuschauer automatisch vor rassistischen Beleidigungen.“ Auch Dieter Zaum, Vorsitzender des FV Haueneberstein, registriert zwar „Beleidigungen auf dem Fußballplatz, diese sind jedoch nicht explizit rassistisch“. Auch weist er darauf hin, dass es sich dabei um keine neuartige Entwicklung handele, da es auch früher schon Beleidigungen gegeben habe.

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Auf Nachfrage der Redaktion teilte Vito Voncina, Vorsitzender des Fußballbezirks Baden-Baden, mit, dass es vor der Winter- und Corona-Pause „keine gravierenden Fälle“ gegeben habe. „Fakt ist: Das Thema ist deutlich diffiziler geworden als früher. Der eine Verein sagt, dass etwas vorgefallen sei, der andere Verein verneint dies. Heutzutage werden oftmals Dinge in die Rassismus-Kiste geschoben, die früher gang und gäbe waren.“ Außerdem wies Voncina darauf hin, dass die Schiedsrichter dazu angehalten seien, jeden rassistischen Vorfall sofort dem Verband mitzuteilen.

„Würde es gutheißen, wenn der Schiedsrichter bei einem Vorfall das Spiel abbricht“

Mit dem Schiedsrichterwesen bestens vertraut ist Schiedsrichter-Obmann Bernhard Zerr. Der ehemalige Bundesliga-Unparteiische schätzt die Situation in der Region folgendermaßen ein: „Wir sind von diesem Thema bisher weitestgehend verschont geblieben, auch weil dunkelfarbige Spieler bei uns eher die Ausnahme sind. Wenn etwas in diese Richtung vorfallen sollte, muss der Schiedsrichter viel Feingefühl zeigen und ein Spiel auch mal abbrechen. Ich würde eine solche Entscheidung gutheißen und voll dahinterstehen. Man darf sich auf dem Platz foppen aber dabei gewisse Grenzen nicht überschreiten.“

Ich bin nicht hierhergekommen, um mit jemandem Probleme zu haben.

Ein Verein, der in der Vergangenheit mehrfach von rassistischen Beleidigungen betroffen war, ist Bezirksligist FV Baden-Oos. „Rassismus ist ein Thema, das im Amateurbereich absolut eine Rolle spielt. Wir haben vier farbige Spieler in unseren Reihen und müssen uns ständig mit Vorfällen auseinandersetzen“, so Thomas Fritz, Vorsitzender des Vereins. Ein Spieler, ein Leistungsträger zudem, stehe bei diesen Vorfällen besonders im Fokus.

Der Spieler möchte nicht namentlich genannt werden, aus Angst, dass er mit seinen Aussagen seine Aufenthaltserlaubnis gefährdet. „Der Spieler will im Sommer mit dem Fußballspielen aufhören, weil er mit den Beleidigungen und Provokationen einfach nicht umgehen kann und sich dann auch zu Tätlichkeiten hinreißen lässt“, sagt Fritz. „Der Schiedsrichter kann meist nur die Reaktion des Spielers, nicht aber Ursachen für sein Verhalten erkennen.“

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Der Spieler, der vor einigen Jahren aus Gambia nach Deutschland geflüchtet ist, bewertet seine Situation so: „Ich habe viele Schwierigkeiten auf den Plätzen gehabt. Gegenspieler provozieren mich, auch Zuschauer. „Geh zurück in deine Heimat“ habe ich gehört. Deshalb möchte ich nach der Saison aufhören. Ich will meine Ruhe haben und bin nicht hierhergekommen, um mit jemandem Probleme zu haben. Es macht mich sauer, wenn jemand sagt, dass ich nur wegen des Geldes hier bin. Oder wenn mich jemand wegen meiner Hautfarbe beleidigt – das ist zu viel für mich.“

Wo fängt Rassismus an? Eine mögliche Umfrage mit zehn Teilnehmern würde vermutlich zehn verschiedene Begriffsauffassungen ergeben. Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) definiert den Begriff folgendermaßen: „Rassismus lässt sich als ein Diskriminierungsmuster und Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse beschreiben. In modernen Gesellschaften sind es vor allem kulturelle Merkmale, über die Menschen abgewertet und ausgeschlossen werden.“
Als ein Beispiel für rassistisches Handeln beschreibt die BpB einen Test, bei dem sowohl eine weiße Frau als auch ein schwarzer Mann in einem Park Fahrradschlösser aufbrechen sollten. Während die Frau wohlwollende Reaktionen hervorrief, griffen die Parkbesucher beim Mann vermehrt ein.